Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316550--56428-3350307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1092 - DIE3MELT Nr. 36 der Türkei und auf ihre politische Evolution einen äußerst schädlichen Einfluß ausgeübt hat. Mußte man doch jeden freien Groschen für die Kriegsbedürfnisse aufwenden, mußte man doch die Verantwortung für Sorglosigkeit und Mangel au Vorbereitungen, die beim Ausbruch des Krieges hervortraten und welche durch das spätere heldenmütige Auftreten nicht ausgeglichen werden konnten, tragen. Es ist ja allgemein bekannt, daß unmittelbar vor Ausbruch des Krieges fast das ganze türkische Militär aus Tripolis entfernt wurde, so daß das Land eigentlich ohne Verteidigung gegen jeden Angriff war. dieser l 'instand hat mehr als irgend etwas anderes das Prestige der herrschenden Partei (l hiionisten) erschüttert. Der Kampf der Parteien, der dort immer mit besonderer südlicher und orientalischer Leidenschaft geführt wurde, hat noch größere Dimensionen angenommen. Alles, was aus irgendwelchen Gründen gegen das Komitee war, vereinigte sich zu einem großen Block, und es entstand die Organisation der sogenannten „Entente Liberale", die aus den verschiedenartigsten, /um Teil prononziert reaktionären und antisemitischen Elementen bestand, zum Teil auch wirklich liberale und radikale Elemente, welche mit der nach ihrer Meinung zu vorsichtigen und zu langsamen Taktik der Jungtürken nicht einverstanden waren, zu ihren Anhängern zählte. Zu derselben Zeit begann auch die Gärung in der Armee, die vön dem bekannten Obersten Sadik Bey hervorgerufen wurde, ihre Folgen zu zeitigen. Um den Charakter dieser Gärung richtig zu beurteilen, muß man folgendes beachten: S a d i k B e v , ebenso wie sein Freund und Gesinnungsgenosse T a Ii i r Bey, gehören zu einer sehr verbreiteten, streng konservativ und tief religiös empfindenden Schicht, welche sich in vei schiedenen Sekten der Derwischorden gruppieren. Keineswegs, um die von den Jungtürken angeblich gefährdete Freiheit zu verteidigen, haben Sadik Bey und Tahir Bey ihren Kampf aufgenommen, sondern um der nach ihrem Gefühl zu stark europäisierenden, zu modernen, für die orientalische radition gefährlichen Haltung und Tätigkeit der Jungtürken vorzubeugen. Daher ihr Daß gegen das Freimaurertuin, das mit dem Islam unvereinbar wäre, usw. Durch den Einfluß dieser persönlich sehr achtbaren und in vielen Kreisen beliebten Persönlichkeiten wurden die ersten Anfänge für die späiere Spaltung im Offizierkorps vorbereitet, welches im Anfang fast ausnahmslos der jungtürkischen Organisation angehörte. Die Lage im Parlament wurde unhaltbar, und die Komitee-Männer, obwoh lsie im Parlament noch immer über eine .Majorität verfügten, sahen doch die Zahl ihrer Anhänger von Tag zu Tag zusammenschmelzen, und entschieden sich dahin, diesem Zwecke ein Ende zu machen und die Kammer aufzulösen. Bei dieser Auflösung haben sie eine Reihe von Formalitäten verletzt und den Boden des strengen Konstilutioiialismus verlassen, was ihnen später mit derselben Münze heimgezahlt wurde. Es begann die Wahlkampagne, bei der, wie vorauszusehen war, die Jungtürken den Sieg davontrugen. Waren sie doch (und sind es eigentlich auch heute noch) die einzige organisierte politische Partei in der Türkei, hatten sie doch den ganzen Apparat des fast unbegrenzt mächtigen orientalischen Beamtentums zur Verfügung Durch den Sieg berauscht, haben die Jungtürken jede Mäßigung vergessen und die größte politische Sünde begangen: Sie wölben die Gegenpartei vollständig vernichten, alle Gegner vollständig aus dem Parlament entfernen und eine fast 1(10 pr - »Zeil 1 igt Mai.-rität in der künftigen Kammer besitzen. Das ist ihnen auidi gelungen, aber schon nach einigen Wochen muIlten sie mit der Frucht der bösen Tat rechnen. Der Stob kam wie immer aus Albanien. In Albanien war es den Jungiürken auch gelungen, fast alle ihre Gegner von den Wahlen auszuschalten. Bei dieser freiheitliebenden, stolzen Bevölkerung, die noch vollständig in dem Stadium einer feudalen Entwicklung sich befindet und wo die Chefs der verschiedenen Clans, die sogenannteil Bairaktas, als Träger der Ehre des Stammes angesehen werden, wurde diese Wahlniederlage der anerkannten Führer, wie eines Bassry Bey, eines Chassan Bey, Nedjib Draga oder Ismail Kemal, als eine nationale Schmach empfunden. Anstatt alle diese Leute auf den Bänken der Kammer unschädlich zu machen und ihre Unzufriedenheit in Reden sich ausdrücken zu lassen, haben die Jungtürken durch ihre Wahlhetze die Leute zur Rache gezwungen, welche sie auf dem bekannten Wege der Empörung und des Aufruhrs suchen. Die allgemeine Unzufriedenheit der Albanier, die ihnen durch das neue Regime aufgezwungene Steuer und Wehrpflicht, mit welcher die schlaue Politik Abdul Hamids sie verschonte und die sie ungeduldig ertrugen, bildeten die besten Vorbedingungen für einen allgemeinen Aufstand. Man darf auch nicht vergessen, daß eine große Anzahl der albanischen Führer, der berühmte Issa Boletinatz und Idris Sefer z. B. ihre ganze Karriere zur Zeit Abdul Hamids gemacht haben, alles dem alten Sultan verdanken, alles eher als Freiheitshelden sind und das neue Regime von Herzen haßten. Auch darf es nicht verschwiegen werden, daß die Jungtürken gerade in Albanien durch ihre Versuche, gegen die freie kulturelle Entwicklung der Albanier anzukämpfen, nicht wenig gesündigt haben. Alle diese Umstände zusammen erklären zur Genüge den albanischen Aufstand, der aber dadurch besonders gefährlich wurde, daß die von den Jungtürken bis dahin fast ausschließlich angewandte Methode der Pazifizierung — durch militärische Expeditionen -— diesesmal versagt hatte, weil ein sich von Tag zu Tag vergrößernder Teil der Offiziere und Soldaten sich weigerte, gegen die Rebellen zu marschieren. Jetzt zeigen sich auch die Früchte der Propaganda von Sadik und Tahir Bey und anderen Führern der Entente Liberale. Es bildete sich die anonyme Militärliga, welcher sich eine Anzahl der hervorragendsten türkischen hohen Offiziere anschlössen, und welche durch Drohung mit Gewaltmaßregeln, unterstützt von den identischen Forderungen der Albanesen, zuerst den Sturz der Jungtürken, den Sturz des jungtürkischen Ministeriums und die Auflösung des jungtürkischen Parlamentes erzwang. Ebenso wurde ja auch der Sturz Abdul Hamids nicht durch eine Volksrevolution, sondern durch ein Pronunciamento der unzufriedenen Offiziere vorbereitet. War es aber wirklich ein Fall, war es wirklich eine endgültige Niederlage einer Partei, die den großen Umschwung des 10. Tammus 1008 vorbereitet und durchgeführt hatte, und die während der ersten vier Jahre der neuen Aera in der Türkei die ganze politische Macht in ihren Händen vereinigte? Zuerst ein paar Worte über die Ursachen der Unzufriedenheit mit dem Komitee, die ohne Zweifel wirklich in vielen Kreisen vorhanden ist und bei manchen türkischen Politikern die Form eines grimmigen Hasses angenommen hat. Ueber jeden Zweifel erhaben zu sein scheint, daß diese Ursachen zu einem sehr bedeutenden Teil rein persönlicher Natur sind. Die Partei, die ans Ruder kam, hat sämtliche Anhänger des alten Regimes zu entfernen gesucht, sie hat tausende von unfähigen Beamten, die in den alten Ministerien ihre Sinekuren hatten, erbarmungslos verjagt, alle irgendwie bedeutenden Stellen hat sie unter ihre Freunde und Anhänger verteilt. Aber auch im Kreise der Anhänger konnte sie nicht alle befriedigen. Nicht aus einer großen Volksbewegung, die sich auf breite Massen der Bevölkerung stützt, hervorgegangen, konnte sich das Komitee nur auf die Kreise derjenigen stützen, die als Verschwörer unter Abdul Hamid den Fall des Abso-