Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 34 D1EOTELT 1031 Gebote stehenden Macht verdrängen und die Zionisten im jüdischen öffentlichen Leben zu isolieren suchte, steht bereits mit seinen konsequent assimilatorischen Tendenzen in der jüdischen Presse Ungarns isoliert da. Kein einziges jüdisches Organ folgt ihm auf seinen Wegen, um so weniger, da er es verstand, mit sämtlichen in immerwährendem Geplänkel zu leben. In der Not suchte er schon seit langem nach irgend etwas, wodurch er sich wieder in die ersten Reihen drängen könnte. Zuerst griff er die Falascha-Aktion auf, doch wurden seine Pläne, welche nicht so sehr der Sache selber, sondern vielmehr seinem gekränkten Ehrgeize zu dienen geeignet waren, durch Eingreifen der Budapester Zionisten größtenteils zunichte gemacht. Da kam ihm die letzte Ito-Konferenz gelegen. Und er propagierte nun die Gründung einer Zweigorganisation. Auf diesem Gebiete können ihm die Zionisten grundsätzlich nicht folgen und da ist ihm freie Hand gewährt. Wir müssen es aber als unsere Aufgabe erachten, diejenigen Mitglieder der Ito, welche es mit der Lösung der Judenfrage ernst meinen, und die durch ihr jüdisches Interesse der Ito zugeführt werden konnten, aufzuklären. Der „Judeneid" in Kroatien Im Jahre 1897 leitete der Vorsteher der Essek-Oberstädter Kxiltusgemeinde, Herr Dr. Hugo Spitzer, eine Aktion ein, um die Eliminierung des besonderen Judeneides aus dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken. Trotzdem seine an den Landtag der Königreiche Kroatien-Slavonien und Dalmatien gerichtete, erschöpfend motivierte Petition von allen Kultusgemeinden des Landes gutgeheißen und unterstützt und auch vom Landtage der Regierung zur Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus, allein der stete Regierungs- und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur verfassungsmäßigen Behandlung vor den Landtag kam. Nun hat der königliche Kommissär in Kroatien-Slavonien. Exzellenz von C u v a j, eine Landes-Gesetzgebungs-Kommission eingesetzt, welcher von kroatisch-slavonischen Juden Vorsteher Dr. Hugo Spitzer, Abgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) und Bankdirektor Oskar Weißmayer (Essek) als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schaffung eines Gesetzes zur Abschaffung des Judeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß, dessen Präsident Abgeordneter Domherr Dr. Radicevic und Vizepräsident Kultusvorsteher Dr. Spitzer ist, hat in seiner am 30. Juli abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage in Verhandlung gezogen und mit einigen Abänderungen angenommen, so daß bei dem demnächst zu erwartenden Zusammentritt des Landtags das (iesetz, mit welchem der Judeneid in Kroatien-Slavonien abgeschafft wird, endlich zur Tat werden wird. Anatole Leroy-Beaulieu Von Dr. Leon Reich Mit einem Bändchen Gedichte unter dem Titel: „Heures de solitude" („Stunden der Einsamkeit") hat er seine schriftstellerische Laufbahn begonnen, und als vereinsamter Dichter hat er nach 70 Jahren unlängst seinen Lebensweg abgeschlossen. Vereinsamt in dem Sinne, daß seine Lehren, die er predigte, unverstanden und in der Praxis jedenfalls unberücksichtigt geblieben sind; als Dichter insofern, als er bis zum letzten Atemzuge nicht die Hoffnung aufgegeben hat, das schönste Gedicht seiner Phantasie, die Liebe der Menschheit, zum realen Bedürfnisse der Menschheit umzuwandeln. Auch in den jüdischen Kreisen wurde ihm weniger Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht, als er es um sie verdiente. Und darum wollen wir heute mach dem Tode wenigstens ihm gerecht zu werden suchen. Ein gewisses Maß von Gerechtigkeit wollen wir ihm als Menschen und als Schriftsteller zuteil werden lassen, denn auch er huldigte ebenso als Mensch wie als Schriftsteller nur einem Prinzipe: der Gerechtigkeit. Der Gerechtigkeit und der Freiheit. „Aequa libertas" — wie die alten Römer es zu nennen pflegten. Der Gerechtigkeit im Ausströmen der Freiheit auf alle Sphären des menschlichen Daseins, auf alle Schichten der menschlichen Gesellschaft. Anatole Leroy-Beaulieu war kein Bahnbrecher auf dem Gebiete der Ideen und Gedanken, aber aus dem Chaos immer neuer Ideen und einander zuwiderlaufender Gedanken wußte er stets die eine alte, ursprüngliche und doch so vielfach verschmähte Idee herauszufinden, die Idee der Wahrhaftigkeit. Mit einem immensen Kulturreichtum und einer Mannigfaltigkeit des Wissens, mit glänzendem Orientierungsvermögen und erstaunlicher Elastizität des Geistes ausgestattet, stellte er all1 seine Gaben einzig und allein in den Dienst der Wahrheit. Er sucht die Wahrheit, indem er trotz seiner zarten Körperhülle kreuz und quer durch Europa, Amerika und den Orient streift, um mit offenen Augen allüberall die reale Gegenwart zu betrachten, um an Ort und Stelle die Moujiks in den weiten Steppen Rußlands wie die Juden in ihren Ansiedlungsrayons, die Geldhast der Yankees wie die modernen Ghetti in New York und Whitechapel, die aufgehende politische Sonne am ,,Goldenen Horn" wie das aufstrebende Jungjudentum in Palästina, zu sehen und zu studieren. Er dient der Wahrheit, indem er in einer Unzahl von Konferenzen und Vorträgen, vor allem aber in einer Reihe von Meisterwerken aus der modernen Geschichte und Soziologie alles, was er gesehen und studiert, ungeschminkt und objektiv vor Augen führt, gleichzeitig jedoch diese Gegenwart aus den Verhältnissen der Vergangenheit herauszuschälen und in eine bessere Zukunft umzumodeln bestrebt ist. Ungeschminkt und objektiv weiß er zu schildern, aber mit Wärme und Eifer weiß er seine Sache zu vertreten. Er dient der Wahrheit und deswegen sind es vor allem die Opfer des Tages, die Ausgestoßenen der Gesellschaft, denen seine Sympathien gehören. Was Wunder da, daß er nicht gleichgültig an den allerelendesten Parias der Menschheit vorbeigehen konnte, daß die unverdienten Qualen der Juden ihn zum Forschen und zum Schreiben anspornen, und daß er seine beste Waffe: die scharfe Feder und die dünne Stimme, die dennoch weit hinaustönte, zu ihrem Schutze verwendet? In seinem im Jahre 1893 erschienenen Werke: „Les Juifs et Pantisemitisme", dessen Leitgedanken nachher