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Die Welt · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1094 in den kleinen Balkanstaaten, das alles waren doch die günstigsten Momente für ein Eingreifen Europas. Und trotzdem hat Europa von jedem Angriff in diesem Sinne vollständig Abstand genommen, vielmehr der Türkei die aufrichtigsten Dienste zur Aufrechterhaltung des Status quo auf dem Balkan geleistet. Das kommt höchstwahrscheinlich nicht nur daher, dal] sich Europa über die Verteilung der Beute, wie man es gewöhnlich erklärt, nicht verständigen kann, sondern vielmehr daher, daß die europäische Diplomatie in ihren Kalkülen die Beharrungsmomente eines großen Staatsorganismus mit in Betracht zieht und ganz genau weiß, welche Kraft dem türkischen Staat innewohnt und mit welchen Gefahren der Versuch einer sogar nur teilweisen Amputation verbunden wäre. Ist man aber dann nicht berechtigt, zu vermuten, daß, wenn dieses jetzt nicht geschehen ist, Europa wenigstens der Türkei d'e Möglichkeit einer freien unbehinderten Entwicklung gewähren wird, in der Hoffnung, daß der türkische Staatsorganismus sich günstig entwickelt und die Türkei als selbständiges Staatsgebilde bestehen bleiben wird? Wenn alle diese Annahmen sich - verwirklichen, so ist es klar, daß die jetzige Krise als eine wirkliche Krise eines Kranken sich darstellt, eine Krise, nach welcher eine Genesung und eine weitere Entwicklung kommt. Dann hätte diese Krise das Ende der revolutionären Periode in der Geschichte der neuen Türkei und den Anfang einer friedlicheren und normalen Entwicklung dargestellt. Diese neue Periode würde dann eine weitere Entwicklung des Parteilebens, Stärkung der öffentlichen .Weinimg und des Einflusses derselben auf das politische und soziale Leben, sowie eine günstigere Entwicklung cles kulturellen Lebens der verschiedenen nationalen Elemente kennzeichnen. Damit ist die Antwort auf die zweite oben gestellte Frage gegeben, auf die Frage über die Bedeutung der letzten Ereignisse für unsere Bewegung. Als Grundlagen für unsere Arbeit in der Türkei haben wir ganz bestimmte Gesichtspunkte aufgestellt, die in den Eikläunigen des 9. und 10. Kongresses ihren Ausdruck gefunden haben. Der Zionismus will seine Tätigkeit im Rahmen der Entwicklung der neuen Türkei vornehmen. Er erblickt die nötigen Garantien für die nationale, kulturelle Entwicklung der jüdischen Siedlung in der großen Reform von 190$, welche der Türkei zu einer freiheitlichen Konstitution verholfen hat. Es ist also klar, daß, indem wir diese Prinzipien als Grundlagen der zionistischen Tätigkeit feststellen, jeder weitere Schritt zur Befestigung der Grundlagen der neuen Türkei auch eine Befestigung unserer Arbeit bedeutet. Wenn also die heutige Voraussetzung wirklich in Erfüllung geht und die Türkei in eine ruhigere Periode ihrer Entwicklung eintritt, so kann das nur eine Erleichterung für unsere Bemühungen mit sich bringen. Wir bauen doch alle unsere Hoffnungen auf die feste Ueberzeugung, die aus dem Studium der Türkei und aus der Kenntnis der türkischen Bedingungen fließt, daß unsere Idee in der Richtlinie der gesunden Entwicklung der Türkei liegt. Darum sind wir fest überzeugt, daß auch die türkischen Staatsmänner es doch einsehen werden, bis zu welch hohem Grade die Realisierung des zionistischen Ideals den wahren Bedürfnissen des türkischen Staates entspricht. Es ist schon jetzt einem jeden denkenden türkischen Staatsmann einleuchtend, daß die gedeihliche Entwicklung des türkischen Reiches nur dann möglich ist, wenn die Bevölkerung sich bedeutend vergrößert und die Dichte derselben sich nicht wie heute in lächerlich kleinen Ziffern ausdrückt. Solange in mehreren Distrikten die Dichte der Bevölkerung auf dem heutigen Niveau bleibt (Sandjak Zor z. B. 1 Mensch pro Nr. 36 Qudratkiiometer), wird jede Tätigkeit der Regierung, wie der Bau neuer Eisenbahnlinien, die Bewässerung usw., vollständig resultatlos bleiben. Die Türkei ist kein industrielles Land und wird noch Jahrzehnte hindurch wahrscheinlich auf die Landwirtschaft angewiesen sein. Bis jetzt aber sind in der europäischen Türkei nur S1 °o der Bodenfläche bebaut, der Rest, mehr als 90 °/o, liegt brach. In der asiatischen Türkei liegen die Verhältnisse noch schlimmer. Es ist also klar, daß ein Aufschwung der Agrikultur, der die Vorbedingung für die Befestigung der Finanzen und des ganzen ökonomischen Lebens im Lande bedeutet, nur dann möglich ist, wenn in diesen Verhältnissen ein entschiedener Wandel eintritt, mit anderen Worten: wenn eine große Immigration dem Lande neue Arbeitskräfte, mit dem nötigen Kapital ausgerüstet, zuführt. Es ist auch klar, daß die türkischen Staatsmänner, die die Frage studieren, einsehen werden, daß das beste Menschenmaterial, das in dieser Hinsicht für die Türkei in Betracht kommt, die Juden darstellen. Vom türkischen Standpunkt betrachtet, bildet der Zionismus einen integrierenden Bestandteil der großen türkischen Frage, der Frage der Immigration und der inneren Kolonisation. Was dem endgültigen Siege dieser Erkenntnis im Wege steht, ist ein ganzes System von gegen uns ausgestreuten Verdächtigungen. Durch eine Mißdeutung unseres Programms haben uns unsere Feinde separatistischer Bestrebungen zu beschuldigen und vor der türkischen öffentlichen Meinung zu verleumden gesucht. Aber gegen die irregeleitete öffentliche Meinung kann man nur in einer Weise kämpfen: durch eine geduldige, systematische und mit Tatsachen operierende Aufklärungsarbeit. Diese Aufklärungsarbeit haben wir auch begonnen, und obwohl abschließende Resultate, wie es ja selbstverständlich auch vorauszusehen war, in einer so verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit nicht gezeitigt werden konnten, können wir doch getrost sagen, daß manches Wichtige schon in diesem Sinne geschehen ist, und daß manche bedeutende Leute der Wahrheit unserer Behauptungen und unserer Aufklärungen sich nicht mehr verschließen. Hätten diese Männer mehr Zeit und mehr Muße, um sich einem ernsten Studium dieser Frage als einem Teil des ganzen Komplexes der großen türkischen Fragen zu widmen, so hätten wir selbstverständlich auch weitere Fortschritte zu verzeichnen. Die Notwendigkeit, immer wieder auf die von außen oder von innen kommenden Störungen zu reagieren, hat auch unsere Arbeit verlangsamt, wie sie überhaupt die ganze Entwicklung der Türkei gehemmt hat. Um diese unumgängliche Aufklärungsarbeit in die richtigen Bahnen zu leiten, mußten wir nicht nur mit einzelnen Persönlichkeiten in Verbindung treten, sondern uns auch der Presse bedienen. So ist es uns auch geglückt, die v\rtreter einiger Zeitungen für unsere Ideale zu gewinnen, die uns ihre Spalten bereitwillig zur Verfügung stellen. Es ist selbstverständlich, daß wir es bei dieser Aufklärungsarbeit nie unternommen haben, irgendwelche anderen Zwecke zu verfolgen, irgendwelche Intrigen-Politik zu inszenieren, oder unsere Bewegung irgendeiner türkischen Partei, der Tätigkeit irgendeiner fremden Macht oder der Richtung irgendeiner türkischen Zeitung unterzuordnen. Ich ergreife gern diese Gelegenheit, um die über uns zirkulierenden und leider auch von manchen unserer Freunde zu leichtfertig wiederholten Gerüchte zu dementieren. Wir arbeiten nicht im Dienste einer Macht, wir sind nicht ein Werkzeug irgendeiner europäischen Regierung. Wie es schon einmal von der Tribüne unseres Kongresses gesagt wurde: Wir machen keine Abenteurer-Politik, und wir sind auch nicht so töricht und nicht so unbescheiden, um uns den Luxus einer für unsere Verhältnisse lächerlichen Großmacht-Politik DIEl^ELT

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