Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316550--56429-3350308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lutismus vorbereiteten. Diese einzelnen Personen mußten also befriedigt werden, und man konnte doch nicht alle befriedigen, oder nicht in dem Maße, wie sie es beanspruchten. Selbstverständlich kamen dabei auch manche Fehler, Unregelmäßigkeiten und Ungerechtigkeiten vor. Die besten, rechtschaffenen Elemente, die ihren Enthusiasmus der Revolutionsperiode bewahrt hatten, protestierten gegen diese Ungerechtigkeiten bei der Beförderung wenig fähiger Kollegen. Aber natürlich kann man nicht alle Unzufriedenheit auf dieses persönliche Moment zurückführen. Es bildete aber die Stimmung, weldhe von verschiedenen Seiten ausgenutzt wurde. Der Parlamentarismus, so plötzlich in die Türkei -eingeführt, fand ganz unvorbereitete Elemente vor, und vom ersten Tage an begann der heißeste, erbittertste Kampf, nicht wegen bestimmter Prinzipien, sondern um die Macht. „Ote toi que je m'y mette." Das war die Devise im Kampfe. Und hier wiederum vereinigten sich im Kampfe gegen das Komitee ganz verschiedene, manchmal entgegengesetzte Elemente: die einen, die das Komitee zu radikal und seine ganze Tätigkeit für die Tradition des Islams als zu gefährlich betrachteten, die anderen umgekehrt, die das Komitee zu gemäßigt, zu wenig liberal fanden. Die beiden Parteien hatten in gewissem Maße recht. Die jungen und unerfahrenen Politiker, die über Nacht Herrscher über das große Reich geworden sind, wollten in vieler Hinsicht zu rasch und zu radikal vorgehen. Das Gesetz über die Heranziehung nicht muselmanischer Untertanen zum Militärdienst, das einen ersten ernsten Schritt für die Gleichberechtigung aller Elemente darstellte, wurde in orthodoxen ottoinanischen Kreisen kaum mit Genugtuung begrüßt. Die wirkliche politische Sünde vom Standpunkt der Reaktionäre bestand eben darin, daß die Jungtürken es sehr ehrlich mit der Modernisierung und Europäisierung der Türkei gemeint haben. Aber auch die radikalen Elemente haben recht. Denn die Jungtürken, obwohl aus einer Revolution hervorgegangen, scheuten sich vor einer wirklichen Demokratisierung des Staates, wollten nicht an die großen Massen herantreten und glaubten, die große Reform, die sie ehrlich anstrebten, nur mit sozusagen mechanischen Mitteln, in erster Linie durch die Hilfe des Offizierkorps, durchführen zu können. Sie haben das große Prinzip vergessen: „On peut faire tout avec la bajonnette, on ne peut pas s'y asseoir/' Man kann es auch nicht leugnen, daß sie besonders im Anfange manchen Fehler gemacht haben. Ihre ganzen politischen Anschauungen haben sie aus Frankreich geschöpft und in all ihrer Tätigkeit hat bei ihnen das große Ideal eines großen zentralisierenden Staates vorgeschwebt. Diese Konzeption hat sie manchmal — viel mehr als etwa der türkische Fanatismus — dazu verleitet, gegen die nationalen Bestrebungen versdhiedener Elemente vorzugehen. Bemerkenswert ist es doch und für die richtige Beurteilung der Sachlage nicht zu vergessen, daß gerade das politisch entwickeltste und reifste Element, die Armenier, treu mit dem Komitee zusammenhielten. Diese Ursachen waren es, welche die Unzufriedenheit genährt und den Sturz des Komitees vorbereitet haben. Aber, wie schon früher erwähnt, von einem wirklichen Sturz kann kaum die Rede sein. Das Komitee ist die einzige organisierte politische Partei in der Türkei. Es zählt in seiner Mitte die fähigsten, entschieden aufgeklärtesten Elemente, es verfügt noch heute über eine große Anzahl Anhänger in der Armee, besonders bei den subalternen Offizieren. Es hat seine Filialen im ganzen Lande. Daß diese Wertschätzung berechtigt ist, beweist vielleicht am besten der Umstand, daß auch nach dem Siege nicht die gegnerische ententistische Partei ans Ruder kam, sondern ein gemischtes Ministerium, in dem, wie die letzten Mitteilungen aus der Türkei andeuten, die Portefeuilles bis zur Hälfte der unionistischen Partei angehören. Es ist schwer, in diesem Falle zu prophezeihen, weil die Lage zu kompliziert ist, und man muß mit vielem rechnen. Aber es scheint mir doch über jeden Zweifel erhaben, daß noch auf eine lange Reihe von Jahren die Komitecpartei einen überaus großen' Einfluß auf die Geschicke des Landes ausüben wird. Wie gesagt, hat sich also ein neues Ministerium gebildet, das zum Teil aus entschiedenen Gegnern der Jungtürken, wie Kiamil und Nasini, zum Teil aus komiteefreundlichen oder neutralen Mitgliedern bestand. Es scheint, daß eine Politik der Rache und der Verfolgung gegen die Jungtürken, die von manchen Vertretern der äußersten Richtung der Entente Liberale gewünscht wurde, nicht zustande kommt, und daß das große Ministerium, das aus den alten hohen Beamten bestellt, eine versöhnliche Taktik anwenden wird. Es scheint auch, daß es dem Ministerium gelingen wird, die Albanier zu beruhigen und durch weitgehende Konzessionen in die Bahnen einer friedlichen Entwicklung zu bringen. Es scheint auch, daß die Mächte aufrichtig wünschen, dem neuen Ministerium behilflich zu sein und alle Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, anwenden, um die äußeren Schwierigkeiten, mit denen die Türkei zu kämpfen hat (Balkan- Wirren), zu beseitigen. Soviel über die Geschichte der letzten Ereignisse. Versuchen wir nun, den richtigen Charakter aller dieser Entwicklungen zu deuten und festzustellen, inwieweit und in welcher Richtung sie unsere Bewegung beeinflussen könnten. 1. Es muß zuerst hervorgehoben werden, daß allem Anscheine nach eine jede Möglichkeit der Rückkehr zum alten Regime vollständig ausgeschlossen ist, und daß die Konstitution und alles, was damit zusammenhängt, in der Türkei erhalten bleiben wird. Es ist nur möglich, daß der üedunke, der schon längst vielen türkischen Politikern, und zwar in beiden Lagern, Unionisten ebenso wie Ententisten, vorschwebte, nämlich unter Wahrung der Konstitution den parlamentarischen Charakter derselben einzuschränken und etwa nach deutschem Muster das Ministerium unabhängig vom Votum des Parlamentes umzugestalten, zur Geltung kommt. .Man hofft auf diese Weise die Erbitterung des Parteikamptes zu mildern, da in diesem Falle dasjenige, was die Leidenschaften am meisten entfacht, die Hoffnung auf eine Ministerstelle, ausgeschaltet wäre. Das Bestehen des Parlamentes selber, die Freiheit der Presse, der Versammlungen, freie Wahlen, vielleicht sogar nach einem verbesserten Wahlrecht — das alles scheint einen ernsten und unantastbaren Teil im Programm a Her Parteien und alle r Politiker zu bilden. 2. Wahrscheinlich wird auch der Politik einer überspannten Zentralisation ein Ende gemacht werden. Um dies aber richtig beurteilen zu können, muß man nicht vergessen, daß auch in juiigtürkisehen Kreisen diejenige Strömung immer mehr und mehr die Oberhand gewann, welche mildere Töne anzuschlagen bestrebt war, und anstatt von Türkisierung zu sprechen, immer mehr eine Ottomanisierung forderte und den Forderungen der Nationalitäten immer größere Aufmerksamkeit zu schenken suchte. Umgekehrt muß es auch nicht vergessen werden, daß in den Reihen der Ententisten eine nicht kleine Anzahl ganz chauvinistisch und stark reaktionär gesinnter Männer sich befindet. 3. Die letzten Ereignisse haben es noch einmal bewiesen, wie weit die wahre Gesinnung der Mächte derf Türkei gegenüber von den ihnen so oft unterschobenen Entschlüssen, an die Zerstückelung der Türkei heranzutreten, entfernt ist. Gerade jetzt war ja der Moment für den großen Kladderadatsch so geeignet wie nie: der italienische Krieg, der albanische Aufstand, provokatorische Umtriebe in Mazedonien, militärische Empörung, Verwicklungen an den Grenzen, Unruhe