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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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sehen Einjährigen die Befähigung abges p r o c hen werden wird. Das Staatsgrundgesetz hat bis nun antisemitische Militärbehörden daran gehindert, ihren judenfeindlichen Gefühlen völlig freien Lauf zu lassen, der neue Erlaß wird es ihnen ermöglichen. Ein Sanktionshindernis (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der tschechische sozialdemokratische Abgeordnete Smcr a 1 hat bekanntlich im Juni dieses Jahres im österreichischen Abgeordnetenhause für die Juden eine Lanze gebrochen. Anläßlich der Beratung der Dienst pragmatik beleuchtete er in einer Rede, die großes Aufsehen machte, den judenfeindlichen Geist der Verwaltungsbehörden und beantragte zum § 1 der neuen Dienstpragmatik einen Zusatz, wonach politische, nationale und konfessionelle Gründe bei Anstellung von Beamten keinen Einfluß üben dürften. In einer denkwürdigen Kampfesabstimmung, über die wir in diesen Blättern seinerzeit berichteten, wurde dieser Antrag vom Hause mit ansehnlicher Majorität angenommen. Schon anläßlich der Beratung des Beamtengesetzes im Ausschusse hatte die Regierung durch ihren Vertreter zu verstehen gegeben, daß sie diesem Passus nicht werde zustimmen können. Aber nach Akzeptierung des Antrag Smeral im Abgeordiietenhause hätte man vermutet, daß diese Willenskundgebung des Volkshauses auf die Herren Minister rückwirken werde. Zur Freude aller Judenfeinde gibt aber die Regierung anläßlich der bevorstehenden Beratung des Gesetzes im Herrenhause bekannt, daß für sie neben anderen Bestimmungen auch der Antrag Smeral ein absolutes Sanktionshindernis bilde. Sie gibt also unverhüllt ihre Abneigung gegen einen gesetzlich als gleichberechtigt anerkannten Volksstamm des Reiches kund und dokumentiert, daß die bisherigen antisemitischen Praktiken in der Beamtenfrage ihre Billigung finden. So wird das dankenswerte Eintreten Smerals für das gleiche Recht der Juden vor dem Gesetze rein platonische Bedeutung haben, — denn sein Antrag wird wohl kaum in Rechtskraft erwachsen. Antisemitismus in Amerika (Von unserem Berichterstatter.) New Y o r k. In einem Interview mit einem englischen Berichterstatter hat unser Gesinnungsgenosse Prof. Dr. Richard Gott heil sich kürzlich eingehend über die Lage der amerikanischen Juden ausgesprochen. „Immer zahlreicher werden die Geschäfte, die keine jüdischen Angestellten engagieren," sagt Prof. Gottheil, „und ganze Häuserblocks vermieten keine Wohnungen an Juden. In den ärmeren Klassen ist der Antisemitismus allerdings geringer als in den sozial höher stehenden Kreisen, da gerade die niederen Schichten sich zum großen Teile selbst aus Emigranten rekrutieren, die darum den Juden kameradschaftliche Gefühle entgegenbringen. Der Ausschluß der Juden aus zahlreichen amerikanischen Badeorten ist eine bekannte Erscheinung. Dieser Antisemitismus ist noch nicht alt. Im Jahre 1873, als bloß 100 000 Juden in den Vereinigten Staaten lebten, existierte er noch nicht. Aber das schlimmste ist, daß er inzwischen auch in die schon amerikanisierten jüdischen Kreise selbst eingedrungen ist. In vielen Privatschulen herrscht bereits — ganz wie in Rußland! — eine Prozentnorm für die Aufnahme jüdischer Schüler, und als der Direktor einer Schule sich kürzlich weigerte, diese Prozentnorm durchzuführen, verließen zuerst alle christlichen Schüler das Institut, weil es ihnen zu jüdisch war, und dann -■- aus demselben Grunde! — die jüdischen Schüler! An den Universitäten sind jüdische Studenten von allen geselligen Klubs ausgeschlossen, und haben sich daher vielfach zu jüdischen Studentenverbindungen vereinigt. Auch sonstige wissenschaftliche und andere Klubs werden „judenrein" erhalten." Endlich hob Prof. Gottheil dem Vertreter des englischen Blattes gegenüber noch die hohe Bedeutung des Zionismus für die amerikanischen Juden hervor. Die Juden und das deutsche Wirtschaftsleben der Gegenwart*) Von Rechtsanwalt Dr. jur., phil., oec. publ. Rudolf Wassermann (Nürnberg-Berlin). Unter dem Titel „Das Judentum und die Genesis des modernen Kapitalismus" hat im Januarheft der Preußischen Jahrbücher (55. Jahrg. 1912) der Kieler Historiker Rachfahl sich im Anschluß an Sombarts bekanntes Buch eingehend mit der Bedeutung des jüdischen Elements für das Wirtschaftsleben der deutschen Vergangenheit beschäftigt. Am Schlüsse seiner bedeutsamen Ausführungen ist Rachfahl auch auf die Gegenwart eingegangen. Die Probleme, die er nur angedeutet hat, sollen im folgenden weiter ausgeführt werden. I. In einem Aufsatz, den ich im Jahre 1908 geschrieben habe und der im Jahre 1909 in der damals von Wolff redigierten Zeitschrift für Sozialwissenschaft erschienen ist, habe ich folgende von Rachfahl zitierte Ansicht geäußert: „Die Judenfrage lautet für Deutschland nicht, wie die Antisemiten behaupten: Wann wird Juda *) Dieser interessante Aufsatz ist kürzlich in den „Preußischen Jahrbüchern" erschienen. Deutschland unterjocht haben? sondern sie lautet: Wann wird das deutsche Judentum sich so verringert haben, daß es für die deutsche Kultur belanglos geworden sein wird?" Felix Theilhaber hat diese Idee übernommen und daraus sein sensationelles Schlagwort vom „Untergang der deutschen Juden" geprägt. Eine Schrift von ihm, die unter dem gleichen Titel erschienen ist (München, Ernst Reinhardt, 1911) hat viel Aufsehen erregt. Außer vielen Anhängern, die — mochten sie die einzelnen Ausführungen der Theilhaberschen Schrift aue'h noch so kritisch' betrachten — im Prinzip seine Idee für richtig hielten, sind ihr leidenschaftliche Gegner erwachsen, die mit weit besseren Waffen als Theilhaber ihre, vielleicht nicht immer ebenso gute, Sache zu verteidigen wußten. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Im Durchschnitt der Jahre 1876/80 trafen auf 1000 preußische Juden noch 32,4 Geburten, auf 1000 hessische 33,3 und auf 1000 bayerische 31,6. Im Durchschnitt der Jahre 1906/09 in den nämlichen Staaten 17,29, 16,27 und 19,07. Das sagt

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