Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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in einer Broschüre „L'antisemitisme" zusammengefaßt wurden, bemerkt Beaulieu, daß er als Schriftsteller niemals in dei Rolle eines Advokaten auftritt und für niemand Partei nimmt. Er plaidiert somit gar nicht für die Juden, sondern er attackiert die J u d e n h a s s e r. Er unterzieht die kurzbeinigen antisemitischen „Theorien" einer theoretischen Untersuchung, er schleudert die Verleumdungen des Ritualmordes, der Schöpfung des Freimaurertums und ähnliche „Kulturlügen" mutig und wuchtig zurück. Die Nichtigkeit dieser Erfindungen judenfeindlicher Phantasie wird noch klarer und eingehender in dem im Jahre 1897 erschienenen Werke: „Israel chez les nations" nachgewiesen. Der Einfluß, den Israel auf die umgebenden Nationen ausübte, aber mehr noch die Einwirkungen der anderen Nationen auf Israel, werden da historisch entwickelt. Die Tugenden, wie die Fehler Israels werden auf ihren eigentlichen Ursprung, auf die Wirkung von Jahrhunderten, zurückgeführt; die Narben, welche Scheiterhaufen und Ausnahmegesetze, Verbannung und Isolierung in der jüdischen Seele zurückgelassen haben, werden aufgedeckt. Auch das negative Element des jüdischen Geistes wird unter das Prisma einer geschichtlichen Analyse gestellt, und interessant ist die Art und Weise, in der Leroy- Beaulieu die oft verbreitete Ansicht widerlegt, daß das Judentum durch seinen zersetzenden „esprit" auch den Gedanken des Christentums und der modernen Zivilisation untergraben und erniedrigt habe. Es sei —■ führt er aus - überhaupt eine falsche Vorstellung, daß das Negative und Zerstörende eine jüdische Eigenschuft sei. (ierade das Gegenteil sei wahr. Das Destruktive und Zweifelnde, den reinen Materialismus und Atheismus, hat der jüdische Geist erst im Kontakte mit fremden Nationen sich angeeignet, und Heine und Marx können nicht als Repräsentanten des Geistes Israels gelten, weil sie eben - entjudet waren. ■— Nur der unerschütterliche Glaube und die positive Hoffnung auf die Zukunft haben das jüdische Volk erhalten, und wenn Europa seine Sklavenketten nicht durchbrochen hätte, Israel selbst hätte dies kaum unternommen. Erst im Verkehre mit Europa ist die innere Unzufriedenheit und der Hang zur Kritik in der jüdischen Seele aufgestiegen; erst in der christlichen Schule hat der Jude die Tradition der Väter verloren. Der Vorwurf gegen das Judentum wendet sieh somit gegen diejenigen, die ihn prägen, denn „in Sachen der Negation und des ewigen Radikalismus ward der Jude unser Schüler und nicht unser Meister41. So ruft denn zuletzt Beaulieu auf Grund seiner Ausführungen die französische Fraternite an; und als Erwiderung auf diesen Appell brach die große „Affaire" aus. Beaulieu fand da bald seinen Platz. Er begriff, daß es in diesem Moniente nicht anging, Literatur zu schreiben Gemeinsam mit Anatoie France und anderen Männern von Ruf und Autorität zog er hinaus auf die Gasse; der Mann der Feder verwandelte sich in einen Agitator, berief Versammlungen ein, referierte und diskutierte, wehrte sieh und verteilte Hiebe, getreu immer seinen alten Grundsätzen: der Gerechtigkeit und Wahrheit. Und nachdem sich der Sturm gelegt hatte, wies irn Jahre 1902 der Büchermarkt in Frankreich ein neues Buch von Leroy Beaulieu auf: „Les doctrines de haine" (,,Die Lehren des Hasses"). Man merkt es dem Werke an, dal) es unter Waffengeklirr erzeugt wurde. Mit kaltem Verstand, aber mit warmem Herzen ist es geschrieben; das Brausen des Gewitters bebt noch nach in einzelnen Stellen; die Erbitterung des Kämpfers durchbricht nicht selten die Ruhe des Beobachters. „Les trois anti". Der Antisemitismus, Antiprotestantisrnus und Antiklerikalismus — insoferne er sich als Synonym des Antikatholizismus darstellt — diese „drei Anti", wie der Verfasser sie lakonisch aber drastisch benennt, sind es gleichmäßig, die zu befehlen er sich anschickt. Alle drei erscheinen ihm gleich gefahrvoll in ihrer Taktik, entspringen der unsauberen Quelle der Karrierehascherei und des Brot- oder intellektuellen Neides, und alle drei haben zur Parole: „La maison est ä moi, c'est ä vous d'en sortir." (Das Haus — Frankreich - gehört mir, Ihr müßt hinaus.") Alle drei Strömungen endlich sind zur Zeit der Affaire großgezogen worden, „bei der die Antisemiten eine spezielle Gerechtigkeit im Namen des Vaterlandes beanspruchten, als ob Gerechtigkeit und Vaterland sich voneinander trennen ließen." Aehniich wie Theodore Reinach in seiner „Histoire des Israelites depuis la chüte de Fetat juif" versucht auch Beaulieu, nachzuweisen, daß der Jude im Lande, das er bewohnt, ein guter Patriot sei. „wenn auch dieser Patriotismus nicht einem vieljährigen Vermächtnisse, isondern Vernunftinstinkten entspringt"; und wenn die Juden trotz Unterdrückung und Einschränkungen häufig vorwärtskommen, so „haben sie das ihrer Tüchtigkeit und Ausdauer, ihrer Energie und Initiative zu verdanken," und „statt ihnen dieses Vorwärtskommen zu verleiden, sollten wir eher uns selbst diese herrlichen Gaben aneignen." Schon in der im Jahre 1893 anläßlich der Arbeiterenzyklika des Papstes Leo XIII. erschienenen Abhandlung, betitelt: „La papaute, le socialisme et la democratie", gelangt Leroy-Beaulieu zu der Schlußfolgerung, daß die soziale wie die religiöse Frage „eigentlich nur eine Frage der Moral sei " Im Namen der öffentlichen und der christlichen Moral fordert er auch hier im Schlußabschnitte die französische Nation auf, den Antisemitismus aus ihrem Lande auszurotten. „Ais Christ konstatiere ich, daß der Antisemitismus nicht das geringste Recht hat, sich auf das Christentum oder das Evangelium zu berufen — weil es nichts anderes als Gotteslästerung ist, wenn man Christentum oder Evangelium ohne Nächstenliebe auffassen will." „Als Christ und Franzose verdamme ich den Antisemitismus" „in bezug auf die Juden gibt es nur eine Alternative: Scheiterhaufen oder vollständige Freiheit; ich stimme für die Freiheit." Ich habe mit Absicht diese Stellen wörtlich zitiert, um zu beweisen, wie es der Verstorbene ehrlich mit seinen eigenen Doktrinen der Toleranz und der Gerechtigkeit meinte, und daß er das, was er geschrieben, nicht nur durchdacht, sondern mit seinem Herzen empfunden und erkämpft hat. Auch des Zionismus tut dieser judenfreundliche Ideologe in seinen „doctrines de haine" Erwähnung. Er betrachtet ihn als den alten Traum, der unter dem Drucke des Antisemitismus wieder Leben annehmen will, und beurteilt unsere Bestrebungen kritisch, jedoch nicht abfällig. Bedeutend sympathischer, wahrscheinlich durch die Ereignisse beiehrt, äußerte er sich vor zwei Jahren über den Zionismus in der „Ecole des sciences politiques", die er während der letzten 6 Jahre leitete. In der Rolle des Schülers lernte ich hier den Direktor Beaulieu kennen, aber bald hatte ich die Ehre, ihm als Menschen und Denker persönlich näher zu kommen, und