Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 35 DIE3 Forderung leugnen würde,, sogar die National-Demokraten (Allpolen) sind im Prinzip mit diesem Postulate einverstanden. Strittig ist im wesentlichen bloß die Frage, wo die ruthenische Universität errichtet werden soll. Während die Ruthenen als Standort ihrer Hochschule unbedingt Lemberg verlangen, erklären sich einige polnische Gruppen mit alier Entschiedenheit gegen Lemberg, da dadurch der „polnische Charakter" der Hauptstadt gefährdet werde. Alle übrigen Streitpunkte sind nebensächlicher Natur. Und auch bezüglich des Hauptstreitpunktes ist zu bemerken, daß die entschiedene Opposition des Polenklubs gegen Lemberg als Standort erst im letzten Momente durch die Aufhetzung der nicht unterrichteten Massen von Seiten der allpolnischen Gruppe erzwungen wurde, während nicht wenige, selbst bürgerliche Kreise im polnischen Volke, eigentlich auch in diesem Punkte nachgiebig gestimmt sind. Andererseits sind die Ruthenen entschlossen, die Universität um jeden Preis ehestens zu erringen, selbst um den Preis der alleruntertänigsten Regierungsfreundlichkeit. Die ruthenischen Abgeordneten sind aus den wütendsten Obstruktionisten und Regierungsfeinden auf ein freundliches Handschreiben des Kaisers hin in einem Nu zu diensteifrigen Budget-Bewilligern und Wehrreformpatrioten geworden. Natürlich, in so ganz einfacher, gerader Linie geht die Entwicklung nicht. Gewisse Rückschläge sind unvermeidlich. Und so haben wir fast gleichzeitig mit den oben erwähnten Vorgängen die 13 stündige Obstruktionsrede des Ruthenen Baczynski erlebt, und die selbst für Oesterreich ungewöhnliche Turnübung des Abgeordneten Budzynowski auf dem Präsidialtisch des Wasserstraßen-Ausschusses. In der polnischen und ruthenischen chauvinistischen Presse — und chauvinistisch ist hierzulande so ziemlich die ganze Presse — hat der Federkampf an Schärfe und Hartnäckigkeit nichts eingebüßt. So fordern die Polen als Vorbedingung für die Errichtung der ruthenischen Universität die gleichzeitige Erledigung der Wahlreform zum galizischen Landtag und der Kanalfrage, während die Ruthenen eine separate Behandlung dieser Angelegenheiten verlangen. Trotz alledem steht aber fest, daß die Wortführer beider nationaler Gruppen entschlossen sind, in der Universitätsfrage zu einer Einigung zu kommen. Und da der Wille vorhanden ist, ist ein positives Resultat nur die Frage einer kurzen Frist. Aehnlich verhält es sich mit der Frage der Landtagswahlreform. Auch sie ist bereits ziemlich weit gefördert. Ueber sehr wichtige prinzipielle Punkte sind beide Teile bereits einig. Vor allem über den Grad der Demokratisierung des Wahlrechts. Auch da haben die Ruthenen einen großen Schritt nach rechts gemacht. Sie haben ohne weiteres das Prinzip des gleichen Wahlrechts fallen gelassen und sich mit der Bildung einer allgemeinen Wählerkurie — neben den bereits bestehenden privilegierten — stillschweigend einverstanden erklärt. Wichtiger ist aber ihre Nachgiebigkeit in nationaler Beziehung. Trotzdem die Ruthenen in Galizien mehr als 42 o/o der Bevölkerung bilden, wollen sie sich doch mit 30 o/o aller Mandate begnügen, wogegen die Polen ihnen bloß 26,4 o/o zugestehen wollen, entsprechend dem ruthenischen Anteile an den galizischen Reichsratsmandaten. Um 3,6 o/0 drehte sich der Mandatenhandel während der letzten Landtagssession, und die Annahme ist völlig begründet, daß es trotz der Versicherungen unbedingter Unnachgiebigkeit ELT 1067 auf beiden Seiten, in der nächsten Landtagssession zu einer Einigung kommen wird. Der ruthenisch-polnische Streit, der viel tiefere Wurzeln hat, wird damit freilich nodh lange nicht beendigt sein. Aber die Kampfbasis wird ein wenig sdhmäler werden, der Weg zum Frieden wird von zwei wichtigen Hindernissen gereinigt sein. Und nun erhebt sich von selbst die Frage: Wie werden diese mit zwingender Notwendigkeit zu erwartenden Ereignisse auf die Lage der galizischen Juden zurückwirken? Und was haben die Juden zu tun, um mit der unvermeidlich kommenden Entwicklung gleichen Schritt zu halten? Daß die neue Phase in den ruthenisch-polnischen Beziehungen nicht ohne Wirkung auf die Juden bleiben kann, ist nur zu selbstverständlich und zeigt sich ganz kraß in der Wahlreformfrage. Unter den prinzipiellen Punkten, in denen die polnischen und ruthenischen Politiker bereits einig sind, befindet sich noch ein sehr wichtiger, der lautet: Die Juden sind bei der Wahlreform womöglich auszuschalten. Auch hier haben die Ruthenen seit 1906 ziemlich rasch und gründlich umgelernt. Sie haben, natürlich wieder stillschweigend, nichts dagegen, daß die jüdischen Massen durch eine verschnörkelte Wahlkreiseinteilung, durch künstliche Zerstückelung in große ländliche Majoritäten, der Möglichkeit einer eigenen Vertretung vollständig beraubt werden. Noch mefyr. Sie haben nicht den leisesten Einwand dagegen erhoben, daß die Juden bei einer eventuellen Einführung des nationalen Katasters ganz einfach dem polnischen Kataster zugezählt werden. Kurz, die Juden sind in der Wrahlreformfrage ganz auf sich selbst angewiesen. Und die Lage ist gefährlich genug. Der Statthalter Bobrzynski hat ganz offen erklärt, die Regierung sei gegen die Schaffung jüdischer Wahlkreise. Nicht einen einzigen aus eigener Kraft gewählten Vertreter sollen die 900 000 Juden des Landes bekommen. Und die großen Assimilationshelden haben natürlich keinen Finger gerührt. Das einzige, was Herr Löwenstein zu fordern wagte, war, daß die Kultuspräsidenten von Lemberg und Krakau — Virilstimmen bekommen*). Bedauerlicherweise hat diese Forderung nach jüdischen Virilstimmen auch in manchen nationaljüdischen Kreisen, freilich in anderer Form, Anklang gefunden, was geeignet ist, unsere Kampfposition zu schwächen^ da dadurch die Aufmerksamkeit der Massen von dem Hauptziel, der Eroberung einer wirklichen Vertretung, abgewendet wird. Uebrigens ist es klar, daß für die Juden die Virilisten schon gar nicht ein wirksames Surrogat sein können. Ein so schwer bedrängtes Volk wie wir, braucht gewählte, den Wählern verantwortliche, von den Wählern abhängige Vertreter. Doch dies nur nebenbei. Die löbliche Absicht Bobrzynskis, die Juden bei der Wahlreform einfach zu vergewaltigen, hat bei allen polnischen Parteien volles Verständnis gefunden. Keine einzige Stimme hat sich gegen dieses unerhörte Vorhaben erhoben. Auch die polnische Sozialdemokratie störte nicht die schöne „nationale Harmonie". Und als die Katasterfrage aktuell wurde, da stellte die polnisch-sozialdemokratische Partei die Forderung nach einem Kataster „bloß *) Erst unter dem Drucke der jüdischen Protestbewegung ':" hat sich Löwenstein entschlossen, für die Juden um einige .^Mandate zu bitten. Daß den Juden eine ihrer Zahl ent- ^sprechende Vertretung gebührt, fällt natürlich dem Hausknecht ^des Polenklubs nicht ein.