Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1010 Nr. 33 kein Esro^imhätuiler und kein Schadehen ist, so ist er ganz bestimmt ein Reverend. Jedermann, der sonst nichts ist und auch nicht viel zu verlieren hat, hat das Recht, sich in (iehrock, Zylinder und geistliche Weste zu stecken und sich als Mann Gottes verehren zu lassen. Ein Reverend ist der Chief-Rabbi, ein Reverend ist der zweite Vorbeter, — und der Rdigionsbhrer, Dorf schächter und dritte Synagogendiener sind ebenfalls Reverends. Bei den Engländern ist ,,der Reverend'1 der angesehenste Stand. Er ist religiöser Führer und Wegweiser; bei den Juden ist der Reverend meist Handianger, Schmarotzer und Gcmeindeeunuch. In Whitechapel gibt es einige hundert Reverends aller Güte. Ein Reverend wächst überall^ wo man ihn nicht säet, steckt überall seine Nase hin und mahnt zur Einkehr. . . . Auch das sei zum Ruhme der Whitechapler Juden gesagt, daß sie dem Reverend gegenüber von einer wohltuenden Respektlosigkeit sind. Sie sehen wohl ein, daß dieser sich ,,Reverend" nennende Mensch auch leben muß, und geben ihm, was sie geben können, aber von seiner Heiligkeit lassen sie sich nicht überzeugen. Hingegen bezeugen sich diese Männer Gottes gegenseitig' ihren Respekt. Die Reverends sind in der Regel antizionistisch, der „Community" loyal und Lord Rothschild sehr ergeben. In Whitechapel werden sie im allgemeinen als ein sehr überflüssiges Bevölkern ng s e 1 eme nt angeselien. Von den vielen „freien" Berufen, die in Whitechapel vertreten sind, verdient der hebräische Lehrerberuf rühmlichst erwähnt zu werden. Ein hebräischer Lehrer verdient acht Monate im Jahr 16 20 Shilling die Woche und muß, um überhaupt Beschäftigung zu finden, ein gründlicher Kenner der hebräischen Sprache und Literatur sein, ferner ein Philosoph, Schriftsteller, Volksredner, Hungerkünstler, Parteipolitiker, Vereinssekretär honoris causa und überhaupt eine sympathische, anziehende Persönlichkeit. Da ihn sein Beruf nicht ernähren kann, so ist er in der Regel nebenamtlich noch Chef- oder Hilfsredakteur einer jüdischen Zeitung, Gemüsehändler, Schadehen oder Theaterrezensent. Nach zehnjähriger Arbeit wandert er meist nach Amerika aus . . . Besser haben es die jüdischen Schauspieler. In Whitechapel existieren drei jüdische Theater, die alle vierzehn Tage abwechselnd ihre Zahlungen einstellen. Die Whitechapler Schauspieler, diese glattrasierten Hungerleider, haben aristokratische Allüren und lassen sich nicht mit 20 Shillingen die Woche abspeisen. Wegen der öftern Zahlungseinstellungen der?,Kunstinstitute" empfangen sie ihre hohen (jagen sehr unregelmäßig, aber statt niedrige Gagen nicht zu bekommen, ziehen sie es vor, recht hohe Gagen in der Theorie zu beziehen. Diese schöne Fiktion erhöht ihr Ansehen. Die hohen Gagen der Whitechapler jüdischen Schauspieler erinnern einen unwillkürlich an die Bestrebung der Reformrabbiner, die hebräischen Gebete zu streichen und an ihrer Statt Gebete in der Landessprache einzuführen, als ob es ein großer linterschied wäre, ob man hebräisch oder deutsch n i c h t betet. Die verbreiterte Industrie in Whitechapel ist aber doch noch neben der aufreibenden Schneiderei das Wetten. Ganz Whitechapel ernährt sich zwar durch schwere Arbeit, und soweit es keine Arbeit hat, hungert es stolz und verborgen, aber ganz Whitechapel wettet auch, es wettet auf die besten Pferde und auf den zukünftigen Chief-Rabbi, es wettet auf den Streik und auf Rothschilds Vermögen, Im schwer arbeitenden, gewerbefleißigen Whitechapel erwartet jeder irgendeinen glücklichen Zufall, einen Lotteriegewinn, einen großen Fund oder einen allhelfenden Chief-Rabbi . . . Ein Beweis, wie namenlos groß dein Dalles ist, o mein Whitechapel . . . Schluß des redaktionellen Teiles NEUE BÜCHER LEISNER ELLERBECK. Pogrom. Ein Buch, bestimmt, .,die Nachrichten über die Pogrome zu popularisieren". Ergreifende Illustrationen.— Preis M.3,— br., M.5,— geb. HEINRICH LOlWE. katholisdien Legende. Mit sieben Abbildungen nach mittelalterlichen Originaler,. — Preis M. 2,-- -. Kulturhistorisch und literarisch bemerkenswerte Schritt: würdiges Seitenstürk zu Verfassers Sprachen der Juden (erschienen im Jüdischen Verlag 1911: AI. 2— br., M. 3— geb.). MORITZ GOLDSTEIN. K^'lÄs der Debatte über die Juden in der deutschen Literatur. Zahlreiche Beiträge von Juden und Nichtjuden. Soeben erschienen. 75 Pfg. Auch die beiden vorhergehenden Hefte (Goldsteins Artikel und die ersten Antworten) sind von uns zu beziehen. Alleinvertrieb beim Jüdischen Verlag. Ebendort d. Notenanhang und zahlreiche Musikalien (Jüdische Volkslieder!) naht heran. AVir empfehlen unsere Ansichtskarten mit Neujahrswünschen, Reiche Auswahl. Palästina-, Portrat- und Künstlerkarten. VEREINSLIEDERBUCH. ROSCH HASCHONQH Jüdischer Verlag ^BeHinJM^ ) KONFITÜREN S-i PACKUNG für Pralines, Katzenzungen, Mokkabohnen Ueberau zu haben SCHOKOLADEN M— N —V Milch Nu9s Vanille Die Drei Neuen Edelschokoladen BERLIN Dresden 1911: Kgl. Sächs. Staatapreis