Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 33 DIE3&ELT 1009 f □□□□□□ i>.- VS- FEUILLETON O □□□□□□ o> Industrie und Handel in Whitechapel Von Dr. S. M. Melamed, London Whitechapel ist eine wunderbare Kolonie. Die Eingeborenen sind betrunkene Vagabunden oder brave, arme Schabbesgojim, während die „europäische Kolonie" das ganze Jahr hindurch entweder mit Hoschanos und Esrogim oder mit extrabilligen koscheren Mazzos aus Amerika handelt. In Whitechapel befindet sich eine große Anzahl von Fabriken, Warenhäusern, Magazinen und Speichern, die nicht den dortigen Juden gehören. Hingegen ruht der ganze Schnupftabakhandel, das Limonadengeschäft usw. in jüdischen Händen. Der Ritualienexpori und -import blüht in Whitechapel um so mehr, als England bekanntlich dem Freihandel huldigt und anstandslos ganze Ladungen von Tephillin, Zizis und Schofaros einführen läßt. Aus diesem Grunde allein schon sind unsere Whitechapler Brüder treue liberale Parteigänger, denn die Konservativen drohen mit der Einführung des Schutzzolles. . . . Alle großen Läden in Whitechapel sind zwar für Juden bestimmt, gehören ihnen aber nicht, hingegen befinden sich alle Trödelbuden, Barbiergeschäfte, Miniaturdruckereien, christlichen Missionen, Obsthandlungen, philosophischen und literarischen Vereine, sowie die ganze Lotteriekolportage in jüdischen Händen. Zu den bekannten Whitechapler Hausindustrien gehört auch das Pensionswesen. Das interessanteste und merkwürdigste Gewerbe, das in den letzten paar Jahren in Whitechapel zur Blüte gelangte, ist zweifellos die S c h m a d i n d u s t r i e , welche bis jetzt noch in keinem nationalökonomischen Lexikon beschrieben ist. Wenn jemand, der im externen Abiturientenexamen in Rußland durchfällt und auch als Regierungslieferant oder sozialrevolutionärer Schriftsteller, Kronrabbiner, Duma- und Heiratskandidat kein Glück hat, nach England kommt, um „Reverend" zu werden und auch darin kein Glück hat und des Hungerns müde wird, so stellt er sich vor die Halle der Missionäre in Whitechapel, madht ein frommes, salbungsvolles Gesicht und läßt sich ohne Widerstand von wohlbestallten ehemaligen Glaubens- und Leidensgenossen entdecken, einfangen und selig machen. . . . Dafür erhält er vorläufig eine irdische Belohnung von 10—20 Pfd. Sterling. Aber die kleine Barschaft ist bald erschöpft, unerschöpflich dagegen sind die Bedürfnisse, desgleichen die Heuchelei oder Dummheit der englischen Seligkeitskrämer. So macht sich denn der „Neubekehrte" auf den Weg, zieht nach Manchester, läßt sich auch dort für das Christentum entdecken und selig sprechen, wofür er wieder ein hübsches Sümmchen erhält. Bald findet er heraus, daß das Taufgewerbe sehr einträglich ist. Sobald ihm diese Erkenntnis aufgeht, wird er ein berufsmäßiger Sehmadreisender, er zieht durch ganz England von Mission zu Mission, von Bischof zu Bischof, von Pfarrei zu Pfarrei und wird in einem fort selig und . . . amüsiert sich königlich. Zuletzt wird er „selbständig", d. Ii. er tritt in den Dienst der Judenmission. Jüngst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mich mit einem Ritter dieser Industrie zu unterhalten. Als ich ihm einige Vorwürfe machte, antwortete er ruhig: „Was kann denn heute noch ein russischer Jude werden, der von Natur aus ein ehrlicher Mensch ist? Ich wollte jüdischer Reverend in England werden, da sagten sie mir, ich verstünde zuviel Hebräisch und wäre in meinem Auftreten zu unabhängig. . . ." Zur Ehre der Whitechapler Juden sei hervorgehoben, daß dieses traurige Gewerbe nur auf wenige Individuen beschränkt bleibt. Die große Masse unserer Whitechapler sind grundehrliche, gesinnungstüchtige Juden und gehen anständigen, wenn auch nicht sehr einträglichen Berufen nach, z. B. dem Limonadenhandel, der speziell in der heißen Jahreszeit blüht. Zum Unglück für die Whitechapler ist jedoch der englische Sommer ihres Mißvergnügens erstens sehr kurz und dann nicht sehr heiß. „A sa verscholtene Medine," platzte jüngst ein hiesiger „Limonadenfabrikant" heraus, der in Erwartung der heißen Julisonne einige Dutzend Fässer des süßen Getränks vorgebraut hatte. „A sa Medine . . . Was taugt mir die englische Freiheit, as in Jury is kalt und die Menschen hoben nit kein Dorscht!" Zu den Industrien, die gute Tage in Whitechapel sehen, gehört zweifellos die Mohelim-Industrie. Wenn man aus den Annoncen einer Zeitung auf die Industrie der Stadt schließen kann, so muß man auf Grund der Annoncen der jüdischen Zeitungen in Whitechapel zu dem Schluß kommen, daß jeder zweite Mensch in diesem volkreichen Londoner Stadtteil ein vielbeschäftigter Herrenschneider sei . . . und weiter, daß die Whitechapler Juden von dem Zweikindersystem nicht viel halten, Ich schlage eine beliebige Nummer des „Jüdischen Express" oder des „Jüdischen Journal" auf, und ich stoße bald auf eine ganze Seite Annoncen etwa folgenden Inhalts: „A großartiger Mohel, berühmt in East und West und a großer Lamden, recommandiert sich frumme Eltern. Billige Preise." Oder: „Iden, kummt zu mir, ich hob schon 5000 Kinder mal gewesen un keiner vun sei is nicht gestorben." Oder: „Ich bin der einzige Mohel, wos arbet gegen festen Preis und verlangt nit kein Collections. Kummt, Iden kummt." Ein anderer wieder beruft sich darauf, daß sein Großvater schon ein Mohel gewesen war, daß er alle Kinder des Rabbi X. in Z. in den Bund Abrahams eingeführt habe und die Freude hatte, alle Kinder dieses Rabbi zu großen Talmudgelehrten heranwachsen zu sehen. Später hat zwar ein Konkurrent diesem Mohel öffentlich nachgewiesen, daß der betreffende Rabbi gar keine Söhne, sondern nur Töchter gehabt hat, aber der andere Mohel blieb bei seiner Behauptung und drohte sogar, dem konkurrierenden Verleumder den Prozeß zu machen. In dieser Industrie gibt es ganz bestimmte Sätze und Lohntarife, die zwischen 5—40 Shilling variieren. Der Mohelimstand ist sehr angesehen und wird von vielen anderen Berufsständen beneidet. Während z. B. die wirklichen Schneider in Whitechapel nur sieben Monate im Jahre beschäftigt sind und noch obendrein gar kein Ansehen genießen, kann sich der edle Mohelstand rühmen, gar keine tote Saison zu haben und das ganze Jahr hindurch beschäftigt zu sein... Weit verbreitet ist auch der Reverendstand in Whitechapel. Wenn einer kein Schuster und kein Schneider,