Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 b\E% digen und Angestellten. — Ein Arbeiterstand hat sich nicht entwickelt. — Die Beteiligung an den freien Berufen ist gestiegen. Aliein jetzt tritt auch schon bei ihnen das weibliche Element in den Wirtschaftskampf ein. Das weibliche Element im Wirtschaftskampf? Gewiß, 1895 waren von den weiblichen deutschen Juden nur 21,97o/o erwerbstätig, 1907 sind es bereits 30 <>/o. Wie reimt sich das aber mit der so oft geschilderten, zuletzt auch von Sombart betonten größeren Wohlhabenheit der Juden zusammen? Da ist denn zu sagen: Es ist richtig, daß auf jüdischer Seite im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl größere Vermögensansammlungen anzutreffen sind, als dem Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung entspricht. Allein einer nicht unbeträchtlichen Anzahl reicher und wohlhabender Personen steht heute auch ein hart um seine Existenz kämpfender Mittelstand und selbst ein Proletariat gegenüber. Die Ausführungen, die Segall hierüber macht, sind zutreffend, III. Sombart hat bereits darauf hingewiesen, daß sich in neuerer Zeit eine Veränderung der Stellung der Juden im deutschen Wirtschaftsleben vollzieht. Er hat gesagt, daß, wenn nicht alle Anzeichen trügen, sich allem Anschein nach der Einfluß der deutschen Juden zu verringern beginne. Ein Symptom sieht er insbesondere darin, daß in den wichtigen Stellungen, z. B. in den Direktoriaiposten oder in den Aufsichtsratsstellen der großen Banken die jüdischen Namen immer seltener werden. Und er hat folgende Gründe hierfür anzugeben gewußt: Einerseits hätten sich die Nichtjuden den Anforderungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems mehr angepaßt; sie haben „gelernt". Die Juden hingegen hätten durch die Veränderungen, die ihr äußeres Schicksal erfahren hat (Besserung ihrer bürgerlichen Stellung, Abnahme des religiösen Sinnes), aus äußeren und inneren Gründen einen Teil der ihnen früher eigenen Befähigung zum Kapitaiismus eingebüßt. Ferner hätten sich die sachlichen Bedingungen, unter denen gewirtschaftet wird, geändert: Die kapitalistischen Unternehmungen (man denke an unsere Großbanken!) wandelten sich mehr und mehr in bureaukratisehe Verwaltungen um, die nicht mehr in gleichem Maße wie früher spezifische Händlereigenschaften heischten, der Bureaukratismus sei an die Stelle des Kommerzialismus getreten. Und wo der Bureaukratismus hinkommt, ist die Mission der Juden stets zu Ende gewesen! Wie sehen nun die Tatsachen aus? Im Geldhandel waren im Jahre 1895 4654 Juden tätig, 1907 sind es 5251. Dem steht gegenüber, daß von der Gesamtbevölkerung 1895 33 589 ihr Brot in diesem Wirtschaftszweig ei warben und 1907 66 338. Bei den Juden also eine Zunahme seit 1895 um 14 <>o, bei den Christen um 97,,<>, oder anders ausgedrückt: In 12 Jahren ist der Anteil der Juden am Geldhandel von 13,8 "0 auf 7,9 "o gefallen, und insbesondcie ist die Zahl der Juden, die im Geldhandel selbständig tätig sind, von 1977 auf 1851 gesunken. Die Zahl der Direktoren und Betriebsleiter ist allerdings von 2528 auf 3197 gestiegen, was sich daraus ei klärt, daß bisherige Privatbankiers, die ihre Geschäfte an Banken veräußerten, häufig als Direktoren (Prokuristen usw.) in den Dienst der Bauken traten. Diese Tatsachen können gar nicht stark genug unterstrichen werden. Geht doch daraus hervor, daß 12 Jahre genügt haben, um die Bedeutung des jüdischen Elements für den Geldhandel, soweit sich dieselbe quantitativ erfassen läßt, fast auf die Hälfte seines bisherigen Einflusses zurückzudrängen. Da hat natürlich auch mancherlei mitgespielt, was Sombart nicht in Betracht zieht oder doch zum mindesten nicht tLT 1065 ausdrücklich erwähnt. Der Großbetrieb, d. h. die Konzentration im Bankwesen, hat den Privatbankierstand dezimiert. Es ist selbstverständlich, daß dabei, nachdem von jeher der Privatbankierstand eine Hauptdomäne der Juden war, die Juden ganz besonders betroffen wurden. Dazu kam die Entwicklung einer dem Privatbankier feindlichen Gesetzgebung und manches andere. Wohin haben sich aber nunmehr die Juden gewendet? Haben sie sich etwa dem Waren- und Produktenhandel mehr als bisher zugewendet, der ja auch früher schon zu ihren Domänen gehörte? Diese Frage muß verneint werden. 109 000 Juden, die 1895 im Waren- und Produktenhandel tätig waren, stehen 1907 118 000 gegenüber. Eine Zunahme von 9 °/o, der eine Zunahme der Gesamtbevölkerung von 46 <> <) gegenübersteht. So kommt es, daß im Waren- und Produktenhandel 1907 nur noch 8,1 »Ii Juden erwerbstätig waren gegen 10,9 "o im Jahre 1895. Ebenso sieht es im Handlungs-, Vermittlungs- und Agenturengewerbe usw. aus. Hier betrug der Anteil der Juden 1895 noch 18,8 0<>, heute beträgt er nur noch 15.2 «yo. Auch hier ist also ihr Einfluß im Sinken begriffen. Das ist alles ganz, erklärlieh, wenn man die moderne Wirtschaftsentwicklung begreift. Die Juden waren vorzugsweise im kleinen und mittleren Detailhandel sehr stark beteiligt, dessen Daseinsbedingungerl in der neuesten Zeit von den verschiedensten Seiten untergraben werden. Die Worte. „Konsumvereine" und „Genossenschaften" mögen die eine Gefahr kennzeichnen, die dem Detailhandel droht. Versandgeschäftc und Warenhäuser sind die andere Gefahr. Dazu kommt, daß die Großhändler mit Industrie- und Großproduzenten Massenlieferungsverträge abschließen, und die aufgekauften Waren mit Ausschaltunoder selbständigen aber preisverteuernden Warenhäuser ans Publikum unmittelbar abzusetzen versuchen. Kapitaiismus ist eben ein Chronos, der seine eigenen Kinder verzehrt! Da ist für einen jüdischen Detailhandel kein Platz mehr. Es sank denn auch die Zahl der selbständigen Juden im Waren- und Produktenhandel von 1895 bis 1907 von 62 000 auf 61 000, was zwar sehr wenig, was aber doch von Bedeutung ist, da unter normalen Umständen naturgemäß eine starke Vermehrung hätte eintreten müssen. Ebensowenig kann davon eine Rede sein, daß sich die Juden in besonders starkem Maße den freien Berufen zugewandt hätten. 1895 waren 14 641 Juden im öffentlichen Dienst und freien Berufen tätig, 1907 sind es 18848. 1895 waren es 6,14'».. aller beruflich tätigen Juden, 1907 6,54 <><>. Ihr Auteil ist also ziemlich konstant geblieben. Und nun soll von der neuen und eigenartigen Erscheinung, die uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat, die Rede sein. Das deutsche Judentum ist in die Industrie eingeströmt. Ein paar Zahlen: 1895 waren 45 995 erwerbstätige Juden in der Industrie tätig, 1907: 62 995. 1895 19.3 «0 aller erwerbstätigen Juden, 1907 21,87 S. Und fassen wir den Anteil der Juden am Unternehmertum ins Auge, so ergeben sieh folgende Zahlen: In der Wäschekonfektion sind 18,58 ".0 aller Unternehmer Juden, in der Branntweinbrennerei 12 «>o, in der Sprengstoffindustrie 10 o .i, in der Papierindustrie, in der Glasindustrie, in der Industiie der ehemischen Präparate zwischen 9 und 10 o/o, in der Industrie der Farbe, des Tabaks, der Erzgewinnung, des Glashüttenwesens und der Spinnerei zwischen 5 und 0'm, in der Lichtfabrikation, in der Weberei, in Apothekenbetrieben, in Buchdruckereibetrieben und in Hüttenbetrieben 4—5 % in der Spitzenfabrikation,