Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1100 Fabrik noch nicht angängig ist, da beide noch zu eng" miteinander verknüpft sind. Was seine Hauptbemängclung betrifft, daß nämlich die fertigen Waren mit dem Verkaufswert anstatt mit den Herstellungskosten in die Bilanz eingestellt werden, so ist sie dem Prinzip nach zwar durchaus richtig, in materieller Beziehung ist aber der Unterschied ein minimaler, da erstens die gesamten Werte der fertigen Waren des Bezalel sehr gering sind, weil sofort alles zur Ablieferung gelangt, zweitens aber, wie Herr Hoofien ja auch nachweist, der an den Waren erzielte Gewinn noch kein bedeutender ist und zum Teil sogar der Verkaufspreis den Herstellungswert kaum übersteigt, was damit zusammenhangt, daß der größere Teil des Gewinnes erst durch den Käufer der Waren, den Verein Bezalel, in Europa erzielt wird, drittens aber, weil der Bezalel in Jerusalem des Verkaufes gewiß ist, da ja der Verein ihm alles zu den angegebenen Preisen abnimmt. Anders liegt die Sache freilich in bezug auf die Liquidität der Gesellschaft. Der Bezalel besitzt weder ein beträchtliches Betriebskapital, noch einen bedeutenden Kredit. Da aber Produktion und Umsatz infolge der größeren Uebung der Arbeiter sehr schnell steigen, obgleich keine neuen Kräfte mehr eingestellt werden, während die Vermehrung des Betriebskapitals auf den naturgemäß nur langsam wachsenden Ueberschuß des Vereins über die Verwaltungs- und Schulkosten, sowie auf die Gewinne des Betriebes angewiesen ist, so ist es klar, daß der Bezalel nicht auf Rosen gebettet ist. Die letzte Kampagne hat er ohne Betriebseinschränkung überstanden, und zwar mit Hilfe einer Garantie des Vorstandes sowie eines leider nur sehr kleinen Betriebskapitals, welches er im Frühling infolge seiner Agitation erhalten hat, vor allem aber mit Hilfe einer einmaligen größeren Spende. Die Leitung des Vereins ist der Ansicht, daß der Bezalel jetzt so dasteht, daß er auch seitens unserer Bank auf einen größeren Kredit Anspruch hat. Eine Fabrik mit einem Warenumsatz von 250 000 Frcs. im Jahr, mit glattem Absatz zu annehmbaren Preisen und einem jährlichen Betriebszuschuß von -10—50 000 Frcs. seitens eines fest dastehenden Vereins, ist in der Tat als gesund anzusehen, zumal die im Bezalel hergestellten Waren sich immer mehr im Geschmack und im Preise den begehrten kunstgewerblichen Artikeln allgemein bekannter Provenienzen nähern und zum großen Teil schon jetzt als durchaus verkaufsfähig angesehen werden können. Ein Beweis hierfür ist die Aufnahme der Waren durch Geschäfte, wie Wertheim in Berlin sowie Liberty fr Co. in London. Wir halten die Förderung des Bezalel für eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wenn er schon jetzt fast einem halben tausend Menschen Verdienst und Nahrung gibt und somit das bei weitem bedeutendste industrielle Unternehmen Palästinas darstellt, so könnte er, genügend unterstützt, die vieriin d zehnfache Anzahl von Menschen beschäftigen. Er wird dann eine der großartigsten Segensquellen für das ganze Land werden, nicht nur für Jerusalem, sondern auch für Safed und Tiberias, die flehentliche Bitten senden, daß der Bezalel durch eine Filiale auch ihren Bewohnern Arbeitsgelegenheit bringen möge, sowie für die Kolonien, die sämtlich, wie Benschemen, kleinere Ateliers besitzen sollten. Um dies zu erreichen, gehört aber eine großzügige Auffassung seitens unserer Bank, und ein größeres Interesse seitens unserer Gesinnungsgenossen, die häufig die Abgesandten des Bezalel als lästige Eindringlinge und als Konkurrenten ihrer eigenen Sammlungen ansehen, anstatt sie nach Kräften zu fördern. Besondere Bezalelvereine sollte jede größere Ortsgruppe gründen, schon aus propagandistischen Gründen, denn nichts weckt mehr das Interesse für Palästina, nichts öffnet den bisher bei- Nr. 36 seite Stehenden schneller die Augen, nichts bringt die Indifferenten dem Zionismus leichter nahe, als die Zugehörigkeit zu einem Bezalelverein, für den auch Nichtzionisten wegen seines philanthropischen Charakters unschwer gewonnen weri den können. Hat doch erst kürzlich die vorzüglich gelungene Ausstellung des Bezalel in London gezeigt, daß sich so heterogene Elemente wie Lord Rothschild, Lord Swaithling und die Zionisten hier auf derselben Plattform begegnen können. Die Oelbaumspende, die Palästina-Land-Entwicklungs-Gesellschaft und der Bezalel stellen zusammen mit der Bank und dem Nationalfonds unsere wichtigsten Institutionen in Palästina dar, sie dienen, jede auf ihre Art, den kolonisatorischen und kulturellen Zwecken in vorzüglichster Weise, die Entwicklung aller drei ist durchaus gesund und hoffnungsreich, und es ist unsere Pflicht, alle Kräfte anzuspannen, um ihnen den zum Aufblühen allein noch fehlenden, aber notwendigen ncr v us rcruin, die nötigen Mittel zuzuführen. Wenn wir über unsere ganze Palästina-Arbeit Rückschau halten, könnten wir zwar zufrieden sein mit dem, was wir in wenigen Jahren geschaffen haben, wenn wir aber vorwärtssehen, so erkennen wir, welch ein großer Weg noch vor uns liegt. Aber gerade die Erfolge der Vergangenheit sind uns eine sichere Gewähr dafür, daß wir bei Anspannung unserer Kräfte in Zukunft noch viel schneller fortschreiten und noch viel größeres erreichen werden. Im Anschluß an den Bericht von Prof. Warburg entwickelte Richard L i c h t h e i m die prinzipiellen Gesichtspunkte der zionistischen Palästinaarbeit. Wir lassen sein Referat hier folgen: Die Palästinaarbeit im Programm des Zionismus In diesem Kreise über die Notwendigkeit der Palästina- Arbeit zu sprechen, ist gewiß eine überflüssige Aufgabe, denn die allgemeine Ueberzeugung aller Gruppen im Zionismus geht dahin, daß es die Hauptaufgabe der zionistischen Organisation ist, praktische Palästina-Arbeit zu leisten. Dieses allgemeine Einverständnis in praktischer Hinsicht hat jedoch bisher noch nicht zu einer programmatischen Klärung geführt, und das ist der Grund, weshalb sich um den Begriff der Palästina-Arbeit immer wieder Kämpfe entsponnen haben. Daher müssen wir immer aufs neue versuchen, zu einer Begriffsklärung zu gelangen, die sowohl dem Frieden innerhalb der Organisation, wie der Zielsicherheit ihrer Arbeit dienen soll. Auf dem letzten Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat Herr M o t z k i n ein Referat über unsere Palästinapolitik gehalten und dabei die verschiedenen Auffassungen zu charakterisieren gesucht, welche über das Wesen unserer Palästina-Arbeit bestehen. Er formulierte diese verschiedenen Auffassungen in folgenden Sätzen: 1. Die Lösung der Judenfrage im umfassendsten Sinne und nach den verschiedensten Richtungen hin. 2. Die Lösung der Frage des Judentums durch Schaffung eines geistigen Zentrums in Palästina. 3. Die Schaffung mehrerer nationaler Zentren in Palästina, die zur Erzeugung nationaler Güter geeignet wären. 4. Eine Antwort auf das individuelle Bedürfnis, voll und ganz Jude zu sein und als nationaler Jude leben zu können. 5. Die Befriedigung der Sehnsucht nach Palästina, der Liebe zu Zion. Ich stimme mit Herrn Motzkin darin überein. daß man die verschiedenen Auffassungen der Palästina-Arbeit so einteilen kann, aber ich bestreite ihm gegenüber, daß die Einteilungen unter 2 bis 5 sich im einzelnen zu Programmen verdichtet, DIEl^ELT