Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316548--56377-3350254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 34 - DIE1 Gros der jüdischen Bevölkerung in Griechenland ist arm, wenn auch — eine universelle Erscheinung — gerade viele große Handelshäuser sich in jüdischen Händen befinden. Jedenfalls hat es der jüdische Kaufmann sehr schwer, denn an Handeisgeist — „Sdhachergeist" im Antisemitenjargon — findet er im Griechen einen zum mindesten ebenbürtigen, wenn nicht gar, wie viele behaupten, überlegenen Rivalen. Es ist rührend, zu sehen, wie diese winzige jüdische Gruppe bestrebt ist, den Zusammenhang mit dem Judentum nicht zu verlieren. Mehr als irgendeine andere Gruppe ist gerade die griechische Judenheit der Assimilation ausgesetzt. In ganz Griechenland — von Korfu abgesehen — gibt es keinen Antisemitismus. „Griechen und Juden leben zusammen wie Brüder", wurde mir überall erklärt. Aeußerlich ist die Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden heute schon vollständig, und trotzdem die große Mehrzahl der Juden Zugewanderte sind, sprechen sie doch ausnahmslos griechisch. Zwar scheint Athen sich sein „Vorrecht des ewigen Ausschlusses der Hebräer" recht lange gewahrt zu haben, denn erst — ein nicht uninteressantes Datum — am 13. November 1882 weist die Universitätsmatrikel den Namen eines jüdischen Studenten auf, heute aber wimmelt es unter den ohnehin „Allzuvielen", die studiert haben, von Juden. Kein Wunder, denn an den griechischen Hochschulen gibt es keinen Antisemitismus, wie er in Wien und anderswo zum akademisch guten Ton gehört. Die jüdischen Kinder besuchen wie ihre christlichen kleinen Kollegen und Kolleginnen die gemeinsame Vorschule, und das Urteil der Lehrer entscheidet objektiv und unparteiisch, wer das Zeug zum Gymnasium hat und wer nicht. Aber trotz alledem sind die Juden hierzulande nicht zufrieden. Sie haben den sonderbaren Ehrgeiz — jüdisch zu leben. Während Herr Oberrabbiner Oüdemann seiner Gemeinde die jüdischen Vornamen verekelt und Propaganda für das „Deutschtum im Vornamen" macht, wollen die griechischen Juden — die meisten und besten wenigstens — absolut mehr als nur dem Namen nach Juden sein. Daran hindert sie zwar niemand, am allerwenigsten die Regierung, aber das genügt nicht, solchen Minderheiten muß auch geholfen werden! Ich stellte an mehrere gebildete griechische Juden die Frage, die wohl auch der Leser im Geiste schon längst gestellt hat: „Wenn Griechenland sich in seiner Toleranz England, Italien und Amerika ebenbürtig an die Seite stellen kann, warum ist die Zahl der Juden so gering und dazu noch in der Abnahme begriffen?'* Die Antwort lautete überall: „Weil hier kein jüdisches Leben herrscht. In London und New York und Saloniki und Jassy da sind jüdische Zentren, die die wandernden Juden anziehen wie der Magnet das Eisen. In Athen hat es nie ein Ghetto gegeben, die paar Juden laufen aneinander vorbei, keine Tradition, kein gemeinsames Schicksal verbindet sie. Das griechische Judentum ist in einer tötlichen Isolation und nur ein Mittel kann ihm helfen: die jüdische Schule!" Die Juden in Griechenland haben genug getan, um sie zu bekommen. Sie haben sich an alle möglichen Institutionen gewandt, um die fehlenden Gelder für die paar nötigen Schulen aufzubringen. Vergebens. Der Grundton aller Erwiderungen war immer: „Kinder, ihr könnt es gar nicht besser verlangen, seid froh, daß ihr eure Kinder zu gebildeten Menschen erziehen lassen könnt. Wir haben für euch kein Geld und keine Zeit." :ELT - 1035 So etwas, meine ich, spricht ganze Bände jüdischer Gegenwartsgeschichte. Da man an dem guten Willen der meisten Organisationen nicht zweifein darf, so steht es als traurige Wahrheit vor uns, daß man Hilfe, um jüdisch leben zu können, nur dann erlangen kann, wenn d as Leben überhaupt in Frage kommt. Erst wenn es für jüdische Kinder g a r k e i n e Schule gibt, dann baut man ihnen eine, und dann natürlich eine jüdische. Wo aber eine kleine Minorität zwar in guten allgemein-menschlichen Verhältnissen lebt, aber einen Verzweiflungskampf um ihr Judentum kämpft, da sieht man mit Achselzucken dem schweren Kampf untätig zu. Wras aber die übrigen Organisationen notgedrungen taten oder, besser gesagt, unterließen, das war der Ailiance Israelite Universelle Prinzip -— und zwar unverletzbares! Unglaublich, aber wahr: Die Ailiance hat in den Jahren 1865 - 1881 eine gute Schule in Volo unterhalten und dieselbe zurückgezogen, nachdem Volo aus türkischem zu griechischem Gebiet wurde. Viel jüdischer als die Ailiance handelte da die griechische Regierung, die, als sie in der Konvention über die Annektierung Thessaliens sich verpflichtete, alle bestehenden m o h ammedanisc h e n Schulen weiter zu unterhalten, diese Verpflichtung freiwillig auch auf die jüdische Schule in Larissa ausdehnte, die heute noch Regierungsinstitut ist und an der sich zwei griechische und zwei jüdische Lehrer in den Unterricht teilen1. Den übrigen Gemeinden gegenüber erlaubt das Staatsgesetz nur die minimale Unterstützung von 1200 Drachmen jährlich als Beitrag für die Deckung ihres Kultusetats. Die griechische Kirche kann das aushalten, denn man ist recht fromm im Lande ehemaligen blühendsten Heidentums. In den jüdischen Gemeinden müssen die wenigen Wohlhabenden recht tief in den Beutel greifen, um wenigstens die Synagoge zu erhalten und den „Chacham" zu besolden. Trotzdem würde man gern noch mehr tun, nach Volo soll ein Lehrer berufen werden, und man will am liebsten aus Berlin —- sich einen Oberrabbiner für Griechenland kommen lassen. Auch die griechischen Juden sind eben Idealisten. Einer der besten unter ihnen ist Prof. C a i m i in Athen. Als echter [dealist hat er sich an ein Werk gemacht, das viel Sorgen und keinen Gewinn bringt, aber für die Juden in Griechenland eine Brücke zum übrigen Judentum bedeutet. Er gibt seit einigen Monaten eine jüdische Zeitung in griechischer Sprache heraus, die „Revue Israelite", wie der französische Untertitel lautet. Diese soll jüdisches Wissen vermitteln und dient jüdischen Gegenwartsfragen so gut wie jüdischer Geschichte und Literatur. Hier bietet sieh nun manchem die wünschenswerte Gelegenheit, das Judentum in Griechenland zu unterstützen. Mehr als einem akademisch gebildeten Juden wird es Vergnügen machen, seine Schulkenntnisse des Griechischen am Neugriechischen aufzufrischen. Keine bessere Gelegenheit kann sich ihm da bieten als die Zeitung des Herrn Prof. Caimi. (Adresse genügt: Athen.) Es würde dem Schreiber dieser Zeilen eine große Freude sein, wollten recht viele Zionisten auf diese Weise das Werk unseres Gesinnungsgenossen unterstützen*). Ein Wort noch von Korfu. Dieses Paradies im Meer ist das einzige Stückchen Griechenland, wo man es verstanden hat, den Juden den Boden einmal höllenheiß zu machen. Im Jahre 1891 brachen hier, von den Pfaffen *) p. A. 10 Mark, Probenummern gratis.