Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Bei uricerer kulturellen Tätigkeit haben wir die vom Kongreß gesetzten Richtlinien im Auge gehabt: in nähere Beziehungen zu dem orientalischen Judentum zu treten, dessen Nationalisierung als eine der vornehmsten Aufgaben der zionistischen Arbeit erscheint. In dieser Beziehung können wir getrost behaupten, schon Beträchtliches erreicht zu haben. Jeder Kenner des ottomanischen Judentums wird es bezeugen können, daß dank unserer Tätigkeit in den letzten Jahren sich dort ein frisches Leben bemerkbar macht. Die heranwachsende Jugend beginnt, sich jüdisch-national zu organisieren. Es entstehen Studenten-Organisationen und Turnvereine, wir besitzen die Sympathien der großen Masse und haben eine Reihe von Anhängern im Mittelstand und unter den Notablen des dortigen Judentums. Der größte Teil der dortigen jüdischen Presse ist national gesinnt, und diese national-jüdische Partei hat die Stellung einer Macht errungen, mit der man rechnet und mit der man auch rechnen muß. Vieles bleibt selbstverständlich noch zu tun, und wir werden Ihnen unsere Ansichten darüber noch weiter mitteilen. Aber schon jetzt wollen wir hervorheben, daß zu einer ersprießlichen Tätigkeit bedeutend größere Mittel nötig sind, als diejenigen, über die wir augenblicklich verfügen. Wir glauben, daß diese Aufgaben Von so eminenter Wichtigkeit sind, daß man die größten Anstrengungen machen sollte, um sich die dazu nötigen Mittel zu verschaffen. Ohne die Sympathien des ottomanischen Judentums, oder gar gegen seine Sympathien, können wir unter keinen Umständen zum Ziele kommen. Auch auf diesem Gebiete wird es vor allem notwendig sein, die Möglichkeiten einer harmonischen gemeinsamen Arbeit mit den anderen Instituten und Organisationen anzustreben, und mit großer Genugtuung können wir sagen, daß die Zeichen sich mehren, welche beweisen, daß eine Verständigung mit gewissen einflußreichen Kreisen, besonders in Amerika, gelingen wird. So stehen vor Ihnen in großen Umrissen der Plan und die Gesichtspunkte, nach denen sich unsere Tätigkeit richtete. Wir werden in speziellen Berichten und Referaten die nötigen Belege und Details anführen. Wir müssen Sie aber schon jetzt bitten, bei der Beurteilung unserer Arbeit und ihrer Resultate folgende beiden wichtigen Umstände'ins Auge zu fassen: die allgemeine politische Lage in der Türkei und die Lage unserer Organisation. Sie wissen alle, daß gerade in den letzten Jahren die Entwicklung des türkischen Reiches auf große Hindernisse gestoßen ist, bestehend in dem Krieg um Tripolis und den inneren Verwicklungen. Es bedarf keiner ausführlichen Auseinandersetzungen, um zu verstehen, daß unter solchen Bedingungen einer glücklichen Entwicklung unserer Tätigkeit fast unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege standen. Etwas wirklich Großes und Dauerhaftes werden wir nur in ruhiger Zeit und mit einer kräftigen Türkei erreichen können. Auch die unerfreuliche Lage, die unserer Organisation in Rußland bereitet ist, macht uns viel Sorge und ist der Ausdehnung unserer Bewegung recht hinderlich. Sie kann sich nur in der großen Oeffentlichkeit entwickeln und, wie bekannt, fehlt die Möglichkeit einer öffentlichen Propaganda in Rußland schon seit geraumer Zeit. Aber nie waren die Schwierigkeiten so groß, wie gerade in den letzten Monaten. Aus diesem Grunde waren wir gezwungen, auf die Durchführung vieler Projekte, die in Angriff genommen worden sind, vorläufig zu verzichten. Doch dies ist kein Grund, zu fürchten, daß unsere Bewegung in Rußland auf die Dauer gelähmt sei, Die Hingebung und die Umsicht unserer Gesinnungsgenossen wird die Wege finden, um auch unter den obwaltenden Schwierigkeiten die Aufgaben unserer Organisation möglichst zu fördern. Bei der gesunden Grundlage, auf welcher trotz der bestehenden Hindernisse der Zionismus in Rußland beruht, darf die Zuversicht gehegt werden, daß es der Gesinnungstüchtigkeit und der stets bewährten Tatkraft unserer Freunde gelingen werde, auch die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage in nicht ferner Zeit zu überwinden und den Zionismus neuer Blüte entgegenzuführen. Mit dem festen Entschluß, nach wie vor alle unsere Kräfte in den Dienst der zionistischen Bewegung zu stellen, hegen wir das feste Vertrauen zu den berufeneu Vertretern sämtlicher Landesorganisationen, daß sie mit wachsender Energie und Bereitwilligkeit dazu mitwirken werden, unserer Organisation nach langem Ringen die selbständige und feste Existenz zu sichern, deren sie zur vollständigen Erfüllung ihrer schwierigen Aufgaben bedarf. (Lebhafter Beifall.) Hierauf ergreift Herr Dr. V. Jacobson das Wort: Bericht Dr. Jacobsons über die Lage in der Türkei Meine Herren! Wenn ich Ihnen über unsere Arbeit in der Türkei berichte, so muß ich zuerst einen Ueberblick über die Lage in der Türkei geben. Es ist ja selbstverständlich, daß der Charakter, das Tempo, ja, die bloße Möglichkeit dieser Tätigkeit in großem Maße von der Entwicklung des allgemeinen politischen Lebens im Lande abhängig sind. Die Geschehnisse dieses letzten Jahres der türkischen Entwicklung sind Ihnen ja wohl bekannt, gestatten Sie mir nur, dieselben in kurzem zu rekapitulieren. Vor fast genau einem Jahre begann der italienische Krieg, dessen Ende wohl nicht so nahe bevorsteht. Wir erinnern uns alle, wie man bei Ausbruch des Krieges allgemein erwartete, daß der Krieg sich zu einer militärischen Promenade gestalten, und daß die Türkei ged-jinntigt und geschlagen nach wenigen Wochen den Frieden nachsuchen würde. All diesen Erwartungen und Prophezeiungen zum Trotz ist es ganz anders geworden. Die Türkei hat sich als stärker erwiesen, und die türkischen Offiziere verstanden es sehr rasch, arabische Scharen in wohlgeordneten Kadres zu organisieren, welche den italienischen Angriffen mutigen und festen Widerstand geleistet haben, der eigentlich bis jetzt nicht gebrochen ist. Aber auch ein anderes Moment hat sich ergehen, das unsere vollste Aufmerksamkeit verdient. Im Zusammenhang mit dem Kriege sind Stimmen laut geworden, die wiederum die alten Prophezeiungen von dem bevorstehenden Niedergang und Zerfall des türkischen Reiches, vom endgültigen Sterben des Ottoma nentums, auffrischten. Und doch hat gerade der Krieg gezeigt, daß die Mächte sich auf eine Teilung der Türkei nicht geeinigt haben, sondern umgekehrt alles Mögliche getan haben, um Italien an den Angriffen auf die europäische oder asiatische Türkei, welche Verwicklungen hervorrufen und den Status quo bedrohen könnten, zu hindern. Auch finanziell hat die Türkei unter dem Kriege nicht so gelitten, wie man annehmen zu dürfen glaubte. Die statistischen Bulletins des Finanzministeriums zeigen ein ziemlich stetiges Anwachsen der Einnahmen, und die Türkei konnte bis jetzt fast ohne irgendwelche Anleihen die Kosten des Krieges bestreiten. Es ist andererseits selbstredend nicht zu leugnen, daß der Krieg auf die ökonomische Entwicklung