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Die Welt · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1090 DIEÄELT: Nr. 36 Was den Inhalt unserer Tätigkeit anbetrifft, so hat uns als Ziel vorgeschwebt, nicht einseitig zu werden, sondern nach Maßgabe unserer Kräfte und unserer Möglichkeit dahin zu streben, allen Teilen des zionistischen Programms gerecht zu werden. Wir wollten nicht nur politische oder nur praktische Arbeit leisten. Wir wollten weder unsere Aufmerksamkeit ausschließlich dem Organisatorischen widmen, noch sie auf die kulturelle Tätigkeit beschränken. Wir wollten im Zeichen eines harmonisch zusammengefaßten Zionismus arbeiten. Indem wir auf unsere Arbeit zurückblicken, dürfen wir auf das schon Geleistete mit einer gewissen Genugtuung hinweisen. Zu einer Reihe von Landesorganisationen sind wir in engere Beziehungen getreten. Dank den Reisen unserer Kollegen und der übrigen eifrigen Tätigkeit unserer Parteisekretäre ist es uns gelungen, den Grundstein zu geregelterer Tätigkeit verschiedener Landesorganisationen zu legen. Mit großer Freude konnten wir aus Rückäußerungen dieser Organisationen konstatieren, daß dort ein neues Leben zu blühen beginnt. Mehreren Organisationen haben wir zu dem für den Fortschritt der Arbeit unumgänglichen Schritt der Anstellung von besoldeten Sekretären verholfen, und wir haben nie davor zurückgescheut, aus unseren spärlichen Mitteln zu den zu diesem Zwecke nötigen Spesen beizusteuern. Wir glauben, dem Vorwurf zu großer Freigebigkeit, den man uns vielleicht daraus machen könnte, mit dem Hinweis darauf entgegnen zu können, daß eine gesunde und auch auf finanziellem Gebiete hoffnungverheißende Entwicklung der Organisation nur durch das Mittel größerer Ausgaben möglich ist. Und in der Tat bestätigen die Resultate die Richtigkeit dieser unserer Annahme. Im Jahre 1010/11 waren am 1. Juli an Sehekelgeldern ca. 15 000 M. eingegangen, während wir in diesem Jahre bis zum selben Termin schon mehr als -10 000 M. an Schekeln und mehr als 40 000 M. an Beiträgen für den Zentralfonds notieren konnten. Wir erwarten bestimmt, daß nach Einkauf der noch ausstehenden Beträge schon das jetzt beendete Geschäftsjahr ohne Defizit abgeschlossen wird, und wir hoffen, schoii alsbald dahin zu gelangen, daß die Organisationen ihre Sehekelgelder und sonstigen Beiträge regelmäßig abführen und daß gleichzeitig die Höhe dieser Beträge ganz bedeutend zunimmt, so daß wir auf diese Weise nicht nur zu einer dauernden Sanierung unserer Finanzlage gelangen werden, sondern auch zu einer Budgethöhe, die der Würde und den Erfordernissen unserer Bewegung entspricht. Freilich bildet das Finanzielle nur eine Seite unserer Bestrebungen. Ebenso wichtig ist es, der Gesamtorganisation zum Bewußtsein zu bringen, daß die Organisation nicht eine Maschine, sondern ein lebendiger Organismus ist, der nur dann gedeihen kann und nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn in ihm frisches Leben pulsiert und wenn alle Teile der Organisation sich als Glieder eines lebendigen Organismus fühlen. Aus diesem Gefühl muß auch das Bewußtsein der Verpflichtungen der Teile der Gesamtorganisation gegenüber entspringen, und damit wohl dann dem bisherigen Zustand, der auf die Duier unerträglich wird, ein Ende gemacht werden. Ist es doch eine in unserem Kreise leider allgemein bekannte Tatsache, daß sogar im übrigen gut disziplinierte und opferfreudige Gesinnungsgenossen, die für konkrete Sachen ganz gern größere Beträge zeichnen, zu einem Beitrag für die Organisation selbst nicht zu bewegen sind. Das muß aufhören. Man muß auch die Organisation und alles, was damit verknüpft ist, als etwas in erster Linie Konkretes und Reales betrachten, das eben solche Opfer verlangt, wie irgendwelche andere Unternehmungen, ja, das vielleicht den Vorrang haben sollte. Denn ohne den Ausbau der Organisation, ohne die Möglichkeit, für den ganzen Komplex der großen organisatorischen und politischen Arbeit, die den ausführenden Organen der Bewegung obliegt, zu sorgen, ist auch auf anderen Gebieten nichts Ersprießliches zu erhoffen. Wir sind fest überzeugt, daß wrir auf dem richtigen Wege sind, um in unserer Bewegung in dieser Beziehung die Grundlagen einer systematischen Arbeit zu schaffen. In unserer politischen Aktion haben wir uns im Rahmen der Erklärungen und Beschlüsse der letzten Kongresse gehalten. Wir suchten die zionistische Tätigkeit mit der weiteren Entwicklung der neuen Türkei in Einklang zu bringen und haben nach Möglichkeit danach gestrebt, immer mehr Beziehungen zu den maßgebenden Stellen zu schaffen. Dabei bemühten wir uns stets, die in Betracht kommenden Machtfaktoren über unsere Ziele und Wünsche aufzuklären und zu zeigen, daß die Interessen des Zionismus sich in derselben Richtlinie wie diejenigen der neuen Türkei bewegen. Parallel mit dieser Tätigkeit bemühten wir uns, auch diejenigen leitenden Kreise Europas, welche die öffentliche Meinung beeinflussen, über unsere Ziele zu unterrichten. Wir sind dabei Motiven gefolgt, die in den schönen Worten Dr. Herzls ausgesprochen sind: „Zu seiner Entwicklung bedarf der Zionismus einer Atmosphäre des allgemeinen Wohlwollens." Es ist Ihnen bekannt, welche Masse von Mißtrauen und Verdächtigungen uns nicht nur in der Türkei, sondern auch anderswo noch immer entgegengebracht werden, und erwarten Sie daher keine sehr großen Resultate in einer so kurzen Zeit von uns. Sie werden es vielmehr wohl verstehen, daß wir hier auf keine abgeschlossene Arbeit hinweisen können. Aber ganz ehrlich und ohne uns irgendeiner Uebertreibung schuldig zu machen, dürfen wir doch wohl sagen, daß manches schon geschehen, daß einige, gewiß nicht ganz unbedeutende Resultate erzielt sind, und daß wir 'nur ruhig auf diesem Wege weiter zu gehen brauchen, um mit der Zeit auch größere Resultate zu erzielen. Auf das innigste mit dieser gewissermaßen politischen Tätigkeit verknüpft ist auch unsere Palästinaarbeit, die wohl die wichtigste reelle Basis für alle unsere politischen Pläne darstellt. Auch auf diesem Gebiete ist manches geschehen, was ganz bestimmt als Fortschritt angesehen werden muß. Der Einfluß unseres Palästinaamtes steigt zusehends; es wird allmählich zu einem Zentrum, welches freiwillig von anderen nationalen und zionistischen Instituten als solches anerkannt wird. Wir betonen dies, weil eben diese Seite unserer Tätigkeit in Palästina uns als die wichtigste erscheint: eine Zentralisierung und Zusammenfassung aller dort tätigen Kräfte zu erzielen, und zwar nicht nur der im Lande tätigen zionistischen Institute oder Persönlichkeiten, sondern sämtlicher in Betracht kommender jüdischen Institute. Wir sind fest davon überzeugt, daß es gerade auf dem Gebiete der praktischen Arbeit in Palästina bei behutsamem Vorwärtsschreiten gelingen wird — ohne daß wir dabei irgend etwas von unseren Prinzipien aufgeben —, zu einer harmonischen Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen zu gelangen und auf diese Weise die schon im Anfang unserer Bewegung in einer bekannten Resolution des II. Kongresses formulierten Wünsche zu realisieren.

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