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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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für die Ruthenen" auf, denn wenn „bloß die Ruthenen" einen Kataster bekommen, bilden ja die übrigen Wähler eo ipso den zweiten. Kurz, im polnischen Volke herrschte in dieser Frage eine ideale Harmonie. Nicht minder aber irn ruthenischen. Mit Ausnahme der rnthenischen Sozialdemokraten vielleicht, die für die Bedürfnisse des jüdischen Proletariats ein gewisses Verständnis zu haben scheinen, politisch jedoch vorläufig keine bedeutende Rolle spielen, haben alle maßgebenden ruthenischen Faktoren den festen Entschluß gezeigt, die Juden ohne weiteres auszuliefern, um nur rasch an die Krippe zu gelangen. Ich habe so lange bei der Wahlreform verweilt, weil wir an diesem Beispiel am besten die Tendenzen der beginnenden neuen Entwicklung ersehen können. Die polnische Regierung und alle Schichten des polnischen Volkes sind nach wie vor entschlossen, den Juden gegenüber eine Politik der reinen Gewalt anzuwenden. Im ruthenischen Lager aber herrscht der unbändige Wunsch, endlich einmal aus der Rolle des ewig Unzufriedenen herauszukommen. Die Ruthenen wünschen momentan nichts sehnlicher, als sobald als möglich einen festen, anerkannten politischen Besitzstand zu erlangen, sei es auch um den Preis der Aufopferung der wichtigsten Prinzipien. Ja, sie sind sogar geneigt, dafür eine Verstärkung des polnischen Besitzstandes durch die Juden über sich ergehen zu lassen. Sind wir also in üalizien unrettbar verloren? Wird die kaum eifprozentige jüdische Minorität im Lande dank dieser neuen Situation an der Erreichung gewisser nationaler Rechte verzweifeln müssen? Nun, gar so einfach ist die Sache doch nicht. Auch hier kann uns die Wahheformfrage eine gewisse Handhabe bieten. Es dürfte bekannt sein, daß die jüdischen Massen anfänglich der ganzen Wall Irefonngefahr ziemlich teilnahmslos gegenüberstanden. Während die polnischen Machthaber schon im Vorgenusse des verschlungenen Opfers schwelgten, hatten die Juden zu der ganzen Angelegenheit noch gar keine Stellung genommen. Doch als sich endlich die jüdischen Massen zu einer halbwegs kräftigen Protestbewegung aufrafften und die maßgebenden Kreise zwangen, die Frage etwas ernster zu betrachten, da entdeckten auch die vergewaltigungslustigsten polnischen Politiker eine recht unangenehme Kehrseite der Medaille. Sie kamen nämlich darauf, daß die Juden doch schließlich auch - existieren, und trotz aller Vergewaltigung mit ihren Stimmen das Wahlresultat in einem gegebenen Wahlkreise irgendwie beeinflussen müßten. Denn, sagen wir, es gelänge der Bobrzvnskischen Wahlgeometrie die Herstellung einer Wahlkreiseinteilung ohne einen einzigen jüdischen Wahlkreis, so wäre damit allerdings eine jüdische Vertretung unmöglich gemacht. Desto größer müßte aber die Anzahl der Wahlkreise werden, in denen die Juden als starke Minorität das Zünglein an der Wage bilden würden, d. h. es müßte das Schicksal einer ziemlich großen Anzahl von Mandaten in hohem Maße von den Juden abhängen. Und da tauchte wieder vor dem geistigen Auge der polnischen Judenverschlinger das Gespenst der — jüdisch-ruthenischen Allianz auf. Deswegen eben haben die meisten polnischen Parteien den nationalen Kataster als die einzige Rettung vor der jüdisch-ruthenisdhen Gefahr begrüßt. Die Juden müssen von den Ruthenen separiert werden so lautete die Parole. Aber auch der Kataster hat seine Schwierigkeiten. Denn im polnischen Kataster würden die Juden nicht nur 11°/», sondern nahezu 19 «> o aller Wähler ausmachen, was - da doch die Juden einmal an gewissen Punkten stark konzentriert sind bei gewissen Bedingungen sogar dazu führen könnte, daß der polnische Kataster den einen oder den anderen nationaljüdischen Vertreter in das Landesparlament entsenden könnte. Das Beispiel des an die Juden verlorenen deutschen Mandates in der Bukowina mahnte trotz der Verschiedenheit der Verhältnisse zur Vorsicht. All dies wurde freilich nicht mit voller Offenheit eingestanden. Klar ist aber doch, daß sich die polnischen Politiker an dieser harten Nuß nicht wenig die Zähne abgemüht haben, ohne mit ihr ganz fertig zu werden. Und ich glaube, diese Zweifel und Schwierigkeiten sind die objektiven Momente, die einem energischen Kampfe für die Berücksichtigung unserer nationalen Sonderexistenz bei der Wahlreform den Erfolg verheißen. Und wie bei der Wahlreform, so wird es in allen anderen Fragen sein. Das galizische Judentum ist ökonomisch schwach und lebt in nicht sehr günstigen Siedlungsverhältnissen. Aber gar so bedeutungslos sind wir denn doch nicht. Selbst wenn das herrschende polnische Volk imstande wäre, uns politisch ganz zu vergewaltigen, unsere Existenz ist einmal nicht wegzuleugnen. Und deswegen trägt jede Vergewaltigung unseres Volkes in sich den Keim gar nicht unbedeutender Gefahren für die Vergewaltiger selbst. Die Polen werden zur Einsicht kommen müssen, daß es für sie keineswegs gleichgültig sein kann, ob die 900 000 Juden im Lande zufrieden sind oder im Herzen den Stachel des Grolls tragen. Und je mehr wir unsere Entschlossenheit zu weiterem Leben und zum Kampfe um unsere Existenz betonen werden, desto mehr wird im polnischen Lager die Erkenntnis Platz greifen müssen, daß wir auf eine so bequeme und einfache Weise nicht zu verdauen sind. Jedenfalls müssen wir aus den Ereignissen der letzten Zeit die Lehre ziehen, daß das galizische Judentum auf die Dauer von der polnisch-ruthenischen Spannung nicht viel zu erwarten hat. Die beiden herrschenden Nationen werden früher oder später Frieden schließen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dabei die Ruthenen sich damit zufriedengeben, daß wir dem polnischen „Besitzstande" zugezählt werden. Doch das polnische Volk wird immer mehr die Unmöglichkeit einer Absorbierung der jüdischen Massen verspüren und früher oder später den Assimilationsgedanken aufgeben müssen. Unsere Sorge muß es sein, im Interesse beider Teile dieses Resultat möglichst zu beschleunigen. Der Weg dazu ergibt sich von selbst: Unermüdliche ökonomische Arbeit, Schaffung kultureller Institutionen, politische Aufklärung der jüdischen Massen. Und nicht in letzter Linie — Bemühungen zur Verständigung mit den breiten polnischen und ruthenischen Massen ohne die Vermittlung der heutigen Politiker.

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