Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1102. DIE2KEELT: Nr. 36 der Politik wie in der Wirtschaft vollzieht sich die Entwicklung nicht nach mechanischen, sondern nach organischen Prinzipien. Das Werden eines Volkstums kann nicht durch legislatorische Maßnahmen konstruiert werden, so daß es nach Abschluß eines Vertrages und in Gemäßheit dieses Vertrages vor sich geht, sondern es wächst durch seine innere Kraft, wie ein lebendiger Organismus, und die politische Aufgabe besteht im wesentlichen darin, die Hemmnisse zu beseitigen, die das Wachstum aufhalten könnten. So wenig wie das Wachsen einer Pflanze, so wenig kann der Zionismus von irgendwelchen Rechten oder Verträgen abhängig gemacht werden. Wenn man hiergegen einwendet, daß wir unsere Sache durch den Mangel an Rechtssicherheit gefährden, so antworten wir, daß diese scheinbare Schwäche unsere wahre Stärke ist. Wir müssen uns durchsetzen und d ü r f e n unsere Sache nicht von gewissen Bedingungen abhängig machen, die sich jeden Tag ändern können. In der Politik geht Macht vor Recht, und in Wahrheit sind alle rechtlichen Garantien hinfällig, sobald es der Politik des Tages so paßt, Das bedeutet nun keineswegs einen Verzicht auf politische Tätigkeit. Jm Gegenteil. Wir lehnen eine Politik ,ab, die einen in der Wirklichkeit nicht begründeten Rechtszustand schaffen will, und fordern dafür eine realistische Politik, die sich bemüht, unter Berücksichtigung der tatsächlichen Zustände und der von uns selbst für die nächste Zukunft angestrebten Entwicklung unsere Sache vorwärts zu bringen. Wir müssen die türkische Regierung von dem Werte unserer Arbeit überzeugen, und von Fall zu Fall zu erstreben suchen, was wir selbst als realisierbar betrachten. Unsere Politik kann keine praktischen Erfolge erzielen, wenn sie mit dem Ende beginnen will. Wir müssen durch unsere Arbeit Vertrauen zu uns schaffen, müssen aufklärend wirken und durch Teilkonzessionen weiter gelangen. Die Palästina-Arbeit selbst ist der wichtigste Teil unserer politischen Arbeit. Theoretische Vorschläge machen auf Staatsmänner keinen Eindruck. Nur was wir bieten, das gilt und kann zur Grundlage von Verhandlungen dienen. In diesem Sinne wird heute unsere Politik in Konstantinopel geführt. Unsere reale Arbeit erwirbt aber auch Ansprüche. Gerade nach türkischer Rechtsauffassung gehört der Boden dem, der ihn bearbeitet, und wir wissen ja, daß man unsere Kolonisten —- von gelegentlichen kleinen Schikanen abgesehen — nie ernstlich in ihrer Arbeit gestört hat. Wie unsere Palästina-Arbeit vom rein politischen Standpunkt absolut notwendig ist, so ist sie es auch vom nationalen Standpunkt. Das Argument, wir brauchten die Palästinaarbeit für die Agitation, ist unserer nicht würdig. Nicht um äußere agitatorische Erfolge zu erzielen, brauchen wir die Palästina-Arbeit. Wir wissen heute, daß die Gewinnung Palästinas ein allmählich fortschreitender Prozeß ist, daß für die nächsten 10 oder 20 Jahre nur ein geringer Bruchteil der J'udenheit nach Palästina übersiedeln wird. In der Diaspora schreitet die Assimilation unaufhaltsam vorwärts, Nur der Zionismus kann sie aufhalten, indem er auch den in der Diaspora verbleibenden Juden eine nationale Aufgabe setzt. Ohne praktische Palästina-Arbeit ist aber eine nationale Bewegung in der Diaspora nicht möglich. Alle Versuche in dieser Richtung sind theoretische Spielereien. Ich stelle mir die Rückwirkung des Zentrums auf die Diaspora für die nächste Zeit nicht im kulturellen Sinne vor — das halte ich für eine Utopie — sondern im national-politischen. Die Tatsache, daß das Judentum in Palästina wächst, gibt der ganzen Judenheit Selbstbewußtsein und Freude an einer solchen Aufgabe. Die Palästina-Arbeit bildet also den Mittelpunkt aller zionistischen Tätigkeit, und zwar nicht vom Standpunkt persönlicher Zionsliebe, sondern vom Standpunkt jüdischnationaler Politik. Nach welchen Methoden soll nun die Palästina-Arbeit betrieben werden? Wenn wir unser eingangs formuliertes nationales Ziel im Auge behalten, so ist unsere Aufgabe die Gewinnung eines sehr erheblichen Teils der Bodenfläche und ihre Besiedlung mit einer nach Hunderttausenden zählenden jüdischen Bevölkerung. Ueberblicken wir unsere bisherige Tätigkeit, so müssen wir sagen, daß wir noch ganz im Anfang stehen, und zwar im wesentlichen aus Mangel an Mitteln. Wir brauchen nach den bisherigen Erfahrungen eine große Landgesellschaft, die nicht nur Land kauft, sondern kapitalkräftig genug ist, das Land zu okkupieren und eine Zwischen Wirtschaft zu errichten, bis eine rentable Parzellierung durchgeführt ist. Die P. L. D. C. ist hierfür zu schwach, aber auch durch Beleihung des N.-F. sind die nötigen Mittel nicht zu schaffen. Der N.-F. selbst ist dazu zu arm. Es sollte unsere Aufgabe sein, aus der P. L. D. C. eine Millionengesellschaft zu machen. Dann haben wir wenigstens die Möglichkeit, größere Landstrecken zu er w erbe n. Der nächste Schritt, die Verwertung des Landes, ist heute noch ein ungelöstes Problem. Wir haben zwar nationale Farmen, auf denen Arbeiter angelernt werden, es fehlen aber die Mittel, diese Arbeiter seßhaft zu machen, weil wir keinen Agrarkredit haben. Der gleiche Mangel hindert auch die Ansiedlung wohlhabenderer Elemente als Farmer und Pflanzer. Heute kann man sich nur als Arbeiter in Palästina landwirtschaftlich betätigen, ohne die Hoffnung auf spätere Ansiedlung, oder aber als ganz wohlhabender Mann, der Land, Haus und Inventar bar bezahlen kann. Dieser Zustand, der nur mit Lösung der Kreditfrage zu ändern ist, verpflichtet uns Zionisten zu besonderen Anstrengungen. Da wir die bäuerliche Ansiedlung zunächst nicht betreiben können, so sollen die besitzenden Zionisten entweder selbst nach Palästina gehen, oder durch Kauf von Aktien der P. L. D. C, durch Gründung von ländlichen und städtischen Terraingesellschaften, sowie von Pflanzungsgesellschaften möglichst viel Land in jüdische Hände bringen. Diese Forderung richten wir an alle wohlhabenden Zionisten, insbesondere aber an die Führer der Bewegung, die sich dieser Aufgabe bisher noch nicht zugewandt haben. Wir haben immer die philanthropischen Gesellschaften wegen ihrer Arbeitsmethoden angegriffen. Der einzige Unterschied zwischen ihrer und unserer Methode besteht aber in der persönlichen Initiative, die wir von unseren Anhängern fordern müssen. Neben der landwirtschaftlichen Kolonisation steht die industrielle, die nur durch Privatinitiative, nicht durch eine Organisation eingeleitet werden kann. Dagegen ist es unsere Aufgabe, durch unsere Organisation kulturelle Arbeit zu leisten. Mit der Ausdehnung der wirtschaftlichen Siedlung muß auch jüdisch-kulturelles Leben sich entwickeln. Die Lösung der judenfrage bringt ja die der Judentumsfrage mit sich. An dieser Aufgabe können wir nicht vorbei. Der kulturelle Zustand, das heißt, nicht nur das Wissen, sondern auch die Gesinnung der jungen jüdischen Generation in Paliistina, muß mit der nationalen Bewegung übereinstimmen, denn sonst ist unser Werk verloren. Religiöse Differenzen müssen taktvoll behandelt werden, und alle Erziehungs- und Kulturarbeit, die wir bieten, muß von nationalem Geist erfüllt sein. Eine Frage besonderer Natur ist die Araberfrage, über die noch keine volle Klarheit gewonnen ist. Wir stellen fest, daß wir die Araber nicht verdrängen wollen, und daß in Palästina Raum genug ist, so daß Juden und Araber nebeneinander wohnen können. Wir müssen den Arabern gecren-