Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1004 DIE 30KE LT: Nr. 3 lerne. Ich muß gestehen, ich war aufs höchste überrascht, auch hier Zionisten zu begegnen. Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, vielleicht der Erste zu sein, der hier sozusagen „Mission4' treiben würde. Dem war nicht so. Schon im Jahre 1910 hatte Herr Direktor Jakob C a I e f, Direktor der jüdischen Gemeinde- und Handelsschule in Cairo, Griechenland bereist und überall Ortsgruppen gegründet. Die ca. 100 Familien zählende Gemeinde Volo liefert jährlich 150 Schekel ab, aus den übrigen in der Nähe gelegenen Städten ----- C h a 1 k i s , Larissa usw. — kommen ca. 130 Schekel hinzu, in dem kleinen Bureau der „Syllogue", von dessen Wänden große Porträts Herzls und Nordaus traulich grüßten, fand ich so ziemlich alles, was an jüdisch-wissenschaftlicher und zionistischer Literatur und Presse in französischer und englischer Sprache vorhanden ist. Herr Fraggi übernimmt es regelmäßig, die neuen zionistischen Nachrichten, die ihm französisch oder englisch übermittelt werden, ins Griechische zu übertragen. Einen überaus eifrigen und einflußreichen Zionisten lernte ich sodann in Herrn Dr. Cofinas kennen. Dieser hat Palästina bereist, und wirkt, wo er nur kann, für die zionistische Sache. Ich mußte ihm viel vom Zionismus in Deutschland erzählen, wie ich ihm manche Informationen über Griechenland verdanke, von denen später die Rede sein wird. Die Gemeinde in Volo zählt ca. 1000 Seelen. Sie besitzt eine Synagoge und eine Schule, an der ein Rabbi schlecht und recht hebräisch unterrichtet. Im übrigen besuchen die jüdischen Kinder die griechischen Schulei Von 1865—1881 besaß die (Alliance hier eine große Schuk sie löste sie auf, als Volo aus türkischem in griechische Besitz überging und damit der Besuch der Staatsschule auch für jüdische Kinder gewährleistet wurde. In gan Griechenland gibt es überhaupt nur ei n e jüdische Schuk in Larissa, wo nach den Konventionsbedingungen m der Türkei der griechische Staat alle damals vorhandene Schulen weiter unterhalten muß. An der betreffende Schule wirken zwei jüdische und zwei griechische Lehre.» Im übrigen kümmert sich der Staat um jüdische Angl legenheiten nicht; nur zahlt er jeder Gemeinde jährlic 1200 Drachmen, ohne aber für deren Verwendung irgenc welche Forderung zu stellen. Meistens wird ein Ch;» cham davon besoldet. Die Juden in Volo sind vorwiegend Kaufleute, 10' sind Hamals (Lastträger) und Arbeiter. In ihren Hände liegt hier, wie in ganz Griechenland, der Tuchhande So war es zu allen Zeiten. Berichtet doch Benjamin vo Tudela, der erste jüdische Reisende, der um 1160—7 Griechenland bereiste, daß die Juden, die er überall, i Patras, Lepanto, Krissa, Korinth, Thebe (2000!), sogar auf dem Parnaß, nur nicht in Athe fand, die geschicktesten Linnenweber und Purpurfarbe Griechenlands waren. — Es war ein schöner Tag, der mir in dieser kleine griechischen Stadt beschieden war, und nur ungern \t abschiedete ich mich von den Herren Fraggi und D Cofinas, als mein Dampfer tutete, zum Zeichen, daß < weitergehen sollte, Athen und der Akropolis entgegen (Von unserem Berichterstatter.) Raubmord in Rischon le Zion In der Nacht des 9. Ab wurde in der Kolonie Rischon le Zion ein gräßlicher Raubmord verübt, der durch die Frechheit der Ausführung auch die Ermordung des Deutschen Fritz Ung er, die vor zwei Jahren eine allgemeine Empörung wachgerufen hat, in den Schatten stellt. Der Wächter David Sacharow wurde in seiner Wachtstube von zwei Arabern, die leise herangeschlichen waren, überfallen, und als er sich wehren wollte, schnitten sie ihm mit einem scharfen Messer den Hals durch. Der Mord wurde erst um 4 Uhr morgens entdeckt. Man fand seine Leiche blutüberströmt, in der einen Hand die Pfeife, mit der er Hilfe herbeirufen wollte, der anderen Hand waren die Finger durchschnitten, da er wohl mit dieser Hand nach dem Messer griff, um es von seinem Halse abzuhalten . . . Als man von diesem Morde in der Kolonie erfuhr, entstand eine allgemeine Bestürzung, denn David Sacharow war wegen seines guten Charakters, seiner Ehrlichkeit und Treue in der ganzen Kolonie hochgeschätzt. Sofort wurde die Regierung sowie die Kolonien Pethach-Thikwah und Rechoboth von dem traurigen Vorfall benachrichtigt. Aus Pethach- Thikwcnh kamen bald 20 Reiter, die die Spuren der Mörder verfolgten, die bis zur Wohnung des arabischen Wächters in Mikweh Israel führten. Er wurde sofort von der Regierung festgenommen, die noch eine Reihe anderer verdächtiger Momente feststellte. David Sacharow besaß ein gutes Gewehr im Werte von 200 Frs., und das scheint die Mörder gereizt zu haben. Bemerkenswert ist, daß der Weingarten, den Sacharow h wachte, mitten zwischen anderen Weingärten liegt, die vo arabischen Wächtern bewacht wurden. Diese Wächter wu: den ebenfalls von der Regierung verhaftet. Sie behaupte: bis jetzt, nichts gesehen oder gehört zu haben. Die Regieruii: scheint sich ernstliche Mühe zu geben, die Missetäter zu Strafe zu ziehen und einmal Ordnung zu schaffen. So i^ der Kaimakam von Jaffa nach dem Dorfe B e t h - D e j e n das die meisten Strolche und Wegelagerer liefert, gegangen wo er die Einwohner verwarnte und ihnen alle Gewehre al nahm. Er erklärte den dortigen Scheichs, daß die Regieruii von nun an mit größter Strenge vorgehen und jedes Ve brechen ahnden wird. In diesem Zusammenhange ist auch daran zu erinnen daß in den Kolonien und Farmen, wo die Vereinigung „H schomer" die Wacht übernommen hat, derartige Verbrechen nach den bisherigen Erfahrungen nicht vorkommen. Wir hätten demnach das selbstverständliche Interesse, diese rühmlich be kannte Vereinigung nach Kräften zu fördern. Leider gibt e^ noch an vielen Orten wunderliche Querköpfe, die von der; lange betretenen Wegen nicht lassen wollen, obwohl dk Zeichen der Zeit eine deutliche Sprache reden. Daß die Bewachung des jüdischen Hab und Guts wegen angeblicher Billigkeit allem möglichen hergelaufenen nichtjüdischen Gesindel anvertraut wird, ist ein Verfahren, über das man sich längst im klaren hätte sein sollen. — David Sacharow wurde noch am 9. Ab beerdigt. Als die Träger der Leiche an der Synagoge vorbeikamen, wurden einige tiefbewegte Trauerreden gehalten. Unter den Leidtragenden