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Die Welt · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1034 DIEÄELT: betonte, bekundete dadurch seine Ueberzeugung, die wir mit ihm teilen, daß die Idee — selbst heute in der Aera des Materialismus — auch noch eine Macht bildet, eine Macht, die langsam, aber sicher fortwirkt; und daß der- Nr. 34 jenige, der sein .„Ich" in den Dienst dieser Macht stellt, sich über seine letzte Stunde getrost hinwegsetzen kann in dem erhebenden und stolzen Bewußtsein: Non omnis moriam! Briefe aus Griechenland Von Cheskel Zwi Klötzel II. Griechenland und sein Volk sind in der jüdischen Geschichte bedeutsame Faktoren gewesen. Es lag im Geschick des griechischen Volkes, bei eigener geringer Ausdehnung an Land und Bevölkerung sozusagen ein ungeheures geistiges Interessengebiet zu besitzen, das fast die ganze damals bekannte Welt umspannte. Man könnte es ein „Großbritannien des klassischen Geistes" nennen, ein kleines Mutterland mit weltumspannenden Kolonien. Griechenland siegte selbst da, wo es besiegt wurde; als der eiserne Römer dem Griechen den Fuß auf den Nacken setzte, wurde dieser Geste des Siegerstolzes gleichsam ihr Inhalt genommen durch den Anstand und die Hoheit, mit der der Grieche sich in das Unvermeidliche fügte. Wollte man daran zw eifeln, daß es Griechenland war, dessen Geist zum Zeitgeist wurde, so denke man nur an das Judentum und seinen „Hellenismus". Dieser Hellenismus kam aus Rom! Der junge Herodes, und mit ihm wohl die Blüte der jüdischen Jugend, verbrachten ihre Jugend nicht in Athen, sondern in der Stadt der römischen Cäsaren. Und ihr „Hellenismus" mag daher wohl auch mehr römischen Einschlag gehabt haben, mochte mehr in der römischen Arena als im griechischen Gymnasium die richtige Bildungsstätte finden. Trotzdem das Empfinden der Menschen jener Zeit für geistige Urheberschaft muß fein gewesen sein: man nannte dieses Wesen griechisch, hellenisch, und tat ihm doch vielleicht damit soviel Unrecht als Recht. Wie das Judentum das „Griechentum" überwand, das füllt eines der Ruhmesblätter unserer Geschichte. Aber wenig bekannt ist darüber, ob und wann Juden nach Griechenland gekommen sind, und welches ihre Schicksale waren. Der Erste, der etwas Bestimmtes über Juden in Griechenland berichtet, ist der Apostel Paulus. Als er auszog um auf dem Areopag zu Athen, angesichts der Akropolis seine berühmte Rede an den Senat zu halten („Ihr Männer von Athen, ich finde euch in allen Dingen besonders gottesfürchtig . . ."), da fand er Judengemeinden auf seinem Wege, aber weder er noch ein anderer haben je etwas Näheres über sie berichtet. Erst am Ende des 12. Jahrhunderts bereist jemand Griechenland mit dem alleinigen Zweck, die dortigen Juden und ihre Lebensverhältnisse kennen zu lernen. Rabbi Benjamin von Tudela war es, der um diese Zeit (1160 1173) von seiner spanischen Heimat aus Wanderungen bis tief hinein nach Asien unternommen hat und getreulich berichtete, was er an jüdischem Leben auf seinem Wege gesehen hatte. Er fand fast überall jüdische Gemeinden, die bedeutendsten in P a t r ä s , L e p a n t o , Larissa, K o r i n t h , sogar auf dem Berge der Dichter, auf dem heiligen Parnaß, hat er jüdische Ansiedlungen getroffen. Die größte jüdische Gemeinde bestand damals wohl in Theben, für das 2000 Seelen angegeben worden. Keine jüdische Gemeinde fand Rabbi Benjamin von Tudela in - - Athen, wie Paulus dort keine gefunden hatte. Athen ist überhaupt eine der wenigen alten Städte der Welt, für deren Verfall auch der findigste Antisemit keine jüdische Bevölkerung verantwortlich machen kann. Selbst im 17. Jahrhundert sagt noch G u i 11 e t*): „Juden hat man in Athen niemals dulden wollen, obwohl es deren genug in der Nachbarschaft gab, in Theben und Negroponte. Im ganzen Türkischen Reiche haben nur Athen und Trapezunt das Privilegium des ewigen Ausschlusses der Hebräer bewahrt." Aber in den übrigen griechischen Städten scheinen es die Juden zu Wohlstand und Ansehen gebracht zu haben; Benjamin berichtet, daß sie die Erzeuger der berühmten griechischen Seiden- und Leinengewebe gewesen seien. Aber auch reges jüdisches Leben muß dort geherrscht haben, denn 1195 bereiste der bekannte „Makamendichter" Charisi Griechenland und fand dort Talmudgelehrte und - Kollegen, deren Dichtkunst er aber nicht viel Rühmliches nachzusagen wußte. Das sind die einzigen festen Daten, denen sich aus älterer Zeit nur noch eine einzige zugesellt. Als Kaiser Nero den Plan faßte, den Isthmus von Korinth zu durchstechen und so den „Kanal von Korinth" zu schaffen, den in neuester Zeit General Türr wirklich schuf, indem er -- — Neros Bohrlöchern folgte, da ließ er neben Tausenden von Sklaven und Kriegsgefangenen auch 6000 palästinensische Juden nach Korinth schaffen, um an dem Riesenbau zu scharwerken**). So haben vor vielen Hunderten von Jahren jüdische Hände an einem Wunder modernster Technik mitgearbeitet, ein eigentümlicher Gedanke für den, der auf stolzem Schiff zwischen diesen 90 m hohen, wie mit dem Kuchenmesser geschnittenen Wänden einherfährt, unter jener Brücke hindurch, über die seit einer Reihe von Jahren die Bahnlinie Athen--Paträs ihren Weg nimmt. Heute leben in Griechenland insgesamt ca. 6000 Juden, davon ca. 2500 auf Korfu. Für die größeren Städte des Festlandes wurden folgende Zahlen angegeben: Athen 600 Volo 1100 Larissa 1200 Tricala 900 Chalcis 800 Die meisten dieser Gemeinden sind sehr jung und setzen sich ans den verschiedensten Elementen zusammen. Zahlreiche Familien stammen ursprünglich aus der Türkei, aus Jännina, Saloniki, Konstantinopel, andere aus Italien, z. B. aus Florenz und Neapel, in vielen findet man auch einige aschkenasische Familien. Das *) Vgl. „Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter", von Ferd. Gregorovius, Stuttgart, Cotta 1889. **) Vgl. das vorzügliche Buch von Eduard Engel „Griechische Frühlingstage", III. Aufl., Hermana Costenoble, Jena 19U.

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