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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 35 DIE3qKELT PALÄSTINA-RUNDSCHAU 1060 (Von unserem Berichterstatter.) A* M. Luncz Wer sich gerne und häufig in den Straßen Jerusalems ergeht, der begegnet mitunter einem Manne, der dadurch die Aufmerksamkeit des Beobachters in hohem Grade fesselt, daß er, obschon unzweifelhaft ganz des Augenlichtes beraubt, dennoch seinen Weg rüstig fortsetzt. Ja, bald gewinnt man den Eindruck, daß dieser Erblindete nicht ein müßiger Spaziergänger, sondern ein ernster Forscher ist, der seinen topographischen Studien nachgeht. Versucht man nun mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, so hat man nicht einen weltfremden, einsilbigen und trockenen Gelehrten vor sich, sondern einen Mann voll sprühenden Geistes, der für alles Menschliche ein warmes Interesse empfindet. Nur e i n Gebiet des Wissens gibt es, das ihm mehr als alles andere nahegeht: die Palästina-Kunde. Dieser Mann ist A. M. Luncz. Er ist in Kowno im Jahre 1855 geboren. Im Jahre KS60 siedelten seine Eltern nach Jerusalem über, — zu einer Zeit also, als die jüdische Gemeinde Jerusalems noch klein und leicht übersehbar war. Der 14jährige Iluj brachte gediegene talmudische Kenntnisse mit, beherrschte aber bereits auch einige europäische Sprachen und versenkte sich mit besonderer Vorliebe in das Studium der hebräischen Sprache, die er bald meisterlidh handhabte. Bald begann auch seine öffentliche Wirksamkeit. Wo immer es eine Arbeit für die geistige oder materielle Hebung der Jerusalemer Juden gab, da stellte er seine Arbeitskraft zur Verfügimg. Besonders interessierten ihn kulturelle Arbeiten, und er entfaltete auch bald eine rege literarische Tätigkeit, die vornehmlich die Palästinakunde, insbesondere die Kunde von Jerusalem, zum Gegenstand hatte. Mit Beschämung nahm er wahr, daß auch auf diesem ureigentlichen jüdischen Gebiete das tieftraiirige Wort des Propheten: „Unser Erbgut verwandelte sich in fremden Besitz", seine volle Gültigkeit hatte. Er machte es sich zur heiligen Pflicht, nach Maßgabe seiner Kräfte diesem Uebelstande zu steuern und die Palästina-Kunde unter den Juden zu popularisieren. 1876 erschien sein erstes Buch „Die Straßen Zions und Jerusalem s", und eifrig sammelte er Material für seine weiteren Werke. Da traf ihn im Jahre 1878 das schlimmste Geschick, das einen Schriftsteller und Forscher treffen kann: er erblindete völlig an beiden Augen. Vergebens eilte er nach Wien, um die dortigen Augenärzte aufzusuchen. Er erfuhr, daß sein Leiden unheilbar ist. Aber er beschloß, die einmal eingeschlagene Bahn trotz seines großen Unglücks weiter zu verfolgen. Im Jahre 1882 erschien sein erstes Sammelbuch „Jerusalem", zu dem Perez Smolensky die Einleitung schrieb. Demnächst wird der zehnte Band dieser Sammlung erscheinen. — Diese Sammelbücher waren nicht die einzige wissenschaftliche Leistung von Abraham Mose Luncz. Siebzehn Jahrgänge seines „L u a c h Erez J i s r a e 1" (Palästina-Almanach), sowie die Herausgabe von drei großen Werken aus der älteren Palästina-Literatur, die er mit eingehenden Anmerkungen und Einleitungen versah, legen ein beredtes Zeugnis von der ersprießlichen Tätigkeit des Rastlosen ab. Allein dies alles verschwindet beinahe ganz aus dem Gesichtskreis, wenn man an sein eigentliches Lebenswerk denkt: an seine Edition des jerusalemischen Talmuds. Elieser Ben-Jehudah sagte darüber bei der Luncz- Feier, die sie in Jerusalem veranstaltet haben: „Man ist sich darüber einig, daß der jerusalemische Talmud unser bedeutsamstes literarisches Werk nach dem Abschluß der Misch nah darstellt Auch sind seine hebräischen Bestandteile natürlicher und urwüchsiger als die des babylonischen, was ja in der Zeit und dem Ort seiner Entstehung begründet ist. Seltsamerweise ist jedoch bis nun ausschließlich der babylonische Talmud, der in einem nichtjüdischen Milieu entstanden ist, und der, wie nach verschiedenen Aussprüchen zu urteilen ist, seinen Verfassern selbst wenig Befriedigung bereitet hat, — zur dominierenden geistigen Kraft im Judentum geworden, während der jerusalemische Talmud beinahe ganz übersehen wurde. Dies hatte zur Folge, daß im Laufe der Jahrhunderte die Abschriften immer ungenauer Wurden, so daß es jetzt viele Stellen im Talmud Jeruschalmi gibt, die uns unverständlich sind. Ebenso wurde die Bedeutung vieler Worte vergessen, während die lebendige Ueberlieferung die Bedeutung des Wortschatzes des babylonischen Talmuds treu bewahrt hat." Es ist hier nicht der Ort, auf die wissenschaftliche Bedeutung der diesbezüglichen Leistung Luncz' einzugehen. Aber nach dem bereits Gesagten wird auch der Laie begreifen, welche immense Energie dazu gehört, wenn ein fünfzigjähriger blinder Mann, der vom Anfang bis zu Ende auf Hilfskräfte angewiesen ist, daran geht, eine wissenschaftliche Ausgabe des * *

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