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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 35 ("□□□□OD die^elt FEUILLETON 1073 □□□□□□3 Die Fortsetzung der Debatte Vielleicht entsinnt sich der freundliche Leser noch zufällig meiner Bekannten, die im engen Kreise in einem gemütlichen Berliner Cafe über jüdische Fragen: Zionismus, jüdisches Volk usw. diskutierten.*) Die Hauptgestalten waren ein russischer Zionist mit müden Augen und ein junger deutscher Zionist in „Sturm und Drang"- Stimmung. Wie das ja immer der Fall ist, blieben die Beiden nach dem Disput bei ihren Meinungen. Was insbesondere den Zionisten aus Rußland anlangt, kümmerte es ihn nicht, daß an Stelle des strengen Winters der herrliche, warme Sommer getreten war. Er blieb derselbe Schwarzseher, wie früher, mit sich selber und daher mit der ganzen Welt unzufrieden. Und doch, als er an einem der schönen Flecke der deutschen Schweiz, am Vierwaldstätter See, mit seinem Gegner vom Winter her zusammentraf, da wußte er sofort, daß ihm alle Zurückhaltung nichts nützen und die Fortsetzung der Debatte unbedingt werde stattfinden müssen. Unbedingt! Denn er gehörte zu jenen Juden, auf deren Gesichtern immer die Frage zu lesen ist: „Und wie wird das mit dem jüdischen Volke sein?" Bald waren noch andere Bekannte mit dabei. Es bildete sich eine Gruppe, und in dieser trat nun eine neue, ganz merkwürdige Persönlichkeit, die alle interessierte, in den Vordergrund. Ebenfalls aus Rußland, pflegte der Mann jedem, der ihn um seinen Namen fragte, zu antworten: „Es ist doch ganz und gar nicht wichtig, wie ich in Wirklichkeit heiße. Aber, bitte, nennen Sie mich doch — Optimist. Salomon Optimist. Je öfter man das Wort hört, desto besser. Man soll sich an das Wort gewöhnen. Denn die Luft ist schon allzu gesättigt von dieser Schwarzscherei. Nicht daß das Volk pessimistisch wäre! Oh nein! Gerade im Gegenteil: Dort in den dichten Reihen, wo Not, Armut und Schmutz hausen, wohnt auch ein wunderbarer, unbegreiflicher Glaube an sich selbst, eine beißende Ironie gegen diese ganze feindliche Welt ringsum, ein scharfer Volkswitz, dem dieser ganze Rudel Wölfe, der immer auf der Suche nach einer Stelle ist, wo er seine Zähne eingraben kann, unglaublich lächerlich erscheint. Der Jude, der verscheuchte Jude, hat irgendwo ein Loch gefunden, aus dem er mit schelmischen Augen herausguckt und die Feinde verlacht, die Minderwertigen. Was können sie ihm anhaben? Ja, was können sie ihm anhaben? ... Da sehen Sie z. B. eines dieser Löcher, ein jüdisches Theater in Warschau. Wollen Sie hinkommen, so müssen Sie von den Luxusstraßen abbiegen und hinunter, ganz hinunter gehen. Da steht ganz tief unten, in Tal und Finsternis, ein geschmackloses Gebäude: das jüdische Theater. Es ist bis auf das letzte Plätzchen mit fröhlichen, hoffnungsvollen Menschen gefüllt. Hier lacht der Jude seine Feinde aus. Hier ist er bei sich zu Hause, Auf der Bühne singt man:?Ch dank dir, lojb dich, Gotenju, Wos ijch bin a Jid. Das Publikum stimmt ein. Die Extase des Schau- *) Vgl. den Aufsatz „Golusromantik" in Nr. 4 und 6 der „Welt" d. J. Spielers wächst, und mit den dazu gehörigen Grimassen verkündet er: „Oj, 's is gut, oj, 's is wojl, 'S is a m'chaje, zu sajn a Jid." M'chaje kann man, wenn man will, mit „Vergnügen" übersetzen, obwohl die Uebersetzung nicht ganz stimmt. Doch darum geht es mir auch gar nicht. Ich will nur feststellen, daß zur selben Zeit, in der die jüdischen Zeitungen umd Zeitschriften nichts als jammern, die Verfolgungen zunehmen und kein Ausweg vorhanden zu sein scheint, tausende Juden, wirklich tausende, jede Nacht neue Tausende, zusammen mit dem geschmacklosen, banalen Schauspieler da oben auf der Bühne, Gott für ihr Judentum danken: 'Ch dank dir, lojb dich, Gotenju, Wos ijch bin a Jid. Sie wundern sich wohl, daß ich es fertig brachte, gerade an diesem Orte, an dem die grobe, primitive Kunst herrscht, Körnlein eines tiefen Glaubens zu finden. Ja, meine lieben Freunde, darin liegt doch das Geheimnis des Optimismus, und wenn Sic mir erlauben, will ich Ihnen jetzt erzählen, wie ich Optimist wurde, wie ich all das Schwere von mir abwälzte. Es gibt wohl keinen Ort, der besser geeignet wäre, um an ihm vom Optimismus zu reden, als hier in dieser wunderbaren Natur. Wir sind hier in dem ältesten Kanton, in Uri, wo das Volk seine Legendem schuf. Wir sitzen gerade an der Teil- Kapelle. Hier hat Teil den Pfeil abgeschnellt. Von hier ist er in die Berge entkommen. Hier fand die Apotheose statt, drei Alte reichen sich die Hände, ein ewiger Bund wird beschworen. Wir sind den Helden so nahe, und wo Heldentum, ist doch Glaube, Optimismus. Ja, ja, wir befinden uns hier im ältesten Kanton, in Uri, einige jüdische junge Leute, und unterhalten uns über jüdische Fragen und Judentum. Und, wissen Sie, ich glaube fast, daß es auf der Erdkugel keinen Platz gibt, wo nicht auch so junge Leute zusammensitzen und über jüdische Fragen und Judentum sprechen. Ich glaube fast auch, daß wir Juden in ungeheurer Zahl da sind, nicht die zwölf Millionen, von denen man immer spricht. Doch ich will ja vom Optimismus reden. Wahrlich, meine Freunde, ich kann Ihnen nur eins empfehlen: Seien Sie Optimisten!" Mein Bekannter aus Rußland, der die müden Augen hat, bemerkte: „Ich habe im allgemeinen keine besonders hohe Meinung von dem Werte des Optimismus. Doch in dem Ihrigen gibt es einige interessante Linien. Sie lieben die Paradoxe, und das ist der beste Beweis, daß Sie etwas von der Wahrheit in sich haben. Sprechen Sie, wir werden Ihnen mit Vergnügen zuhören." Nach einer kurzen Pause fuhr der Optimist fort: „Meine Zufallsbekannten und doch lieben Freunde! Ich muß Sie zunächst mit meiner zentralen Idee bekannt machen. Sie ist folgende: Die ganze Welt hat sich in zwei Parteien geteilt: Juden und Nichtjuden. Alle großen und größten Erscheinungen, wie Kriege, geniale Erfindungen, Staatsaktionen usw. usw., sind nur Kleinigkeiten. Der Nerv der Geschichte, das ist der Kampf der Welt gegen den Juden. Ich weiß, daß diese Meinung recht sonderbar ist. Aber, bitte, begnügen Sie sich mit der Tatsache, daß ich von dieser zentralen Idee be-

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