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Die Welt · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 ~ DIE3 ihn häufig über die Juden in üaiizien und über den Stand der zionistischen und nationaljüdischen Bewegung zu informieren. — „Le Sionisme et PItoisme" bildete am 2. Jahrgang der Schule programmgemäß einen Bruchteil seines Gesamtvortrages „über die Politik des XIX. Jahrhunderts im modernen Europa". Im Brusttone ehrlicher Ueberzeugung, der ja vom trockenen Professorentone so ganz abweicht, beleuchtete er ausführlich die Wege und Ziele der nationaljüdischen Strömung; noch zweifelte er wohl an deren Realisierbarkeit, aber während er die Idee Zangwills durchwegs verdammte, als eine Idee die „vom Standpunkte einer sofortigen territorialen Lösung der jüdischen Frage ausgeht und erst auf der Suche nach dem Territorium sich befindet", zollte er der mächtigen Gestalt Herzls den gehörigen Tribut und detaillierte seine und seiner Nachfolger Verdienste um die moralische Hebung Israels und um das ökonomische Aufblühen der asiatischen Türkei. (Nebenbei bemerke ich, daß ohne Rücksicht darauf, wer diesen Vortragsgegenstand nach Leroy-Beaulieu in der Ecole politique jetzt übernehmen wird, die Behandlung dieses Stoffes für uns von nicht gering einzuschätzender Bedeutung ist, schon deswegen, weil sehr viele türkische Studenten — in den letzten Jahren eine ganze Reihe auf Staatskosten — an der Schule inskribiert sind.) Von der Gewogenheit Beaulieus gegenüber unserer Bewegung zeugt auch der Umstand, daß, als im „Journal lies debats" nach dem Kongresse in Hamburg eine Serie von Artikeln aus seiner Feder über die jüdische Frage erschien, in denen die Verdienste der „Alliance Israelite Universelle" gepriesen wurden (was den Anschein erweckte, als ob der Schreiber mittelbar den Zionismus treffen wollte), er nicht Anstand nahm, einen Saal in der Schule für eine freie Diskussion über den Zionismus zu überlassen, zu der auch der Präses der Alliance, Narcisse Leven, erschien und an der seitens unserer Partei Herr und Frau Dr. Marmorek und meine Wenigkeit für den Zionismus eine Lanze brachen. Dieses ernste Interesse für jüdische Fragen und die Offenherzigkeit in deren Behandlung waren selbstverständlich nicht geeignet, dem Autor besondere Sympathien n den Pariser Salons und auch bei der verknöcherten Pariser Gelehrtenwelt zu verschaffen. Die Blätter, die lim heute lange Nachrufe widmen, würdigen auch demgemäß seine jüdischen Schriften kaum einer Erwähnung, und als ich mich einmal bei ihm einfand, um einen nir versprochenen Artikel für den „Almanach zydowski", en ich dazumal in Paris redigierte, in Empfang zu ehmen, da bat mich Leroy-Beaulieu, von diesem Artikel, er vielleicht durch Uebcrsctzungen verbreitet werden onnte, abzusehen, da er ohnehin vor der französischen Öffentlichkeit wegen seines Philosemitismus fortwährend ^brandmarkt werde". Zum Beweise dessen erzählte -t mir, daß seine Kandidatur zum Mitglied der Academie irancaise — vor seiner endgültigen Wahl zweimal scheiterte, weil gegen ihn das Argument ins Treffen geführt wurde, er widme sich zumeist jüdischen Problemen. Allein derartige Hindernisse und Skrupel vermochten keinesfalls seinen Drang nach Wahrheit zu hemmen und ihn irgendwie mürbe zu machen. Und wie er vor 30 Jahren in seinem dreibändigen Werke über Rußland, betitelt: ,,L'Empire des T^ars et les Russes" die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die Juden forderte, ebenso gibt er in seinem letzten Buche über „La Russie nouvelle et la liberte religieuse", das er mir mit einer [ELT -- 1033 Widmung als „dem seriösen Schwärmer" zum Abschied überreichte, seiner Entrüstung Ausdruck über die Drangsale, welche in dem Reiche, wo ,,kein Gesetz geschont wird, mit Ausnahme der Judengesetze," die Lage der Juden, die „die Gleichheit politischer Rechte ohne zivile Gleichberechtigung besitzen", heute, „zu Zeiten der Duma, noch schlimmer gestalten, als in der Mitte des XIX. Jahrhunderts unter Alexander IL". Sein sehnlichster Wunsch war, sich mit den Juden in ihrer Sprache zu verständigen und ihre Leiden und Lieder aus ihren Schriften kennen zu lernen. Schon in einer Randbemerkung zu seinen „Doctrines de haine" lenkt er die Aufmerksamkeit darauf, daß „um den wahren Geist des Judentums kennen zu lernen, man in jüdischem Milieu verbleiben und die jüdische Literatur in Jargon und neuhebräischer Sprache lesen müsse"; und als ich ihm meinen Almanach von Lemberg aus zuschickte, spendete er mir in seinem Dankschreiben Lobesworte über die Schönheiten des Buches, „die er jedoch bloß herausfühlen könne, weil er es leider nicht dazu gebracht habe, die Wünsche und Pläne der Juden der Neuzeit aus den Dokumenten, die sie in den Sprachen der Länder, wo sie massenhaft wohnen, und vor allem in ihren eigenen Sprachen veröffentlichen, zu erfahren". Bei seiner Konsequenz in den Grundanschauungen wußte jedoch Leroy-Beaulieu sich vor jedweder Erstarrung zu schützen. Er hielt sozusagen den Puls der Zeit in seinen Händen, er kontrollierte seine Anschauungen immer aufs neue, unternahm seine Reisen immer wieder, erhielt Informationen aus allerlei politischen Lagern, zählte Männer allerersten Ranges, vorzugsweise im Zarenreiche, wie Tolstoi und Graf Witte, zu seinen Freunden, und als Roosevelt bei seinem Aufenthalt in Paris seine Intimsten zu einem Dejeuner eingeladen hatte, da war auch Leroy-Beaulieu mit in der Runde. So konnte er seine Informationen stets aus erster Quelle schöpfen, ließ sieh selbst beeinflussen, aber wußte gewiß auch s e i n e Einflüsse entsprechend geltend zu machen. Unsere Bewegung kannte er nur theoretisch und drückte vor mir einmal sein Bedauern darüber aus, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, die persönliche Bekanntschaft unseres Führers Nordau zu machen. Ich erwähnte dies unserem verehrten Altmeister, der mir auf seine humorvolle Weise erwiderte — es sei mir gestattet, dies hier inhaltlich wiederzugeben —, „als er nach Paris gekommen sei, wollte er die Koryphäen der Pariser Kultur nicht besuchen, um nicht den Anschein des Sich-Aufdrängens zu erwecken, und mit der Zeit sei er eben selbst nicht bescheidener geworden." Dem Verschiedenen war es bestimmt, noch seine letzten, immer mehr schwindenden Kräfte der jüdischen Sache zu opfern. Vom Krankenbette aus schloß er sieh dem Proteste gegen die Rituallegende anläßlich des Beilisprozesses an, und als vor seinem Tode ehrlose Journalisten wieder seinen Namen für ihre ruchlosen Zwecke mißbrauchten, wehrte er sich in einem Telegramm an die „Rjecz" gegen die niedrige Insinuation. Allerdings ist durch derartige Proteste nicht das wilde Biutrnärchen und nicht einmal der Kiewer Prozeß aus der Weit geschafft. Durch Mahnrufe der Liebe verstummt noch nicht der Haß moderner Barbaren, und durch Propaganda edler Gedanken geschieht nicht sobald ein Umschwung in der Seele der Nation. Aber Leroy-Beaulieu, der unermüdlich und mit immer stärkerem Nachdruck seine Gedanken der Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit

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