Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1008 DIEÄELT: Nr. 33 wenigstens bis zum Jahresschluß zu belassen, fanden taube Ohren. Herr Bigart blieb fest, und die alliancistische Sciuildirektion untersagte den hebräischen Lehrern den Eintritt in die Klassen. Als das Schulkomitee ebenfalls nicht wich und Gegenorder ausgab, zog die Alliance telegraphisch ihre Lehrer zurück und unterdrückte brutal die Speisung der armen Kinder. Das nennt der Dr. Ehrenpreis „von keiner Seite irgendwelchen Schwierigkeiten begegnen" und erklärt unschuldig, ,,bei alledem nichts von Assimilation und Antihebraismus bemerkt zu haben". So fand also auch der zionistische (iroßrabbiner keinerlei Anlaß, zu intervenieren. Und woher nimmt er dann die Emphase, mit der er behauptet, daß er allezeit und bei jeder Gelegenheit seine grundsätzlichen Forderungen in betreff der nationalen Erziehung gegenüber der Alliance und ihrer Repräsentanten in der nachdrücklichsten und unnachgiebigsten Weise vertreten habe? Nun, er intervenierte wirklich, indem er das revolutionäre I} h i 1 i p p o p e 1 e r S c Ii u 1 k o m i t e e durch das K u 1 - t u s m i n i s t e r i u m a u f 1 ö s e n 1 i e ß und eine provisorische Kommission von Alliancisten ernannte, die nichts eiligeres zu tun hatte, als die Schillgebäude der Alliance zurückzugeben. An positiven Taten war übrigens die Lehrerkonferenz von \{)(Y2 die letzte gewesen; 10 Jahre lang haben die hebräischen Lehrer auf die Einberufung einer neuen durch Dr. Ehrenpreis gewartet. Und sie hätten lange weiter warten können, wenn nicht nach der Konferenz des Schulkomitees vom Mai dieses Jahres endlich durch das revolutionäre Philippopeier Komitee eine neue Lehrerversanimlung auf den 5./1S. Juli nach Sofia einberufen worden wäre. Und jetzt ohne und gegen Dr. Ehrenpreis geschieht wirklich Positives. Die vielverlästerte zionistische Organisation und die zionistisch! geleiteten Gemeinden Bulgariens senden auf ihre Kosten junge Leute zur Ausbildung als hebräische Lehrer nach Palästina, und die zionistischen Schulkomitees berufen tüchtige Lehrerkräfte aus Palästina, Ruhland und Galizien an ihre Schulen. A d 0. Herr Dr. Ehrenpreis will durchaus, daß wir die Karnickel seien, die angefangen haben, und er tischt zu diesem Behufe wieder einmal die Seeschlange von der zionistischen .Wanifestation auf, die er unter Zustimmung des seligen Dr. Herzl widerraten hätte. Er täte besser, die Angelegenheit, in die unser großer Führer, was er später lebhaft bedauerte, durch einen falschen Bericht des Dr. Ehrenpreis hineingezogen wurde, aus dem Spiele zu lassen. Nach der objektiven Darstellung, die wir von der Lehrerkonferenz von 1M02 und ihren Folgen gegeben haben, ist für alle Welt unverkennbar ersichtlich, daß von hier aus, nicht von irgendwelchen „provokatorischen und zweckwidrigen Taktiken der Zionisten", der unversöhnliche Kampf um Schule und Gemeinde seinen Ausgang genommen hat. Nationalismus gegen Assimilation, Hebräisch gegen Franzeis isch, Zionismus gegen Alliance war die Devise. Ad 4. Die Vorwürfe, die dem Dr. Ehrenpreis mit bezug aul das Schulgesetz gemacht werden, sucht er durch drei Mittel zu entkräften/ Erstens sagt er, war die von den Zionisten vorgeschlagene Gesetzesnovelle gar nicht geeignet, die Nationalisierung der Schulen zu fördern. Zweitens war sie dem Genieindewesen abträglich, ja gefährlich. Drittens ist gar nicht er persönlich gegen sie aufgetreten, sondern das Gesamtkonsistorium und die Kultusvorstände. Diese letzte Behauptung ist ganz wertlos, denn wer darüber informiert ist, was das Ehrenpreis'sche Konsistorium bedeutet und welche Puppenrolle die Kultusvorstände spielen, der beurteilt die Wirksamkeit des Dr. Ehrenpreis weniger bescheiden, als er selber. Die Behauptung, daß die von den Zionisten vorgeschlagene Gesetzesnovelle eine Gefahr für das Gemeindewesen geworden wäre, ist einfach unsinnig. Und es bedarf in der Tat aller Künste des Dr. Ehrenpreis, um das suggerieren zu wollen. Er tüftelt einen Gegensatz zwischen Schulbudget und Gemeindebudget heraus. Der ist gar nicht vorhanden. Alljährlich wird das Gemeindebudget, von dem das Schulbudget einen integrierenden Bestandteil bildet, von beiden Komitees, Gemeindevorstand und Schulkomitee, gemeinsam ausgearbeitet und beschlossen, nur in der Exekution der Posten beider findet eine Arbeitsteilung statt. Es ist nun aber einfach unwahr, daß die Kultusvorstände für ihre Steuern das Exekutivrecht nicht besitzen. Seit 30 Jahren war das bulgarische Judentum bemüht, und am Anfang seiner Ausführung der Herr Dr. Ehrenpreis ebenfalls, das Recht auf Anrufung der Staatsbeihilfe zur Eintreibung der Gemeindesteuern bewilligt zu erhalten. Und Dr. Ehrenpreis reüssierte. Die Regierung erließ eine entsprechende Verordnung, u n d D r. Ehrenpreis selbst gab sie a I s g ute B o t s c h a f t seine n G e m einden zur K e n n t n i s. Nun hatte leider diese Ordonanz eine kleine Lücke, die die säumigen Zahler sich zunutze machten; sie spezifizierte nicht, welche seiner Exekutivorgane der Staat im Zwangszahlungsfalle den Gemeinden zur Verfügung zu stellen habe. Diesen Mangel sollte eben das von uns vorgeschlagene Gesetzesamendement beheben, dessen Text folgendermaßen lautete: „Die administrativen Staatsbehörden sind gehalten, sich den jüdischen Gemeinden zur Verfügung zu stellen, sobald diese an sie appellieren, um die den Gemeindemitgliedern von den jüdischen Behörden auferlegten Taxen einzukassieren/' Die Bemerkung, daß die Staatsbeihilfe bei der Eintreibung der Schulsteuer, die eine interne, autonom beschlossene Gemeindesteuer darstellt, nichts zur Sicherung des nationalen Charakters der jüdischen Schulen Bulgariens beitragen würde, ist recht fadenscheinig. „Es könnten ja morgen alliancistische oder sozialistische Schulkomitees kommen, die Eintreibungsklausel würde dann denen zugute kommen." Ja, warum denn nicht? Wir sind nicht reaktionär genug, um darin ein Unglück zu finden; sobald die Majorität des bulgarischen Judentums eine bestimmte politische Gesinnung besitzt, mag sie sie betätigen. Das kann kein Grund sein, um nicht die Erhaltung unseres jüdischen Schulwesens durch Schaffung einer gesunden, materiellen Basis ein für allemal sichern zu wollen. Uebrigens hat Dr. Ehrenpreis nicht nötig, sich die Köpfe der Zionisten zu zerbrechen. Wir werden für das Fortdauern des nationalen Regimes schon Sorge tragen. Jedenfalls war das für ihn, den Zionisten, kein Grund, die Annahme unseres Gesetzesvorschlages zu hintertreiben! Und durch welches Mittel ist ihm das gelungen? Als wir an die Regierung herantraten, war diese, gerecht und liberal, wie sie ist, durchaus dafür, unserem Wunsche Folge zu geben. Bulgarien wäre ja damit übrigens nur dem liberalen Beispiel anderer Länder, wie Deutschland und Ungarn, gefolgt. Die Regierung ging darauf ein, weil sie überzeugt war, sich einem Wunsche der gesamten bulgarischen Judenheit gegenüber zu befinden und einem Rechte derselben an ihre Einzelmitglieder zur exekutiven Geltung zu verhelfen. Da kam Dr. Ehrenpreis, der Oberrabbiner, die höchste Autorität der Juden des Landes, und erklärte der bulgarischen Regierung, daß der bulgarische Jude nicht verpflichtet sei, für die jüdische Schule zu zahlen, und daß die jüdischen Behörden kein Recht hätten, derartige Steuerleistun gen als obligatorisch zu verlangen! Die bulgarische Regierung, liberal wie sie ist, trat natürlich sofort von ihrem Vorhaben zurück. Sie mußte sich nach dieser Intervention sagen, daß sie im Begriffe stehe, den Juden ein Unrecht zu tun und ihnen eine Verpflichtung aufzuoktroyieren, die ein Teil von ihnen und ihre offiziellste Behörde nicht wünschte und verdamme. So ist unser Amendement zu Artikel 371 des Schulgesetzes zu Fall gekommen. A d 7, Dr. Ehrenpreis beteuert, daß er eine ganze Menge zionistischen Materials in den 12 Jahren seiner Amtierung in Bulgarien geschrieben hätte. Es ist wahr, Artikel dieser Art sind in der „Luz" erschienen, aber was bedeuten solche Artikel, wenn die Taten ihnen so wenig entsprechen? Herr Dr. Ehrenpreis beruft sich auf eine Flugschrift, die ich selbst übersetzt habe. Das war aber leider nur ein Referat, das er 1901 auf dem Kongreß zu Basel gehalten hatte, also nicht etwa etwas von und für Bulgarien. Das ist alles. Wir sind am Schlüsse. Herr Dr. Ehrenpreis bittet, ihm doch zu glauben, daß er nur betrübten Herzens den Kampf mit den bulgarischen Zionisten führe. Er hätte sich längst diese Betrübnis sparen können. „Er wird den Kampf nicht einen Augenblick länger fortsetzen, als ihn die Verhältnisse dazu zwingen.'' In Arfbetracht der Würde seines Amtes ist es uns rätselhaft, um was für Verhältnisse es sich hier handeln könnte, die Herrn Dr. Ehrenpreis zum Kampfe gegen die bulgarische Zionistenorganisation und zu seinem Verbleib gegen den Willen der Majorität seines Judentums zwingen sollen. Dr. R y m a 1 o w s k y.