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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1064 DIE3J genug! Wir 'haben es also innerhalb 3 Jahrzehnten überall mit einem Rückgang um mehr als 33V;; bis zu 50 °/o zu tun. Was sind nun die Ursachen dieser Erscheinung? Hierfür lassen sich eine Reihe von Momenten als Gründe angeben. Segall hat in seiner wertvollen Schrift „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland"**) — teilweise natürlich nach dem Vorgang anderer — auf eine große Anzahl von Erscheinungen, die hier mitspielen, hingewiesen. Wir nennen nur die bedeutendsten: den Verlust aus Wanderungen, aus Taufen und Mischehen. Allein alle diese Verluste spielen keine ausschlaggebende Rolle. Was die Geburten aus Mischehen betrifft, so habe ich nachgewiesen, daß durch sie heute jährlich etwa 3—4 o/<} der Geburten von jüdischen Ehegatten dem Judentum verloren gehen. Auch der Verlust infolge der Wanderungen kann nicht als überwiegende Ursache angesehen werden. Schon vor den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben zahlreiche Juden Deutschland den Rücken gekehrt, und doch war — eine interessante Erscheinung — im Jahre 1860 die Geburtenziffer der Juden in Deutschland noch gerade so groß, wie die der sie umgebenden Bevölkerung. Und wenn auch die 80er Jahre und der Anfang der 90er Jahre eine erhöhte Judenauswanderung gebracht haben, so steht dem gegenüber, daß seit 1895 allein in Preußen ca. 20 000 Juden bis zum Jahre 1910 mehr eingewandert als ausgewandert sind, und doch ist der Geburtenrückgang nicht aufzuhalten gewesen. Ausschlaggebend ist vielmehr ein anderer Grund: Die Abnahme des Zeugungswillens und des Willens zu gebären. Woher kommt nun diese Erscheinung? Es ist ganz zweifellos, daß sich die Abnahme des Zeugungswillens in allen sozial besser gestellten Schichten eines Volkes zeigt, daß diese Erscheinung, weil sich die sozial bessergestellten Schichten in erster Linie in den Städten finden, in überwiegendem Maße Stadterscheinung ist, und ebenso zweifellos ist es, daß die Juden sowohl zu den wohlhabenderen Schichten als auch zu der Stadtbevölkerung ein Kontingent stellen, das größer ist, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Allein ihre soziale Lage und ihr Anteil an der Stadtbevölkerung, die wieder nur die Abnahme des Zeugungswillens erklären, die man aber nicht, wie Segall, als selbständige' Ursachen neben diese stellen darf, wenn anders man nicht, wie Inspektor Bräsig, die Armut mit derPauverte erklären will, hätten nie vermocht, ein orthodoxes Judentum in die Bahn des Neomalthusianismus zu zwingen. Die Juden befanden sich vor dem Jahre 1S60 durchschnittlich schon in den gleichen günstigen Verhältnissen, wenn sie auch nicht in so hohem Grade Stadtbewohner waren wie heute. Allein solange ihnen ein starkes Festhalten an der hergebrachten Satzung es unmöglich machte, sich über das „Seid fruchtbar und mehret euch" ohne Gewissensbisse hinwegzusetzen, hatte ihre günstige soziale Lage nicht das Sinken der Fruchtbarkeit im Gefolge, das ihr sonst auf dem Fülle zu folgen pflegt. Erst als in den 60er Jahren aus einer Reihe von Gründen eine immer stärkere Abkehr von der Religion oder zum mindesten von der Strenggläubigkeit eintrat, vermochten die sozialen Faktoren auf einmal ihre Wirkung zu tun. Und die Abkehr von der Religion, der Rationalismus, hat so wie ein sterbender **) l ieft 9 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden. Berlin 1912. Diesem Buch sind im folgenden, wenn nicht ein anderes ausdrücklich gesagt ist, die Zahlenangaben entnommen. Auch sind seine Ausführungen mehrfach wörtlich benützt. [ELT Nr. 35 Simson — so habe ich dies auch schon an anderer Stelle ausgedrückt — das Judentum der Entvölkerungsgefahr ausgesetzt. Diese Tatsachen, die für jeden Juden — aber auch für jeden Nichtjuden — sehr bedenklich sind, hört man in den Kreisen des liberalen Judentums doppelt ungern. Muß man sich doch sagen: An die Stelle eines strenggläubigen Judentums haben wir allerdings ein modernes, freigeistiges zu setzen gewußt. Die Form ist uns heute nichts mehr, der Inhalt alles. Allein wir haben mit der Form doch auch ein Stüdk vom Inhalt mit hinweggerissen: den Glauben an die gottgewollte Fruchtbarkeit. Genommen haben wir sie, wiedergeben können wir sie unserm Volke nicht mehr! Und weiter. Unter den heutigen Umständen ist an eine Erhaltung des westeuropäischen Judentums, verbunden mit einer vollständigen Assimilation, nicht mehr zu denken. Ohne Einwanderung stirbt das deutsche Judentum aus. Soweit hat Theilhaber recht. M i t Einwanderung wird es sich niemals vollständig assimilieren. Daran denkt wohl auch Segall, wenn er in seiner Publikation die für ein offizielles Zahlenwerk recht subjektive Bemerkung macht, daß er das Bevölkerungsproblem untersuchen wolle, „weil es erforderlich ist, den „Vorwurf" zu entkräften, daß die deutschen Juden gewissermaßen absichtlich an ihrem Niedergang schuld sind, und weil man nur so die Mittel und Wege erfahren kann, welche zu einer Heilung führen können." II. Man muß alles das festhalten, was wir ausgeführt haben, wenn man an eine Betrachtung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden in der Gegenwart, die durch die Veröffentlichung der deutschen Berufsstatistik von 1907 erleichtert worden ist, herantreten will. Es ist selbstverständlich, daß sich infolge der geringen Geburtenzunahme der deutschen Juden auch die Zahl der beruflich tätigen Juden nur in geringerem Maße vermehren konnte als bei der übrigen Bevölkerung. Ist die Familie klein, brauchen und können überhaupt nicht so zahlreiche Angehörige wirtschaftlich tätig sein, als in einer größeren Familie. Aber es ist unzutreffend, wie dies Naumann in der „Hilfe" getan hat, dies darauf allein zurückzuführen, daß dak jüdische Element im ganzen zurückgeht. Es ist ein Verdienst Segalls, den wahren Kausalzusammenhang klar und scharf herausgearbeitet zu haben. Weitaus der größte Teil der nichtjüdischen Bevölkerung ist bekanntlich landwirtschaftlich und industriell tätig (28,65 -|- 42,75 o/o) *), während die Juden hauptsächlich im Handelsstand vertreten sind (50,56 o/o) **), erst in den letzten Jahrzehnten sich der Industrie zuwenden (21,87 o/o) **) und außerdem noch die freien Berufe bevorzugen (6,54o/o)**). Nun ist folgendes zu beachten: Landwirtschaft und Industrie sind zwei Berufszweige, in denen Personen im jugendlichen Alter und weiblichen Geschlechts, welche ja das Hauptkontingent zur Gruppe der „Angehörigen" stellen, in größerem Umfange beschäftigt werden können. Namentlich die Industrie mit ihren starken Arbeitermassen nimmt immer mehr die weiblichen Arbeitskräfte auf. Dagegen setzen Handel sowohl wie freie Berufe zur beruflichen Betätigung ein höheres Alter voraus und sind dem weiblichen Geschlecht nicht in so hohem Maße zugänglich wie Landwirtschaft Und Industrie. Bei den Juden hat sich nun seit der letzten Berufszählung nur eine Verschiebung vom Handel zur Industrie vollzogen und dies auch nur in den Schichten der Selbstän- *) sc. aller Erwerbstätigen. **) sc. aller jüdischen Erwerbstätigen.

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