Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 zu erlauben. Ebenso fern liegt uns auch der Wahn, uns in die inneren Kämpfe der türkischen Parteien zu mischen, wiewohl es doch selbstverständlich ist, daß wir von Herzen den Siegeiner freiheitlichen Entwicklung in der Türkei begrüßen. Und eben diese unsere Haltung wird uns doch am Ende die Sympathien aller klarblickenden und vernünftigen ottomanischen Politiker zuführen. Auch unsere Arbeit im Schöße der ottomanischen Judenheit im Laufe dieser vier Jahre beginnt schon ihre Früchte zu zeitigen. Der nationale Gedanke entwickelt sich zusehends, und gerade die Vorgänge der letzten Monate haben für uns erfreuliche Resultate zutage gefördert, so daß wir getrost sagen können, die Tage der heißen Kämpfe der ersten Jahre sind schon vorbei. Die nationale Bewegung wurde von den offiziellen Vertretern des Judentums als eine Macht anerkannt, mit der man rechnen muß, und die erbitterten Feinde von gestern haben bei den letzten Medjliss- Wahleri in Konstantinopel mit den Vertretern der nationalen Juden eine Kompromißlistc aufgestellt, um ein gemeinsames Konsistorium zu wählen. Wer das Leben des •ottomanischen Judentums von Tag zu Tag verfolgen kann, muß sagen, daß in der Nationalisierung der dortigen Juden in den letzten vier Jahren außerordentlich große Fortschritte erzielt worden sind. Und wenn wir daran denken, mit welchen bescheidenen Mitteln, mit einer wie beschränkten Anzahl aktiver Arbeiter diese Resultate erzielt worden sind, so können wir nicht nur mit Stolz und Genugtuung auf unsere Arbeit zurückblicken, sondern müssen mit großer Freude konstatieren, daß dieser rasche Erfolg eben darauf hinweist, daß dort in den Reihen der ottomanischen Juden selber Elemente vorhanden sind, die einer solchen Propaganda nicht nur zugänglich sind, sondern die spontan durch die bloße Berührung mit der befruchtenden Macht unserer großen Gedanken angeregt werden und in diesem Sinne sich weiterentwickeln. Besonders erfreulich ist es, daß die Jugend in ihrer großen Mehrheit uns ihre Sympathien bei jeder Gelegenheit kundgibt. So scheint es mir, daß wir mit vollem Recht sagen können, daß die Erfahrungen der letzten Zeit uns recht gegeben haben, uns bewiesen haben, daß wir auf dem richtigen Wege sind, und daß sie uns anspornen müssen, weiter auf diesem Wege mutig und getrost fortzuschreiten, das Angebahnte weiter auszubauen und alle unsere Kräfte in den Dienst dieser großen Arbeit zu stellen. * Hierauf erstattet Herr N. S o k o 1 o w sein Referat über Zionistische Politik in der Diaspora Sehr geehrte Herren! Ich möchte kurz die einheitlichen Grundlagen erwähnen, von denen aus eine politische Tätigkeit alle Gebiete des Zionismus befruchten muß. Der schiefe und törichte Gegensatz, der zwischen „Politik" und „Praxis" konstruiert wird, als ob die „Politiker" nicht praktisch und die „Praktiker" unpolitisch wären, muß ein für allemal aus unserem Ideenkreis ausgeschaltet werden. Daß wir eine Politik machen müssen, ist selbstverständlich. Wir können uns ja nicht von allen vorhandenen Beziehungen loslösen; wir berühren uns in gegenseitiger Verbindung mit den verschiedenen Nationen, und wir können uns gar nicht einen Zustand vollständiger Beziehungslosigkeit denken, wo es sich um eine Arbeit handelt, die von den anderen entweder begünstigt oder verhindert, richtig eingeschätzt oder mißverstanden werden kann. Wie wir uns den Machtfaktoren gegenüber mit unserer Bewegung und unseren Zielen zu verhalten haben, wie wir Sympathien 1005 gewinnen und moralische Unterstützung erlangen können, wie wir eine besonnene Beurteilung und ein tiefer gehendes Verständnis für unsere Zwecke in der Welt vorbereiten sollen — das sind Probleme, die einerseits zur Propaganda, andererseits aber zur Politik gehören. Wir müssen als Kulturvolk und als eine zu neuem Leben auferstehende Nation mit der Außenwelt rechnen und ihre Einflüsse für uns nutzbar machen oder die Hindernisse, die sie uns stellt, beseitigen. Auch der Ausweg, die gegenseitige Einwirkung auf eine einseitige, mehr passive, sogenannte Selbsterhaltimg herabzusetzen, kann nicht weit führen, da die verteidigende Gegenwirkung nicht ohne Angriffswirkung zu denken ist. Was wir auch tun mögen, es mag noch so neutral sein, kann durch Mißverstand als aggressiv dargestellt werden. Nur müssen wir verstehen, welches die Aufgaben und welches die Grenzen einer richtigen Politik sind. Es ist also nicht die Frage, o b wir Politik machen sollen, sondern w e 1 c h e Politik wir zu machen haben. Wir möchten die Geschlossenheit und den programmatischen Zusammenhang unserer politischen Methode in folgende vier Punkte zusammenfassen: 1. Nationale Politik. Von dem Bewußtsein durchdrungen, daß wir eine nationale Politik machen, sind unsere Bemühungen zur Errichtung und Ausgestaltung unserer Heimstätte in Palästina nicht ein Versuch, der von irgendeiner Genehmigung oder Verweigerung, Begünstigung oder Hemmnissen abhängig ist. Wir sind nicht etwa Privatunternehmern oder Konzessionsjägern gleich, die den Versuch machen, irgendeine Bewilligung zu einem bestimmten Termin zu erreichen, und, wenn sie diese nicht erreichen, ihre Blicke auf einen anderen Punkt lenken. Das Werk, das wir vollbringen, ist das notwendige Ergebnis unseres ganzen nationalen Lebens. Es ist bedingungslos und muß geschehen, weil es mit unserer Existenzberechtigung eng verknüpft ist. Dieses Moment muß die ganze Art unserer Politik beherrschen. Es ist das geschichtlich Notwendige, das wohl die Machtfaktoren zu seinen Gunsten gewinnen will, das aber von diesen nicht abhängig ist. 2. P a 1 ä s t i n a a r b e i t. Wir kommen jetzt nicht mehr mit bloßen Projekten. Es wäre ein zielloses Fragen und Suchen geblieben, wenn die Idee nicht handelnd durch Ereignisse und durch Arbeit herausgetreten wäre. Wir leben in einer Zeit gewaltiger Kraftentfaltung auf den verschiedensten Gebieten. Eine solche Zeit hat wenig Achtung vor bloßen Theorien, Stimmungen und Gedanken, und wären sie noch so tief und fein. Was unsere Zeit braucht, das sind tätige Lebenskräfte, Erscheinungen des Lebenskampfes. Wäre unser neuer Zionismus nur ein Projekt, wer weiß, ob er nicht längst schon vom Sturmwind der Zeit hinweggefegt wäre. Aber wir haben bereits ein neues, gewaltiges Leben, eingefügt in eine Gruppe, konzentriert in einer sozialen Erscheinung, in unserer Kolonisation Palästinas. Es gibt keine Tatsache der neueren Geschichte, die so herzbewegend zu den Menschen redete, keine, die so sehr mit dem zartesten und innerlichsten Leben eines Volkes verwachsen ist, als dieses Werk. Wären wir diesen Weg de" Förderung der Palästinaarbeit nicht gegangen, so würde uns für unsere Politik die Hauptsache fehlen. Von der Politik allein entsteht nichts. Politische Zwecke müssen mit wirtschaftlicher Betätigung verknüpft werden. Es ist in der Außenwelt eine Maxime, daß keine noch so geschickte Diplomatie die Streitmacht zu ersetzen vermag. Wir haben aber weder eine Streitmacht noch eine Diplomatie, und um materielle oder moralische Unterstützung für etwas zu erlangen, müssen