Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316549--56399-3350277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SfE o \J- □ □ □ □ D o ~<r> Vzz WELTCHRONIK \j Ä □□□□□□ Ii o <> g o Die türkischen Neuwahlen und die Juden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Wieder einmal — zum drittenmal — stehen die türkischen Juden vor parlamentarischen Neuwahlen. Und sie stehen den Wahlen ebenso indifferent, wenn nicht noch indifferenter gegenüber, wie früher. Während die Patriarchate der anderen Nationalitäten, ihre Nationalversammlungen, politischen Parteien und Zeitungen die Neuwahlen eifrig, zum Teil leidenschaftlich, erörtern, herrscht bei den Juden, abgesehen von einigen nationalistischen Blättern, die Ruhe des Grabes. Und doch ist das Problem diesmal von einer Wichtigkeit, weiche die der früheren Wahlen übersteigt. Im Jahre 1908 und im Winter dieses Jahres befanden sich die Juden einer starken innerpolitischen Macht gegenüber, die ihnen im Prinzip wohlgesinnt war, dem Komitee „Union et Progres". Diese Macht gewährte ihnen, ohne daß sie darum zu kämpfen und viel zu feilschen brauchten, eine der Ziffer nach halbwegs entsprechende parlamentarische Vertretung, die aus vier (gegen Ende der ersten Kammer sogar fünf) Deputierten bestand. Man konnte es also einigermaßen verstehen, daß die damaligen Fjjhrer des osmanischen Judentums sich recht wenig Sorgen um den Ausgang der Wahlen machten. Die Macht der Unionspartei war so groß, daß man ihr ohne weiteres die Sorge für das Durchbringen der Judenkandidaturen überlassen konnte. Man war zufrieden und dankbar, so dankbar, daß man es der Komiteepartei dann auch überließ, welche Kandidaten sie den Juden bewilligen wollte. Die offiziellen jüdischen Kreise unterstützten sogar die Parteileitung in diesem selbstherrlichen Verfahren, unterdrückten, so weit sie vermochten, allen Widerspruch im jüdischen Lager und halfen so die Juden von außen her mit Kandidaten beschenken, welche sie gar nicht verlangten. Die Hauptsache war und blieb, daß die Juden ganz selbstverständlich ihre Deputierten erhielten. Nun aber liegen die Dinge gänzlich anders. Die Tage der Geschenke an die jüdische Nation sind vorüber. Es ist keine Partei vorhanden, die in der Lage wäre, ihr solche Geschenke zu machen. Die Unionisten sind aus ihrer Hegemonie herabgestürzt, und die Gegenpartei hat noch keine Hegemonie erklommen. Der Ausgang der nächsten Wahlen ist sehr ungewiß; er kann sowohl der einen wie der anderen Partei den Sieg verschaffen. Keine von beiden kann also den Juden Versprechungen machen, in die diese ihr ganzes Vertrauen setzen und nach denen sie sich richten könnten. Da nun aber die Juden, auf sich allein gestellt, an keinem einzigen Punkte der Türkei eine absolute Majorität der Bevölkerung bilden, laufen sie ganz ernstlich Gefahr, bei diesen Neuwahlen ganz ohne nationale Vertretung zu bleiben. Das wäre ein nationales Unglück. Die türkischen Juden haben also alle Veranlassung, sich intensiv mit diesem Problem zu beschäftigen. Den ersten Grundsatz, den sie werden sanktionieren müssen, ist der, daß sie dabei ihre nationalen Interessen in den Vo rdergrund zu stellen haben. Die Zeit der Phrasen von dem Rein- und Bloß-Ottomanismus, von dem Interesse des Ganzer, das das der Teile zu überwiegen habe, ist heute vorüber. Niemand gebraucht mehr diese Phrasen, und tut er es, so wird er nicht ernst genommen. Das Prinzip, daß nur aus der Befriedigung und der Wohlfahrt der Reichsteile und Volksstämme die Befriedigung und Wohlfahrt des Reichsganzen erwachsen kann, ist ziemlich allgemein durchgedrungen. Die jüdische Bevölkerung hierzulande hat also, wenn sie ihrem türkischen Vaterlande wahrhaft dienen will, gleich allen anderen Nationalitäten, in erster Linie auf die bestmögliche Wahrung ihrer eigenen nationalen Interessen zu sehen. Auf welche Seite müssen sie nun ihre Interessen bei den Wahlen führen? Es ist selbstverständlich, daß sie bei gleichen Chancen, die ihr beide Parteien, die Unionisten oder die Ententisten, böten, auf der ersten Seite zu finden sein müßte. Das Gefühl der Erkenntlichkeit und politischen Treue ist bei den Juden scharf ausgeprägt. Aber es ist nicht angängig, daß ihretwegen ein Volk sich in Gefahr begebe. Und das kann der Fall sein, wenn die Juden des ganzen Reiches sich wiederum restlos dem Komitee verschreiben. Nicht nur, daß sie mit dem Komitee unterliegen können, die Feindschaft der Entente, die heute nahe bei der Macht steht und deren Gefühle für die Juden schon immer wenig befriedigender Natur waren, kann sich durch einen jüdisch-unionistischen Wahlpakt bis zu einem Grade steigern, der eine ernste Drohung für die Ruhe, die Sicherheit und die Zukunft unseres Volkes im osmanischen Reiche bedeuten würde. Es bleibt auch noch die Frage offen, ob das Komitee selbst von einem solchen Pakt erbaut sein würde. Man hat ihm von gegnerischer Seite aus parteitaktischen Gründen ein solches Verbrechen aus seiner „Judenfreundschaft" gemacht, die man selbst Zionismus genannt hat, daß es bitter davon zu leiden hatte. Da könnte es sich wohl versucht fühlen, in den Tagen höchster Parteinot, da der Haß gegen es im Lande aufs heißeste geschürt ist, auf einen solchen Bundesgenossen bis auf weiteres zu verzichten. Wie denn also? Auf die andere Seite hinübergehen? Einmal ist es um das politische Ueberläufertum -eine recht häßliche Sache, und der moralische Eindruck, den eine solche Taktik hervorruft, läßt keineswegs eine günstige Beeinflussung auch der greifbaren Interessen der Juden erwarten. Außerdem ist es für eine Nation, die aus Kreisen einer Partei heraus soviel Anfeindung erfahren hat, moralisch unmöglich, ihr heute, ohne daß sie ihre Haltung geändert hätte, ein Bündnis anzutragen oder sich auf ein Bündnis mit ihr einzulassen; wobei auch noch recht fraglich bleibt, ob auf der anderen Seite, sei es aus einem Zuviel von Siegesgewißheit heraus oder aus Verblendung, die Neigung dazu auch wirklich existiere. Ueberhaupt müssen die Juden, die in anderen Ländern so üble politische Erfahrungen bereits hinter sich haben, in der Türkei sich fortan das Prinzip — und dies ist das zweite — zu eigen machen: sich bei Bestehen zweier Parteien keiner von ihnen zu verschreiben, weil sie in dem einen wie dem anderen Falle sich eine von ihnen zum erbitterten Feinde machen würden. Es liegt aber ganz und gar nicht im Interesse der osmanischen Juden, weder die Unionisten zu Feinden zu bekommen, wenn sie mit den Ententisten gehen, noch den Haß der Ententisten zu konservieren und zu steigern, indem sie sich den Unionisten anschließen. Es bliebe daher, bei Festhalten an den alten Formen der Wahlausführung, nur ein Drittes übrig, und das wäre: daß die Juden als solche neutral bleiben und sich auf ihre eigenen Füße stellen. Das hätte so zu geschehen, daß sie ihr eigenes Programm aufstellen, das einerseits den konstitutionellen und progressistischen Bedürfnissen des Gesamtreiches und andererseits den Interessen der Einzelnationalitäten und der jüdischen im besonderen genügen würde.