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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1074 herrscht bin. Und was ist am Ende so verwunderlich dabei? Wenn man einen Menschen immer und mit immer wachsender Energie verfolgt, so muß ja in ihm die fixe Idee Platz greifen, daß damit der Inhalt der Weltgeschichte ausgeschöpft wird, daß alles und alle nur von dem Drange erfüllt sind, ihn zu verfolgen. Ich sage es ganz ernst — und mag man es mir auch als Begrenztheit oder gar pathologische Anomalie auslegen — ich schwöre, daß ich nichts als diese zwei Lager sehe: diejenigen, die angreifen, und diejenigen, die sich verteidigen. Ich weiß mir kein schöneres Vergnügen, als die verschiedenen Länder zu bereisen und diesen Kampf zu beobachten. Ich bin nur deshalb Optimist, weil wir Juden uns glänzend verteidigen. Ich habe mein Vermögen auf den Stand eines kleinen Reisekoffers gebracht, habe also vollkommene Freiheit erreicht, kann mich leicht hierhin und dorthin wenden, überall hinfahren, wo Nester, unsere jüdischen Nester vorhanden sind. Ich war in Amerika, in Kanada, im Londoner WhitechapI, in Palästina. Ich ging von Witebsk geradeaus die Chaussee entlang bis Mohilew durch viele, viele jüdische Städtchen und fühlte mich außerordentlich gut, glücklich sogar. Ich vergaß ganz und gar die Literatur, unterhielt mich dafür aber mit guten alten Juden und überhaupt mit Juden. In eines dieser Städtchen kam ich des Abends, gerade als beim angesehensten Bürger Hochzeit war, — er verheiratete seine Tochter. Da war ich nun Gast, ein Gast aus der Fremde, aus der Ferne, aber doch ein willkommener Gast, ein Jude. Man schleppte mich in den Reigen, und ein schöner alter Mann winkte mir so väterlich-heimlich zu, und, wenn ich ihn nicht gleich verstand, schlug er mir mit der flachen Hand auf die Schulter, und sagte: „Lebhafter doch, junger Mann! Lebhafter! Es ist doch ein jüdisches Fest! Die Verfolgungen? Neue Verfolgungen, — sagt man? Ha, ha! Wir werden's schon machen. Wir w erden's schon machen!" Und wieder diese Verachtung der Minderwertigen, die über uns herrschen! Wieder dieses: Was können sie uns anhaben? . . . Beim Volke, in den großen jüdischen Zentren und in den kleinen litauischen Städten habe ich den Optimismus gelernt, der über die herrschende Not hinwegsieht. Meine Herren! Dieju den arbeiten! Erinnern Sie sich doch nur an den gewaltigen Fortschritt, den die Idee der jüdischen Einigkeit in den letzten Jahren gemacht hat. Einigkeit! Welch herrliches Wort, an das ich glaube, weil es kein leeres Wort ist. Und da muß ich auch einen Augenblick innehalten, um eine dreimalige tiefe Verbeugung vor dem Zionismus zu machen. Entschuldigen Sie, ich bin kein guter Buchhalter. An Ideen trete ich nicht wie ein strenger Gläubiger mit den Fragen „Wann?" und „Wieviel?" heran. Aber auch dann, wenn mir einmal eine solche Frage in den Sinn kommen sollte, werde ich niemals vergessen — und niemand darf es — was der Zionismus für die Erfüllung des toten Wortes „Einigkeit" mit lebendigem Inhalt, mit brüderlichen Gefühlen geleistet hat. In den gegenseitigen Beziehungen der Juden der verschiedenen Länder ist eine ganz ungeheure Aenderung zum Besseren vor sich gegangen, und hierfür hat man dem Zionismus zu danken. Ich würde gewiß nichts gegen eine Neuordnung der Dinge einzuwenden haben, in der sich alle Menschen wie Brüder fühlen. Doch darüber hat man nur Bücher geschrieben, und weiter ist wohl nichts zu machen. Darum freue ich mich über die teilweise Verwirklichung, freue mich, daß ich mich wenigstens in Nr. 35 meinem Volke als Mitglied einer großen Familie fühlen kann, — ob ich nun in Wilna, oder in Berlin, oder in Amsterdam bin. Daß aber dieses Gefühl in den letzten 15 Jahren besonders stark geworden ist, das ist das Verdienst des Zionismus. Darum, meine Freunde, ist es auch gar nicht nötig, daß Sie nachrechnen, wieviel Kolonien es in Palästina gibt und wieviel Juden dort Platz haben. Es ist wahrlich schon eine große Leistung des Zionismus, daß er uns alle verbunden hat . . ." „Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche," warf einer der Zuhörer ein, „aber Ihr Panegyrikus auf den Zionismus nimmt mich einigermaßen Wunder. Sie sind denn doch schon zu sehr Optimist, um Zionist zu sein. Und dazu noch Ihr Glauben an die verschiedenen Zentren, oder wie Sie sich ausdrücken, Nester! Ich sehe einen Widerspruch in Ihren Meinungen." „O, nicht die Spur eines Widerspruchs! Im Gegenteil. Meine Anschauungen sind ganz logisch und konsequent. Ich gehe ganz so vor, wie diejenigen, die gewinnen wollen und verschiedene Lotterien in Rechnung ziehen: Wenn's nicht an einem Orte glückt, vielleicht an einem zweiten oder dritten . . . Ich hoffe, daß Sie mich richtig verstehen werden, und nun will ich ein bißchen ausruhen. Entschuldigen Sie die nervöse Art meines Sprechens, daß ich manchmal abgeschweift bin. Das kommt daher, daß in mir ein heißer Wille lebt, den Glauben an unsere eigenen Kräfte zu verbreiten. Zuweilen gelingt's mir auch. Zuweilen aber bringe ich plötzlich kein Wort heraus, und dann möchte ich am liebsten auf die Straße stürzen und das Loblied vom Warschauer Theater in die Menge schreien: 'Ch dank' dir, lojb dich, Gotenju, Wos ijch bin a Jid . . ." Ermüdet und zufrieden lächelnd neigte er den Kopf ein wenig zur Seite. Die Zigarette zwischen seinen Fingern war erloschen. Im übrigen hatten seine Worte sichtlich bei allen einen guten Eindruck gemacht. Auch der Zionist aus Rußland, der mit den müden Augen, war bewegt, nicht so sehr von den Gedanken, als von der ganzen Art, wie „Salomon. Optimist" sprach und sich benahm. Interessant, sehr interessant, — dachte er und sagte bald darauf: „Alles, was Sie uns da sagten, war ja gut, weil es frisch gesagt war. Aber Sie machen einen Grundfehler. Sie erzählen uns von den jungen, enthusiastischen Estafetten, die auf ihren feurigen Rossen dahergesprengt kommen, um über die Lage auf dem Schlachtfeld zu berichten, und nur von Heldentaten zu berichten wissen, — von einer Armee von Löwen, die nach dem Kampfe brennen, und von den klugen Kriegsplänen dieses oder jenes Generals, — aber die Schrecken des Krieges ganz vergessen. Sie blicken auf das jüdische Leben wie auf ein Leben im Lager. Sie sind ein Schlachtenmaler, schenken uns geradezu künstlerische Schlachtengemälde. Aber Sie sind von den einzelnen Momenten des Kampfes zu begeistert, um moch für die Verwüstung, die der ewige Kriegszustand im Leben des jüdischen Volkes angerichtet hat, für dessen leibliche und seelische Verkrüppelung Augen zu haben. Bedenken Sie doch, daß der Kriegszustand den Menschen abstumpft und verroht. Dort, wo man immer an den Feind denken muß, kann sich nichts Besonderes, nichts Hervorragendes entwickeln. Und dann: Die Weit ist gegen uns ungerecht, die ganze Welt, demnach haben nur wir das Recht, die Welt zu verurteilen, sie zu verhöhnen, das Recht auf Skeptizismus. Wissen Sie aber, daß dies ein ME^KELT

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