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Die Welt · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Mr. 34 DIEÄELT 1020 nicht gerade taktvollen Erklärung des Herrn Nikolsky war es die hochmütige Enunziation der Odessaer Kadetten dem jüdischen Wahlkomitee gegenüber, die ihre Freunde in diesem Komitee vor den Kopf stieß. Einen Tag vor der entscheidenden Sitzung des Wahlkomitees hatten nämlich zwei Vertreter der Kadetten beim Vorsitzenden desselben vorgesprochen und ihm erklärt, sie würden von den Beschlüssen des jüdischen Wahlkomitees keine Notiz nehmen, wenn diese mit ihren Intentionen nicht übereinstimmen würden. Diese Brüskierung konnten sich natürlich auch ihre jüdischen Parteigänger nicht gefallen lassen (den Typus der „selbstlosen" Kahalpolitiker a la Nathans o h n oder L ö w e n s t e i n kennen wir hier, Gott sei Dank, noch nicht), und das Geschick der Kandidatur Nikolsky war •ntschieden. Nun machen die Odessaer Kadetten eine tragikomische Figur. Mit ihrer Drohung werden sie wohl kaum ernst machen können. Die Sache Nikolsky ist, nachdem die Vertreter der erschiedenen jüdischen Gruppen sich einstimmig für die Wahl •mes jüdischen Abgeordneten in der zweiten Kurie ausgesprochen haben, endgültig verloren, und um einer verlorenen Sache willen werden sich die Führer seiner Partei mit der indischen Bevölkerung - schon aus Rücksicht auf die Wahlen iin gesamten Reiche, wo die jüdischen Stimmen noch immerhin etwas wert sind nicht überwerfen wollen. Voraussichtlich wird also Herr Nikolsky von Petersburg die Weisung erhalten, den jüdischen Wählern Odessas keine Schwierigkeiten /u bereiten. Für Herrn Sliosberg vollends dürfte die Frage -einer Kandidatur bereits entschieden sein. Er hatte nämlich seinerzeit erklärt, daß er als j ü d i scher Abgeordneter gewählt verden will. Da sich nun die berufenen Wortführer der Messaer Judenhcit für die z w e i t e Wahlkurie entschieden aben, da man sich andererseits allgemein darüber einig ist, daß Odessa nur einen Juden in die Reichsdurna entsenden kann die Nominierung von jüdischen Abgeordneten in beiden Kurien würde von den christlichen Wählern, selbst von den fortschrittlichsten, als Herausforderung aufgefaßt werden und würde unvermeidlich zur Folge haben, daß beide jüdische Kandidaten keine einzige nichtjüdische Stimme erhalten würden so bleibt Flerrn Sliosberg, der nur in der i-rsten Kurie einen Wahlzensus besitzt, nichts übrig, als sich om Odessaer Wahlkampfe zurückzuziehen. Nachdem die Kurien f r a g e entschieden ist, tritt nunnehr die P e r s o n e n f r a g e in den Vordergrund. J a b o - i n s k y oder Sakcr? - um diese Frage wird jetzt ein heißer Kampf entbrennen. Jabotinsky ist ein glänzender Redner nid Publizist, hingegen hat Saker den Vorzug, daß er -..... ■.ein Zionist ist. Dieser Vorzug ist es, der ihm die Unterlützung unserer „Aufklärer" wie auch derjenigen jüdischen »emokraten sichert, für die der Zionismus noch immer das »te Tuch ist. Jabotinsky erfreut sich hingegen der Sympathien Her bewußten Nationaljuden, wie auch der unbefangenen veiten Volksschichten. Die fortschrittliche nichtjüdische Beölkerung — mit Ausnahme der Kadetten ..... äußert sich korrekterweise nicht über die Kandidatenfrage und überläßt die Entscheidung darüber den Juden. Die K I e i n r u s s e n (Ukrainer) lassen allerdings durchblicken, daß ihnen Jaboünsky lieber wäre, während die Polen diplomatisch zu verstehen geben, daß Saker für sie eher akzeptabel wäre (die Herren können nämlich Jabotinsky seinen mannhaften Kampf gegen die Entrechtung der Juden in der polnischen Selbstverwaltung nicht verzeihen). Was die D e u t s c h e n in Odessa anbetrifft, so erklärte ein angesehenes Mitglied der deutschen Kolonie, daß seine Stammesgenossen wohl kaum für einen Juden stimmen würden, da sie leider vom Antisemitismus angesteckt seien, während ein anderer Vertreter der Kolonie mit Bestimmtheit behauptet, daß die Deutschen die Ansprüche der Juden auf eigene Vertretung zu würdigen wissen und den jüdischen Kandidaten tatkräftig unterstützen würden. Wie dem auch sei, so liegt die endgültige Entscheidung zwischen den Kandidaten in jüdischen Händen. Ob das jüdische Wahlkomitee sich auch veranlaßt sehen wird, über diese Frage selbst zu entscheiden — bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich wird die Entscheidung den Wählern selbst überlassen bleiben. Wer beim ersten Wahlgang die Mehrheit der jüdischen und fortschrittlichen Stimmen auf sich vereinigen wird, wird für den zweiten Wahlgang als der einzige jüdische Kandidat gelten.. Voraussichtlich wird Jabotinsky den Skg davontragen — vorausgesetzt, daß die Praktiken unserer wohllöblichen Behörden nicht genügen, um dem Kandidaten der schwarzen Hundert" den Sieg zu verschaffen. Juden beim Esperanto-Kongreß (Von unserem Berichterstatter.) L e in b e r g. Vorige Woche hielten die Esperantisten aus der ganzen Welt ihren jährlichen Kongreß in Krakau ab. Auch verhältnismäßig viele Juden, Anhänger der internationalen Esperanto-Sprache, beteiligten sieh an diesem Kongreß, und so kam es auch dort bald zu einer kleinen „Judenfrage*'. Bei der feierlichen Eröffnung des Kongresses hielten Vertreter von 22 Nationen Ansprachen und begrüßten im Namen ihrer Nation den Kongreß. Nun meldete sich eine Gruppe jüdischer Esperantisten und verlangte, daß ein Redner auch im Namen des jüdischen Volkes den Kongreß begrüßen solle. Der Sekretär des Kongreß-Komitees, H. Dr. Blumenstock, ein Assimilationsjude, erklärte ihnen aber, daß den Juden kein Recht zustehe, für sich einen Redner zu stellen, weil doch „die Juden keine eigene Sprache haben'1. Nun wandten sich die jüdischen Esperantisten an den Gründer der Esperanto-Bewegung, Dr. Z a m e n h o f, der ja, wie bekannt, auch ein Jude ist, und verlangten seine Intervention in dieser Angelegenheit. Aber auch Dr. Zamenhof lehnte diese gerechte Forderung mit dem Bemerken ab: ,,Ich bin zwar selbst Jude. Sagen kann ich es aber nicht, weil das der Esperanto-Bewegung schaden würde." Und so geschah es, daß Vertreter der kleinsten und unbedeutendsten Völker zum Worte kamen, im Namen der Juden hatte aber niemand das Recht, zu sprechen. Die Rolle, die Dr. Zamenhof überhaupt im Kongresse spielte, war für unsere Verhältnisse sehr charakteristisch. Zamenhof selbst scheint sich als Jude zu fühlen; er läßt sich aber von seinen Anhängern und insbesondere von den Polen als Pole feiern. Im Kongresse selbst hielt Dr. Zamenhof eine große Rede und erklärte, daß er sich nunmehr von der Leitung der Esperanto-Bewegung im Interesse der Sache zurückzutreten gezwungen sehe. Dr. M i k o 1 a j s k i, der Präsident des Krakauer Kongresses, erklärt nun in einer Lemberger polnischen Zeitung: ,,Dr. Zamenhof tritt von der Leitung zurück, weil er meint, daß er dadurch die Verbreitung des Esperanto hindere, daß er, ein Jude, an der Spitze der Bewegung steht. Seiner Meinung nach würden sich viel breitere Kreise dem Esperanto anschließen, wenn nicht ein Jude diese Bewegung führen würde." Zu bemerken ist noch, daß die jüdischen Esperantisten in einem der Krakauer Bethäuser einen Gottesdienst in der Esperanto-Sprache veranstalteten, in welcher ein auswärtiger jüdischer Prediger, ein Kongreßteilnehmer, die Predigt hielt. Der Gottesdienst leitete Gg. Dr. T h o n zum Teil in der Esperanto-Sprache.

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