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Die Welt · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 Olf □□□□□□ o o * —O DIE3^I ELT. i027 WELTCHRONIK =^v o □□□□□ □ 1) o O o Das Erdbeben (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Ein neuer Schlag hat die türkische Judenheit getroffen. Es ist, als ob sich die Elemente gegen sie verschworen hätten. Voriges Jahr Brand und Cholera, dieses Jahr Erdbeben. Und alle diese Schläge soll ein sozialer Organismus aushalten, der schon ohne dies an tausend Schwächen krankt. Als die ersten Telegramme über die furchtbaren Erschütterungen an der Marmara eintrafen, die auch wir hier stark genug, aber doch nicht unheilstiftend verspürten, da dachte man kaum daran, daß auch die Juden davon betroffen sein konnten, da nur von den zahlreichen griechischen Opfern die Rede war. Dann aber liefen plötzlich kurze Hiobsposten von jüdischen Verlusten in Tschorlu, in Rodosto, in Gallipoli, in den Dardanellen ein und erweckten in Konstantinopel höchste Beunruhigung. Leider ist die Leitung des türkischen Judentums noch keine Institution, die auf solche Ereignisse in der notwenddigen Weise zu reagieren in der Lage ist. Zudem ist der Großrabbiner gegenwärtig nicht an seinem Amtssitze, sondern weilt in Europa, sein Vertreter ist ein ehrwürdiger aber schwacher Greis, und sein erster Gehilfe, der sogenannte Kapu Kehaja, pflegt nicht immer daran zu denken, was die jüdische Allgemeinheit von ihm fordern muß. So kam es, daß bis Dienstag früh noch auf dem Großrabbinate weder etwas von dem Umfange des Unglücks, das die Juden betroffen, bekannt war, noch von Maßregeln, die zur Feststellung des Uebels und zur ersten Hilfeleistung erforderlich waren. Erst in der Mitte der Woche berief man eine Beratung von Notabein, Vertreter der verschiedenen jüdischen Vereine der Hauptstadt, um über das Notwendige zu beraten. Die hiesige jüdische Oeffentlichkeit reagierte jedoch, was kein Ruhm für sie ist, wie gewöhnlich mit vollkommenem Indifferentismus auf diesen Appell, indem von den einberufenen vierzehn Personen nur drei erschienen. Inzwischen hatten aber private Organisationen bereits aktivere Schritte getan. Der Hilfsverein der Deutschen Juden und die Loge „Bene Berith" waren zur Stelle. Die Vertreter beider Gesellschaften kamen überein, daß sofort Delegierte in die heimgesuchte Gegend zu entsenden seien, die persönlich den Umfang des Unheils feststellen, mit den dortigen Juden nber die Mittel zur Abhilfe beraten und die ersten Maßregeln zur Organisierung der Rettungsaktion treffen sollten. Am Dienstagmittag reiste ihr Berichterstatter, Ehrensekretär der Bene-Berith-Loge, als deren Vertreter und der Leiter der Hilfsvereinsschulen von Konstantinopel, Oberrabbiner Dr. Markus, nach Tschorlu, dem Schauplätze des größten Unheiles, soweit es die Juden betroffen, ab. Die Tschorluer Judenheit machte auf uns einen guten Eindruck. Es scheint, daß sie überhaupt eine Art rühmlicher Ausnahme in der Totalität der türkischen Juden bildet. Es sind aktive, unternehmungslustige und handelstüchtige Leute, die es verstanden haben, gleich den Aschkenasim der nordeuropäischen Länder, die Hegemonie im Handel ihrer Stadt sich zu erobern. Es dürfte wenig Städte in türkischen Landen geben, besonders kleinere in der Provinz, von denen sich das gleiche feststellen ließe. Diese rühmliche Ausnahme droht nun vom osmanischen Boden zu verschwinden, und das wäre ein Verlust von großer sozialer und moralischer Tragweite. Die Judenheit des In- und Auslandes sollte alles Mögliche daran wenden, einen so tüchtigen, erfolgreichen Menschenschlag nicht untergehen zu lassen. Es sind im ganzen 176 Wohn- und Geschäftshäuser vernichtet worden, darunter 51 jüdische Häuser und 40 Geschäfte, 80 griechische Häuser und Geschäfte, 4 türkische Häuser und 1 armenischer Laden. Die betroffenen Juden besonders haben zumeist ihre ganze Habe verloren. Nach einer genauen Liste, die der Rabbiner der jüdischen Gemeinde für die Regierungskommission entwarf, sind 75 jüdische Familien betroffen worden, und zwar mit einem Schaden, der sich auf 50 000 Pfund für vernichtete Warenbestände und 20—30 000 Pfund für die Gebäude beziffern läßt. Versichert waren alles in allem nur Waren im Werte von zirka 1400 Pfund, von denen es aber noch fraglich ist, ob die Gesellschaft sie auszahlen wird, da sie für von Erdbeben verursachten Schaden nicht aufzukommen hat. Einzelne der Betroffenen haben bedeutende Vermögen eingebüßt, die in Waren angelegt waren, ein einziger unter ihnen über 7000 Pfund. Die unmittelbare Ursache der Zerstörung von Tschorlu war, wie bekannt, eine Feuersbrunst. Es ist herzzerreißend, von den Szenen, die sich bei ihrem Ausbruche abspielten, erzählen zu hören. Soeben hatten erst die furchtbaren Erdstöße die friedlich schlummernden Einwohner aus den Berten gerissen und die Schreckerfüllten und nur notdürftigst Bekleideten in die Straßen hinausgetrieben, als plötzlich die Angstrufe von lauteren Feuergeschreien übertönt wurden und den Fliehenden die rasend um sich greifenden Flammen entgegenschlugen. Die Erderschütterung hatte in dem Laden des Armeniers eine Zündhölzerkiste umgestürzt und eine Selbstentzündung des Feuerzeuges herbeigeführt. Erfreulicherweise machen die Tschorluer Juden den Eindruck, daß sie selber an ihrem Schicksale noch nicht verzweifeln. Das macht eine Hilfsaktion doppelt aussichtsvoll. Es läßt sich heute noch nicht genau formulieren, in welcher Weise diese Aktion zu gestalten sein wird. Es wird von den Vertretern der beiden Gesellschaften eine regionale Hilfskommission zusammengestellt werden, der auch der Großrabbiner von Adrianopel, zu dessen Bezirk Tschorlu zählt, angehören wird und die nach genauem Studium der Notlage, der Bedürfnisse und Wünsche der Tschorluer jüdischen Bevölkerung die nötigen Weisungen geben wird. Höchstwahrscheinlich wird es sich darum handeln müssen, den Plan der Tschorluer Regierurigskommission, der auf Wiederaufbau eines jüdischen Viertels ausgeht, zu unterstützen, einstweilen den obdachlosen Familien die Mittel zur Unterkunft in vorläufigen Mietswohnungen zur Verfügung zu stellen, und die Wiedereröffnung der Schule, die wegen totaler Verarmung der Beitragenden geschlossen bleiben muß, durch Subventionen zu ermöglichen. Viele Tausende werden jedenfalls aufgewendet werden müssen, um Linderung in Tschorlu zu schaffen und eine ohne solche Hilfe zugrunde gerichtete und zur Auswanderung verdammte Gemeinde zu erretten. — Glücklicherweise haben sich die Befürchtungen bezüglich Rodostos, wohin sich die Delegierten in beschwerlicher Nachtfahrt begaben, als fast gegenstandslos erwiesen. v In Rodosto gibt es unter 40 000 Einwohnern etwa 1600 jüdische Seelen. Die meisten sind hier im Gegensatze zu Tschorlu arme Schlucker, Handwerker, Bootsleute und vor allem Chamale (Lastträger); die Schicht der wohlhabenden Kaufleute ist verhältnismäßig dünn. Die Gemeinde bringt große Opfer

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