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Die Welt · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1026 DiElSKLT: Nr. 34 rade von der Tätigkeit der Assimilanten befürchten, daß sie selbst das noch Gesunde vergiften wird. Damit kommen wir auch zu der Antwort, die die assimilatorische Broschüre hervorgerufen hat. Das realistische Organ, „Osveta Ii du" in Pardubitz, eine der angesehensten Zeitschriften der Masaryk - Partei, hat an jene Broschüre drei Aufsätze geknüpft, aus denen wir mit Genugtuung ersehen, daß es auch im tschechischen Volke und besonders in der „Partei der Intelligenz" nicht mehr an Leuten fehlt, die die Judenfrage richtig beurteilen und die ihre Meinung ungescheut zu sagen wagen. Wir waren auch in der tschechischen Publizistik diesen Mut nicht mehr gewöhnt. Denn schon begann sich auch hier das Beispiel zu wiederholen, das die erbärmliche. Verlogenheit und Abhängigkeit der deutschen Presse gegeben hat; schon gab es auch unter den tschechischen Blättern nur mehr solche, die den rohen Antisemitismus der Ritualmordgläubigen predigten, und solche, die, in Abhängigkeit von den tschechisch-jüdischen Assimilanten, die ,Judenfrage", ihren Gewährsmännern zuliebe, entstellten. Um so mehr müssen wir es begrüßen, daß die „Osveta Ii du" mit ihrer redaktionellen Meinung nicht hinter dem Zaun gehalten hat. Nachdem sie das unaufhörliche Wachsen der zionistischen Organisationen in den Sudetenländern in Gegensatz zu den kleinen Ergebnissen der tschechischen Assimilanten gestellt hat, erklärt sie: „Eine so alte Nation, wie die jüdische, die bis heute die Zeichen ihrer Rasse bewahrt hat, trotzdem sie zerstreut unter verschiedenen Völkern lebt, verdient sicherlich Respekt." Selbstverständlich sei, als Antwort auf die Erscheinungen des Antisemitismus und der Assimilation, die starke nationale Bewegung unter den Juden. „Wir können nicht verhehlen," so beginnt der dritte Aufsatz der Reihe, „daß uns die zionistische Bewegung sympathisch ist, wie jede Kundgebung der Geradheit und Ehrlichkeit. Nichts ist im Zeitalter des Nationalismus natürlicher, als daß Juden hier sind, durchdrungen von glühender Sehnsucht, ihre nationalen Wünsche zur Geltung zu bringen, ihr nationales Ideal zu erreichen. Wer sich die Worte unseres Palacky zu Herzen genommen hat: Auch wenn ich ein Zigeuner wäre usw. — der folgt nur mit vollem Respekt der nationaljüdischen Bewegung." Daneben mag es allerdings „Matrikenjuden" geben, die sich ganz assimiliert fühlen. Die dürfen sich dann aber auch nicht mehr „tschechische Juden" nennen. Und eine Propaganda, die der Beförderung der Assimilation dienen wolle, könne den Assimilierungsprozeß nur stören und verhindern. Das tschechische Volk habe nichts dagegen, wenn sich ihm Einzelpersonen, die aus dem deutschen oder dem jüdischen Volke kommen, als Tschechen eingliedern, Ferdinand Avenarius sagt für den analogen Fall dasselbe: „Wie dem sei: es kann doch wohl dem Juden und dem Halbjuden nicht vorgeschrieben werden, zu welchem Volke sein Wille geht. Geht er zu uns, so ist's doch wohl seine Sache, zu versuchen, wie weit er's im Sichanpassen und Sicheinfügen bringt. Nur wolle der Jude seinerseits unsere Meinung darüber, was majn als das Stärkere in ihm empfindet, ob das Deutsche oder das Jüdische, uns Nichtjuden überlassen. Sonst erscheint er aufdringlich." Aber, wenn die Assimilanten vom tschechischen Volke die Unterstützung der Assimilationsbewegung verlangen, so antwortet darauf die nationalbewußte tschechische Zeitung: „Wir stoßen zwar die Juden nicht von uns zurück, wie es die deutschen Parteien tun, aber wir haben auch keinen Grund, dafür zu arbeiten, daß der Assimilationsprozeß schneller fortschreite, wir haben keine Ursachen, uns an der Agitation dafür zu beteiligen, daß diese Verschmelzung mit uns stattfinde: in der Zeit der großen nationalen Bewegung erweckt keine Assimilation Begeisterung bei national fühlenden Kreisen. Wer sollte sich denn damit freuen, daß sich in Posen die Polen an die Deutschen, in Rußland an die Russen assimilieren? Erinnern wir uns nicht mit Bitterkeit an unsere tschechischen Stammesgenossen, die in Wien der Assimilation der deutschen Majorität verfallen? Wie könnten wir da also über die Assimilation der Juden erfreut sein?" Zum Schlüsse wird noch einmal der Einwand abgelehnt, das Judentum bezeichne nur einen Glauben, nicht die Nationalität. Wenn dem tatsächlich so wäre, warum spricht man dann von „tschechischen Juden", statt etwa von Tschechen israelitischer Konfession? Die Religion bedeute übrigens unseren Juden meist sehr wenig. Wenn man also trotzdem das Judentum betont, „T schechischer J u d c " sagt und keineswegs einfach „Tscheche", dann muß darin eine tiefere Bedeutung liegen, als die Bezeichnung der Religion. — Damit hätte ja die tschechisch-jüdische Assimilation einen deutlichen, nicht mißzuverstehenden Bescheid bekommen. Die Hetze gegen die Zionisten hat keinen Erfolg gehabt. Der Wert der Assimilation ist nicht gestiegen. Wir sind mit den Ausführungen des tschechischen Blattes im allgemeinen einverstanden. Die tschechischen Juden aber, die sie sich etwa zu Herzen nehmen wollen, machen wir noch auf eine Konsequenz aufmerksam, die die tschechische Zeitung vernachlässigen durfte. Wenn sie vielleicht sagen werden, daß sie. eben im Sinne der obigen Ausführungen ganz entjudet seien, durch und durch tschechisch und nur tschechisch: dann dürfen sie, wenn es ihnen gelingt und den Tschechen paßt, unter diesen nach Herzenslust die Geschicke des tschechischen Volkes bestimmen. Jedenfalls aber haben wir Juden, die wir uns als Juden fühlen, das Recht, zu verlangen, daß sich jene „Tschechen" dann nicht mehr in unsere j ü - dischen Dinge einmischen. Unsere nationalen Leiden und Freuden, die von uns gewollte und beeinflußte Entwicklung des Judentums geht dann sie nicht mehr an, als alle anderen Tschechen. Und daß diese nicht „antizionistisch" sind, beweist doch wohl die „Osvet a Ii du". Das tschechische Volk wieder wird sich für seinen Teil, ebenso wie das deutsche Volk, daran gewöhnen, daß es als die einzig legitimierten Vertreter des Judentums nur die nationalbewußten Juden betrachten darf. Zwischen diesen aber und den Nichtjuden wird eine offene Aussprache möglich sein, der erste Schritt zur Ueberwindung des vergiftenden Antisemitismus. Solche Dokumente, wie die „Kunstwartpolemik" und auch diese tschechischen Aufsätze, beweisen, daß wir durch Konsequenz noch viele Mißverständnisse beseitigen können. Die Assimilation aber ist selbst nur ein großes Mißverständnis; sie ist die Verkennung unseres wahren Wesens. Bohemicus.

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