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Die Welt · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Hr. 35 Auf Grund dieses Programms können überall, wo Juden in beträchtlicher Zahl ansässig sind, in erster Reihe jüdische Kandidaturen aufgestellt werden, gleichviel ob ihre Träger der einen oder der anderen der beiden Landesparteien angehören. Ebenso können jeweilig solche nichtjüdische Kandidaturen durch die Juden Unterstützung finden, die sich bereit erklären, ein Maximum der im jüdischen Programm enthaltenen Forderungen im Parlamente zu verteidigen, ebenfalls gleichviel, namens welcher Partei diese Kandidaten in die politische Arena treten. Stehen den Juden Kandidaten beider Parteien, die das jüdische Programm unterstützen wollen, zur Verfügung, so wird jedesmal lokal und nach Opportunität die Entscheidung getroffen werden müssen oder die jüdischen Stimmen werden ihre volle Freiheit behalten, nach rechts oder links zu schwenken. Auf diese Weise wird zweifellos jedes Parteiodium von den Juden genommen und ihr Interesse am besten gesichert bleihen. Es wäre aber trotzdem sehr wohl möglich, daß die jüdische Nation bei den Wahlen gänzlich durchfällt oder eine höchst ungenügende Vertreterzahl ins Parlament bringt. Dieses Risiko teilen die türkischen Juden mit allen übrigen, besonders den kleineren, nichtmohammedanischen Nationalitäten. Dieser Gefahr zu begegnen, gibt es nur ein einziges Mittel: proportioneile Wahlen mit nationalen Wahlkurien. Die Türkei ist für diesen Gedanken reif. Das Nationalitätsprinzip hat hier, insbesondere durch die Entwicklung der Dinge in Arabien und letzthin in Albanien, eine Bedeutung gewonnen, wie nie zuvor. Auch zeigt sich die gegenwärtige Richtung in der Regierung (ob aus innerem oder äußerem Drucke oder aus Ueberzeugung, mag dahingestellt bleiben) viel mehr geneigt als alle früheren Regierungen, diesem Prinzipe Konzessionen zu machen. Es wird also wesentlich an den Nationalitäten liegen, der Forderung auf proportionelle Wahlen, der keinerlei Gefahr für das Staatsganze nachgesagt werden kann, den nötigen Nachdruck zu geben, um ihr zum Siege zu verhelfen. Es scheint auch, daß die christlichen Nationalitäten bereit sind, in dieser Richtung zu wirken. Die Armenier sind die ersten, welche beschlossen haben, durch ihren Patriarchen die Forderung auf proportionelle Wahlen, die sie schon vor vier Jahren, damals freilich vergeblich, gestellt haben, der Regierung zu übermitteln. Kein Zweifel, daß sich die Griechen, Bulgaren und alle anderen, die in den beiden ersten türkischen Parlamenten nicht ihrer Volkszahl entsprechend vertreten waren und das bitter genug empfanden, der Forderung mit aller Energie anschließen werden. Wir hegen auch die Hoffnung, daß diesmal alle Juden ler Türkei ohne Ausnahme diese einzig gangbare Richtlinie ür die Wahlen akzeptieren und sich ihr entsprechend zu klugem und energischem Handeln aufraffen werden. Von der türkischen Erdbeben-Katastrophe (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Neue und schlimmere Hiobsposten sind aus dem Erdbebengebiete zu berichten. Die Delegation des Hilfsvereins und der Loge Bene-Berith hat nun nach Tschorlu und Rodosto auch Gallipoli besucht und hier das Unheil, das über die jüdische Gemeinde niedergegangen ist, noch schrecklicher als in Tschorlu gefunden. Das jüdische Quartier bietet ein Bild grauenhafter Verwüstung. Von den 285 jüdischen Häusern sind mindestens ein Drittel ganz zusammengestürzt, ein zweites Drittel wird wegen Einsturzgefahr demoliert oder mit großen Kosten repariert werden müssen, und nur das letzte Drittel kann durch geringere 1061 Reparaturen wiederhergestellt werden. Ganz unverletzt ist fast kein einziges Gebäude geblieben. Die Synagogen sind nur schwach beschädigt, ernster schon die Knabenschule der Gemeinde; ganz ruiniert dagegen ist die neue Mädchenschule, deren Bau erst kürzlich, unter schweren Opfern der armen Kehillah, unternommen worden und fast ganz vollendet worden war. Dieses Schulunglück macht die Gallipolitaner Juden fast verzweifelter als die Not ihrer Armen; sie glaubten, endlich ihre Kinder den Klauen der Missionsanstalten entrissen und ihre Rettung für das Judentum vorbereitet zu haben, als das Erdbeben ihre schönste Hoffnung zuschanden machte. Von den mehr als 400 jüdischen Familien der Stadt mit ihren 2560 Seelen waren etwa 100 im Besitze von Läden; nur eine verschwindend kleine Zahl nährte sich vom Handwerk, der ganze große Rest lebte kümmerlich als Chamale (Lastträger) von der Hand in den Mund. Der Handel in den letzten Jahren war aufwärts gegangen und alle hatten schlecht und recht ihr Brot gefunden; nunmehr ist alles zugrunde gegangen, es fehlt die Arbeit, und bald wird die Not böse Formen annehmen. Einstweilen hausen fast alle Juden der Stadt unter selbst zusammengeflickten Zelten. Die Regierung gab ihnen keine Militärzelte, ebenso wenig den Griechen. Es droht aber der Ausbruch schlimmer Krankheiten; die Nächte sind sehr kalt und oft stürmisch. Viele der Aermsten sehen sich daher in die Trümmer ihrer Hütten und Baracken zurückgetrieben, die eine ständige Todesdrohung für sie bilden. Nur wenige Wochen noch, dann naht der Herbst mit seinen furchtbaren Regengüssen, und bald auch der eisige Winter. Wohnungen zur Miete sind nicht vorhanden. Es ist dringend, höchst dringend, daß Häuser für die Armen wiederaufgerichtet werden. Wo Juden in der Welt vorhanden sind, sollte für diesen Zweck gesammelt werden. Große Summen sind notwendig. Der „Hilf s verein der deutschen Juden" hat den Anfang zur Hilfe gemacht. Er hat telegraphisch 10 000 Francs nach Konstantinopel überwiesen. Der Orden Bene- Berith in Chicago folgte mit einer ersten telegraphischen Anweisung von 2500 Frcs. Die Alliance Israelite hat dagegen leider noch kein Lebenszeichen von sich gegeben. In Konstantinopel, Adrianopel und Saloniki wird eifriggesammelt, auch hier dürften zusammen schon an 10 000 Frcs. aufgebracht sein. Aber das Zehnfache mindestens ist nötig. Ableben eines hervorragenden sephardischen Rabbiners (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Der ehrwürdige Nestor der hiesigen Rabbiner, Rabbi Samuei Joset Ben veniste, der als R o s c h A v B e t h D i n fungierte, ist letzten Sonnabend im Alter von 80 Jahren verschieden. Der Verstorbene nahm viele Jahre hindurch die Stelle eines „Dajans der Witwen und Waisen" in unserer Gemeinde ein und zeichnete sich stets durch große Herzensgüte und durch die hingebungsvolle Fürsorge, die er den Armen unserer Gemeinde entgegenbrachte, aus. Er genoß bei Arm und Reich, überhaupt in allen Kreisen der hiesigen — auch nichtjüdischen — Bevölkerung hohes Ansehen. Das Leichenbegängnis von Rabbbi Benveniste gestaltete sich zu einer großartigen Trauerkundgebung der hiesigen Judenheit. Eine vieltausendköpfige Menge gab dem Verewigten das letzte Geleite. An •der Spitze des Trauerzuges befanden sich der Großrabbiner Jacob Mei'r, der geistliche Rat unserer Gemeinde, das RabbbinatskoIIegium und zahlreiche jüdische Notable.

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