Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V* BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRQ. BERLIN, 23. August 1912 umW? y'Dnn 'K hbx " Nr. 34 Noch eine offene Aussprache Zur selben Zeit, da Ferdinand Avenarius im „Kunstwart" die verhüllte Judenfrage entschleiert, ist auch in der tschechischen Publizistik eine relativ nicht weniger interessante Diskussion ausgebrochen. Und die Anschauungen der tschechischen Nichtjuden haben sich, in geradezu überraschender Aehnlichkeit, neben die offenen und mutigen Ansichten des Kunstwart-Herausgebers gestellt. Die nationalen Tschechen sind mit den nationalen Deutschen darin einig, daß die jüdischnationale Bewegung, die Bewegung der Geradheit und Ehrlichkeit, vor allem Hochachtung beanspruchen darf. Den Anlaß zu der offenen Aussprache in der tschechischen Publizistik hat die soeben erschienene Broschüre eines tschechisch - jüdischen Assimilanten, M. Schoenbaum, „Die Juden in Mähren", gegeben. Diese Broschüre soll für die Bestrebungen der tschechisch-jüdischen Assimilanten unter den Juden und besonders auch unter den Tschechen Sympathien werben. Deshalb rechnet sie vor, was die „tschechischen Juden" in Mähren bisher für die slawische Sache getan haben: sie haben insbesondere anläßlich verschiedener Wahlen Aufrufe veröffentlicht, um die mährischen Juden vom Antisemitismus der Deutschen zu überzeugen; weil die deutsche Assimilation zur Resolution Schmidt geführt habe, sollten es die Juden Mährens nun einmal mit der tschechischen Assimilation versuchen. Diese Aufrufe haben nun zwar, wie Herr Schoenbaum angibt, ihre Wirkung verfehlt; die Tschechen waren „ungeschickt" genug, gerade im entscheidenden Augenblick ihrerseits antisemitische Aktionen, Boykottbewegungen u. dgl. ins Werk zu setzen. Trotzdem würden die Juden, meint er, sich vielleicht doch auf die Seite der Tschechen hinüberziehen lassen, obzwar die Arbeit nicht leicht sei; infolge der historischen Entwicklung sei Erziehung und Kultur der Juden zumeist deutsch und daher bestehe zwischen Juden und Tschechen eine Fremdheit, die nicht leicht überwunden wird. Doch schließlich, wenn die tschechische Macht immer mehr wachse, würden die Juden wohl hinüberschwenken. Herr Schoenbaum weiß natürlich, daß er seine Rechnung nicht ohne die Zionisten machen kann. Ihnen gegenüber hat er eine andere Taktik, als sie von den tschechischen Juden sonst befolgt wird. Sonst verlästern und bekämpfen sie den Zionismus als germanisatorische Bewegung, auf die die Tschechen gehetzt werden müssen. Herr Schoenbaum aber meint, die Zionisten müßten eigentlich mit den tschechisch-jüdischen Assimilanten zusammengehen, und er hofft auf die Möglichkeit einer Verständigung — was natürlich seine isolierte Privatnieinung ist. Sonst enthält die Broschüre nichts Bemerkenswertes; sie klingt in einen rührenden Appell an die Tschechen aus, die tschechisch-jüdische Assimilationsbewegung zu unterstützen. „Die Zionisten nehmen jährlich über 20 000 Kronen in Böhmen und Mähren ein. Gebt uns vorläufig nur die Hälfte dieser Summe jährlich für unsere Aktion in Mähren!" Auf diese Broschüre hat nun schon die tschechische Publizistik reagiert. Bevor ich aber ihre Antwort wiedergebe, will ich doch noch in aller Kürze darauf hinweisen, wie die Assimilanten — Herr Schoenbaum wie alle anderen — vor zutage liegenden Tatsachen die Augen schließen. Um zu erfahren, daß die deutschnationale Politik in Oesterreich antisemitisch ist, dazu brauchen die Juden auch in Mähren die tschechisch-jüdische Heilsbotschaft nicht. Aber, muß man fragen, werden dafür die Tschechen so sicher geeignete Vertreter jüdischer Interessen sein? Müssen die Interessen der jüdischen und der tschechischen Bevölkerung in allem so identisch sein, daß man auf jede Selbständigkeit, auf jede Organisierung, der Juden verzichten könnte? Daß man den deutschen Teufel durch den tschechischen Beizebub austreiben dürfte? Nein! Wenn man die Juden doch nur wieder eine Politik lehren wollte, die über Anbiederung, Abstoßung, Anbiederung schließlich wieder zur alten Katastrophe führen müßte, dann bleiben sie vermutlich gleich lieber im alten Sumpf. Die jüdischnationale Politik will anderes; sie will die Juden zu entschlossenen und bewußten Vertretern ihrer jüdischen Interessen machen; sie sollen niemand bekämpfen, der ihre nationalen Rechte 'nicht schmälert, sie sollen für niemand die Kastanien aus dem Feuer holen. Deshalb gibt es zwischen uns Zionisten und den Assimilanten, die die jüdischen Kräfte fremden Herren ausliefern wollen, keine prinzipielle Verständigung; scHon deshalb nicht, weil wir ge-