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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1066 DIE3 in der Steinkohlengewinnung, in Eisengießereien, elektrotechnischen und Photographenbetrieben, in der Strumpffabrikation, in der Maschinen-, in der Steinzeug-, Röhren- und Automobilfabrikation zwischen 2 und 4 °/o. Was sind nun die Ursachen dieser Erscheinungen? Da ist zunächst negativ zu sagen: Die Zurückdrängung der Juden im Geld- und Kreditwesen hat notwendig dazu führen müssen, daß die Juden sich anderen Berufszweigen zuwendeten. Aber dazu kommt noch ein anderes. In der Industrie dominiert heute die bureaukratische Verwaltung noch nicht so stark wie im Bankwesen. In vielen Zweigen gibt es noch Neuland. Der Kommerzialismus steht noch in voller Blüte. Wenn Segall ausführt, die Tatsache, daß sich die Juden im stärkeren Maße der Industrie zuwenden, steht im hellen Widerspruch mit der von judenfeindlicher Seite allerorts und allerseits aufgestellten Behauptung, die Juden seien ein Schachervolk und besäßen einen „ausgeprägten Handelsgeist", so ist das natürlich nur bedingt richtig! Allerdings ist damit die Behauptung entkräftet, daß die Juden nur da etwas zu leisten vermöchten, wo es zu schachern gäbe, und daß sie nicht imstande wären, selbst Werte zu schaffen. Allein ihr Eindringen in die Industrie erfolgt nicht, weil ihnen ihr „Handelsgeist" abhanden gekommen ist, sondern — weil sie fhn noch besitzen. Hier ist die Stelle, wo heute der „Handelsgeist"' vom Bureaukratismus noch nicht überwältigt ist, wo er sich, wenn überhaupt, noch zu entfalten vermag! IV. Wie verhält es sich nun mit der sozialen Schichtung innerhalb der einzelnen Berufe? Hierzu ist einiges schon gesagt. Zusammenfassend läßt sich noch folgendes bemerken: Die Zahl der Selbständigen hat abgenommen. Die Lohnarbeiterschicht ist mächtig gewachsen. Als Mittelglied zwischen beide hat sich ein Stand von Privatbeamten eingeschoben, und endlich haben die Frauen als Wirtschaftssubjekt immer mehr an Bedeutung gewonnen. Hierin unterscheiden sich die Juden in nichts von der sie umgebenden Bevölkerung. Im einzelnen sind natürlich Unterschiede vorhanden. Allein auch heute schon sind z. B. 21 °n aller jüdischen Erwerbstätigen in der Industrie Angestelite und schon 360 o Arbeiter Bei der übrigen Bevölkerung sind allerdings 76 «Vo Arbeiter. Man sieht, daß heute der jüdische Arbeiter keine sporadisch auftretende Erscheinung mehr ist. Wenn aber auch im einzelnen zwischen der sozialen Gliederung der Juden und jener der Gesamtbevölkerung noch ein Unterschied besteht, so beginnt doch allmählich, wie bei der Berufsgliederung — nicht nur Deutschland entwickelt sich zum „Industriestaat", auch die deutschen Juden entwickeln sich [ELT - Nr. 35 immer mehr zu Industriellen! — so auch bei der sozialen Schichtung eine Annäherung an die Gesamtbevölkerung. Hier wie dort sinkt in allen Berufsgruppen der Anteil der Selbständigen, steigt die Schicht der Angestellten sowie der mithelfenden Familienangehörigen und Lohnarbeiter bei gleichzeitiger kräftiger Anteilnahme des weiblichen Geschlechts am Wirtschaftskampf. Die Industrie nivelliert! Sie verwischt den Unterschied, der zwischen der jüdischen Bevölkerung und ihrer Umgebung bestanden hat. Das kann auch gar nicht anders sein. „Die spezifisch kapitalistischen Züge des Wirtschaftslebens, die dem jüdischen Charakter adäquat sind" — das ist ein Ausdruck von Sombart — breiten sich eben immer mehr aus, und so muß allmählich eine gewisse Annäherung stattfinden. So rundet sich uns denn allmählich das Bild. Regierungsrat Knöpfel, der verdienstvolle Bearbeiter der hessischen Landesstatistik, hat kürzlich das Wort Ruppins an den Schluß seiner Ausführungen gestellt, daß die Juden gewissermaßen das Barometer für die übrige Bevölkerung seien. Hierin läge auch der große Wert der Erforschung ihrer Lage für die Sozialwissenschaft überhaupt. Ruppin und Knöpfel haben recht! Das hat sich besonders deutlich auf dem Gebiet der Bevölkerungsentwicklung gezeigt. Bereits macht sich in ganz Deutschland der Geburtenrückgang bemerkbar, der sich bei den Juden so besorgnisdrohend eingestellt hat, und es sind auch schon Männer auf den Plan getreten, die deshalb angstvoll ihre Stimme erheben. Ich verweise nur auf Oldenbergs Ausführungen im Archiv für Sozialwissenschaft*). Es ist von mir selbst**) nachgewiesen worden, daß die Kriminalität der Juden die spezifische des Industriestaates ist, und daß sieih die Kriminalität der sie umgebenden Bevölkerung in dem Maße, in dem Deutschland Industriestaat wird, der jüdischen immer mehr angleicht. Zu diesen Erscheinungen tritt nunmehr auch die Industrialisierung des deutschen Wirtschaftslebens selbst, bei der die deutschen Juden ja ebenfalls Pionierarbeit leisten. Die Juden als Barometer! Ein richtiges Wort! das einen bedeutsamen Ausblick und einen vielleicht noch viel bedeutsameren — Einblick eröffnet. Sollte diese Erkenntnis nicht die Judenfrage in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen? Wir zerschlagen doch auch sonst das Barometer nicht, wenn uns die Witterung, die es für die Zukunft anzeigt, nicht paßt! *) Diese Worte sind vor dem Erlaß der preußischen Regierung geschrieben, der sie aber trefflich illustriert! **) In einem Buch „Beruf, Konfession und Verbrechen", München 1907. Die polnisch-ruthenische Verständigung und die galizischen Juden Von B. Locker, Lemberg Für den aufmerksamen Beobachter ist es nicht mehr zweifelhaft, daß wir an der Schwelle einer neuen, vielleicht sehr bedeutungsvollen Phase in der nationalen Frage Galiziens stehen. Die jüngste Vergangenheit ist reich an symptomatischen Ereignissen, die eine gewisse Wandlung in den polnisch-ruthenischen Beziehungen in der allernächsten Zukunft erwarten lassen. Der Kampf zwischen Polen und Ruthenen in Galizien ist an dem Punkte angelangt, wo beide streitenden Teile einzusehen beginnen, daß man doch endlich an die praktische Lösung, wenigstens gewisser Teilfragen, herantreten muß, und so ist auf beiden Seiten eine gewisse Versöhnungs- und Kompromißstimmung entstanden, die über kurz oder lang zu einer wenigstens teilweisen Annäherung führen muß. Das zeigt sich vor allem in der Frage der ruthenisdien Universität. Es gibt heute keinen einzigen Polen mehr in Galizien, welcher die Berechtigung dieser ruthenischen

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