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Die Welt · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 oder überhaupt innerhalb zionistischer Kreise eine solche Bedeutung erlangt hätten, daß sie den uns allen wohlvertrauten Grundgedanken des Zionismus zurückdrängen könnten, wie er ihn — freilich in etwas vager Form — in dem ersten Satz formuliert hat. Die Schaffung eines geistigen Zentrums ist nicht das Ziel der zionistischen Bewegung, sondern sie wird — so hoffen wir — eines ihrer Resultate sein. Die Idee, einzelne verstreute nationale Zentren in Palästina zu schaffen, ist vielleicht ein Aktionsprogramm für die nächsten Jahre, gilt aber nirgends als Ziel unserer Bewegung. Die Befriedigung des individuellen Bedürfnisses, als nationaler Jude zu leben, wird nicht durch die Verlegung des Wohnsitzes nach Palästina erreicht, sondern durch die Anteilnahme an dem Aufbau eines neuen jüdischen Gemeinwesens. Und ebenso ist die sogenannte „individuelle Zionssehnsucht" doch auch in Wahrheit gar nicht ein von der Gesamtheit losgelöstes, rein individuelles Empfinden, wie es sich etwa bei der Betrachtung eines Kunstwerks einstellt, sondern es hat seine Wurzeln in dem Gefühl für die jüdische Gesamtheit, es ist der Ausdruck jüdischen Geschichtsempfindens im jüdischen Individuum. Alle diese Stimmungen empfangen ihren wahren Sinn aus jenem reinen Nationalgefühl, das den Zionismus schuf, und deshalb glaube ich nicht an die Bedeutung jener kunstvollen Unterscheidungen. Es soll also mit allem Nachdruck betont werden, daß die Entwicklung des Zionismus das Ziel, dem wir zustreben, durchaus nicht geändert hat, und dieses Ziel können wir im Sinne der Ausführungen Motzkins folgendermaßen formulieren: Wir betrachten die Juden als eine Nation und sehen alle Anomalien des heutigen jüdischen Lebens in der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes begründet. Daher soll die Wiedergewinnung unserer historischen Heimat die nationale Renaissance unseres Volkstums bewirken, sie soll die Judentumsfrage und die Judenfrage lösen. Die eine ist ohne die andere tatsächlich nicht zu beseitigen, denn beide haben ihren Ursprung in der Zerstreuung des jüdischen Volkes. Tritt an die Stelle der Zerstreuung die Sammlung in Palästina, so wird die judenfrage gelöst und das Judentum erlöst. Dazu ist es nicht erforderlich, daß die Gesamtheit der Juden in Palästina wohnt, wohl aber muß ein erheblicher Bruchteil, mag man sich darunter nun eine Million oder fünf Millionen denken, in Palästina leben. Das Ziel des Zionismus läßt sich zahlenmäßig überhaupt nicht fixieren, denn die Entwicklung der Nation schreitet ständig vorwärts, solange die Nation lebt. Das Ziel ist einfach das jeweils als erreichbar zu denkende Maximum an nationaler Kraft, und zwar sowohl auf wirtschaftlichem, wie kulturellem, wie politischem Gebiet. Sobald wir uns nur an den Begriff der Nation halten, ergeben sich alle programmatischen Forderungen von selbst. Es besteht demnach in Wahrheit kein Unterschied der Parteien, und alle Differenzen, die es innerhalb des Zionismus gab und gibt, beziehen sich nicht auf das Wesen unserer nationalen Hoffnungen. Die Differenzen betreffen nur die Methoden, nach denen die Zionistische Organisation verfahren soll, und hierin hat sich im Laufe der Jahre nach heftigen Kämpfen allerdings vieles geändert. Wir stehen heute auf dem Standpunkt, daß die Forderung weitgehender rechtlicher Garantien für das kolonisatorische Werk, welches wir vollbringen wollen, vom politischen Standpunkt verfehlt ist. Es sprechen gegen die Möglichkeit der Erlangung solcher Garantien eine Reihe politischer und wirtschaftlicher Momente. Die Kolonialgeschichte 1101 kennt zwar verschiedene Fälle, in denen großen Gesellschaften die wirtschaftliche Ausnutzung kolonialer Gebiete durch einen Vertrag überlassen wurde. In allen diesen Fällen handelte es sich aber darum, daß eine Regierung einer Gesellschaft ihrer eigenen Untertanen die Ausnutzung eines durch Eroberung oder Okkupation erworbenen fremden Landes übertrug. Unser Fall liegt, was nicht näher ausgeführt zu werden braucht, ganz anders, und es besteht nicht die Möglichkeit, eine Rechtslage zu schaffen, die einen von uns für die Zukunft projektierten Zustand bereits jetzt festlegt. Die Erfahrung lehrt auch, daß der Wert solcher Verträge sehr gering ist, wenn die ökonomischen und politischen Machtverhältnisse ihnen nicht entsprechen. Das Recht ist ja überhaupt normaler Weise die Fixierung des bestehenden Zustandes, und darf zunächst keinen allzu großen Gegensatz zur Wirklichkeit schaffen. Unsere veränderte Stellung zur Frage rechtlicher Garantien hängt direkt mit der Frage nach dem Tempo der Kolonisation zusammen. Ursprünglich herrschte die Ansicht vor, daß nach Erlangung von Garantien eine Schnellkolonisation großer Judenmassen erfolgen würde. Auch in diesem Punkte haben wir unsere Ansichten korrigiert. Auch unter den günstigsten politischen Verhältnissen, auch bei bereitwilligster Förderung seitens der türkischen Regierung und nach Aufbringung von Hunderten von Millionen für das Kolonisationswerk, würde die jüdische Ansiedlung nur allmählich wachsen. Der Zustrom neuer Bevölkerungselemente nach Palästina ist abhängig von ökonomischen und sozialen Bedingungen, die auch bei größtem nationalen Enthusiasmus dem Kolonisationswerk natürliche Grenzen setzen. Die Aufnahmefähigkeit des Landes läßt sich nicht auf Grund eines Staatsvertrages über Nacht verändern. Von dem gewaltigen Auswandererstrom, der sich seit 30 Jahren aus dem Osten Europas ergießt, wird innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre nur ein kleiner Teil nach Palästina gelenkt werden können. Die Gründe hierfür liegen in der verhältnismäßig geringen Ausdehnung des Landes, in dem Fehlen jeglicher Großindustrie, in der extensiven Form der Landwirtschaft und schließlich in den Juden selbst, deren ökonomische Lage sie zwingt, sich in den Industrieländern des Westens so rasch wie möglich neue Erwerbsquellen zu suchen. Die Juden sind das ärmste Volk der Erde, und da die Menschen sich stets „von den Ländern höheren ökonomischen Druckes nach denen geringeren Druckes bewegen", so ist die Richtung der jüdischen Massenwanderung sozial-ökonomisch bestimmt und läßt sich nicht willkürlich verändern. Aus dem Mangel dieser Erkenntnis ist auch die falsche Anschauung herzuleiten, daß die Aermsten vorangehen und die Reicheren folgen würden. Das ist richtig für Einwanderungsländer, in denen noch riesige Mengen unberührten Bodens herrenlos brachliegen, nicht aber für Palästina, dessen Bodenfläche relativ klein ist und Stück für Stück durch Kauf erworben werden muß. Mit der Negation des früheren Prinzips, erst nach Erlangung von rechtlichen Garantien die Kolonisationsarbeit aufzunehmen, ist bereits gesagt, daß wir die Palästina-Arbeit unter allen politischen Bedingungen fortsetzen müssen. Um diese Frage drehte sich in unserer Organisation ein jahrelanger Kampf, der mit dem Siege der palästinensischen Richtung endigte. Blickt man tiefer, so erkennt man in diesen Gegensätzen zwei Prinzipien, die man als die mechanische und die organische Auffassung bezeichnen kann. Dfe mechanische Auffassung will einen Zustand konstruieren, wie der Techniker eine Maschine konstruiert. Wenn alle Teile der Maschine herbeigeschafft und zusammengesetzt sind, dann erst kann die Maschine zu arbeiten beginnen. Diese Auffassung auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse zu übertragen, ist ein schwerwiegender Irrtum. In die^kelt

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