Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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für ihre Schule, die an 250 Kinder zählen mag, aber trotz dieser Opfer sich in einem beklagenswerten Zustande befindet. Das Institut trägt den Namen Allianzschule. In Rodosto sind etwa 50 Gebäude dem Erdbeben zum Opfer gefallen, darunter eine Moschee. Dicht neben dieser Moschee steht eine alte große Synagoge, in schöner Lage, dicht über dem Meere, dessen Wellen gegen ihre Mauern branden. Diese Synagoge ist zu gleicher Zeit von demselben Baumeister erbaut worden wie die Moschee, und sie hat der Erschütterung ohne jeden Schaden standgehalten. Die Rodostoer Juden sind darüber sehr glücklich. Jüdische Häuser sind etwa 10 zu Schaden gekommen, zwei davon drohen mit dem Einsturz. Aber sämtliche Juden, wie alle übrigen Einwohner der Stadt, kampieren bis auf weiteres im Freien. Niemand wagt, in die Häuser zurückzukehren, bis sich nicht die letzten Nachzuckungen des Erdbebens, und es gibt deren noch, verzogen haben. Man haust in Höfen und Gärten unter Soldaten - zelten oder selbstzusammengeflickten Hütten. Aus G a 11 i p o 1 i und den D a r d a n e 1 I e n kommen beunruhigende Nachrichten. Es war jedoch der Delegation wegen mangelnder Verbindung unmöglich, einstweilen dahin zu gelangen. Sie mußte in die Hauptstadt zurückkehren, woher sie sich wahrscheinlich wieder an die Westseite des Marmara begeben wird, um weiter nach den Schicksalen unserer Brüder in jener Gegend zu sehen. Erst nach ihrer Wiederkehr von dort wird man genau wissen, wie beschaffen und von welchem Umfange das Hilfswerk sein muß. Das Judentum aller Länder muß mit Bewunderung auf die außerordentliche, großartige, energische und rastlose Hilfsaktion blicken, die das Griechentum aller Länder, besonders das Konstantinopels, entfaltet hat, um das namenlose Unglück seiner Söhne an der Marmara, die zu Tausenden gefallen und an Hunderttausend ohne Obdach sind, zu bekämpfen. Es mag sich daran ein Beispiel nehmen. Jewish Lads' Brigade (Von unserem Berichterstatter.) London. Wohl die verheißungsvollste Schöpfung der englischen Juden während den letzten zwei Jahrzehnten ist die Jewish Lads' Brigade, eine jüdische Jugendvereinigung mit streng militärischem Aufbau. Sie verdankt ihr Entstehen dem unvergeßlichen Oberst G o 1 d s m i d , der als Haupt der englischen Chowewe Zion auch diese nach militärischem Muster organisierte. Aber schon der Ursprung der Jewish Lads' Brigade bezeugt, daß sie kein Ausfluß englisch-patriotischer Hurra-Stimmung war, sondern zur Förderung jüdischer Interessen ins Leben gerufen wurde. Die Brigade rekrutiert sich vornehmlich aus der schulentwachsenen Jugend, für welche die stramme Manneszucht, körperliche Ausbildung und geistiger Gemeinsinn, wie sie in der Brigade gepflegt werden, von nachhaltiger Wirkung im späteren Leben sein werden. Besonders in einem Lande wie England, das wohl von den Schäden des Militarismus verschont geblieben ist, aber auch nicht seine Vorzüge genießt, ist der Einfluß einer solchen Organisation wie der Jewish Lads' Brigade von hervorragender Bedeutung für das junge Geschlecht. Die Brigade hat daher auch bei vielen Anklang gefunden, und von der englischen Metropole wurde sie in die Provinzen und nachher in verschiedene Teile der Kolonien verpflanzt. Seit 17 Jahren ziehen die Mitglieder der Brigade jeden Sommer auf 14 Tage aufs Land, wo sie in regelrechter, soklatenmäßiger Weise in einem Feldlager untergebracht werden. Die frische Luft, die regelmäßige Kost, die straffe Disziplin und nicht zu allerletzt das gesellige Verhältnis zwischen den „Offizieren'\ die gewöhnlich aus den besten Familien stammen, und den Jungen, die ihren Vorgesetzten so manches im gewöhnlichen Leben zu verdanken haben, üben uvien Einfluß aus, der nicht so leicht verwischt wird. Dieses Jahr wurde der Versuch gemacht, alle Vereine im Lande in einem Feldlager zu vereinigen, und . die Jungen von verschiedenen Teilen Englands, Schottlands und Irlands fanden sich im Seebad Deal zusammen. 1200 an Zahl waren sie in Zelten untergebracht, und die Proviantierung dieser kleinen Armee ging ohne die geringste Stockung vonstatten. Auch vom höheren Standpunkte war es eine glückliche Idee, diese jüdischen Burschen von allen Enden des Landes zusammenzubringen und sie im Feldgottesdienst in gemeinsamer Andacht zu vereinigen. Die Haltung der Jungen war vorzüglich, und ihr Kommandant, Oberst Sir Frederic Nathan (ein Bruder des Sir Matthew Nathan), konnte sie mit Recht loben. Die Jewish Lads' Brigade verdient in jeder Hinsicht Nachahmung in anderen Ländern. Der Kampf um das Odessaer Mandat (Von unserem Berichterstatter.) O d e s s a. Der Wahlkampf in Odessa ist in ein neues, vom Standpunkt der jüdischen Interessen zu begrüßendes, Stadium getreten. Die größte und schwierigste Verwicklung ist nunmehr überwunden. Die prinzipielle Streitfrage, in welcher Kurie ein jüdischer Kandidat nominiert werden soll, ist erledigt. Das jüdische W a h 1 k o in i t e e , bestehend aus den Vertretern der verschiedenen O r u p p e n und R i c h t u n g e n , hat sich in seiner letzten Sitzung einstimmig für die zweite Kurie ausgesprochen. Somit fällt die Kombination S 1 i o s b e r g - N i k o 1 s k y (S 1 i o s b e r g als jüdischer Kandidat der ersten und der gewesene Abgeordnete N i k o 1 s k y als Kandidat der zweiten Kurie), für die die Partei der Kadetten und ihre Freunde um Winawer eintreten. Wie werden sich nun die Kadetten und ihre jüdischen Freunde zu diesem Beschlüsse stellen? Die Gerechtigkeit, ja, die einfache politische Klugheit sollte den Kadetten korrektes Entgegenkommen den Wünschen der jüdischen Bevölkerung gegenüber eingeben. Es ist ja für niemand ein Geheimnis, daß die Kadetten bei den Wahlen im gesamten Reiche sich immer der tatkräftigen Unterstützung der jüdischen Wähler erfreuen. Es wäre also nur recht und billig, daß sie den Juden in Odessa keine Konkurrenz machen, damit nicht der jüdischen Bevölkerung Rußlands möglicherweise das einzige jüdische Mandat verloren geht. Dies wäre um so eher zu erwarten, als die Kadetten selbst die Notwendigkeit anerkennen, daß die Juden ihre eigene parlamentarische Vertretung haben, weshalb sie auch die Kandidatur des Herrn Sliosberg nominierten. Freilich sind sie, was die Bestimmung der entsprechenden Kurie anbetrifft, anderer Ansicht als das jüdische Wahlkomitee. Allein gerechterweise müßten sie, die konstitutionellen Demokraten, die Besetzung des jüdischen Mandats den Juden selbst überlassen. Nun hat aber Herr N i k o 1 s k y vor kurzem erklärt, er würde nicht zurücktreten, selbst wenn das jüdische Wahlkomitee sich für die zweite Kurie entscheiden sollte. Vielleicht tat er dies gerade im Vertrauen auf seine jüdischen Freunde. Sitzen doch selbst im jüdischen Wahlkomitee ausgesprochene Parteifreunde und Gesinnungsgenossen der Winawer-Sliosbergschen Gruppe, und der oben erwähnte Beschluß des Wahlkomitees wäre sicherlich nicht einstimmig gefaßt worden, wenn die Herren Kadetten nicht über die Schnur gehauen hätten. Neben der erwähnten,