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Die Welt · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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r. 33 -DIE^ELT 1003 Briefe aus Griechenland Von Cheskel Zwi Klötzel. 1. Im Hafen von Saloniki läßt der griechische Dampfer Odypso" zum drittenmal seine Pfeife dröhnen. Da idlich hört der türkische Zollsoidat auf, krause Türkennen an die unmöglichsten Stellen meines Reisepasses , kritzeln und entläßt mich in Onaden. Draußen hat ein getreuer jüdischer Hamal meinen kleinen Koffer eine Barke getragen. Für ganze drei Piaster rudert eich ans Schiff, trägt mein Gepäck an Bord und verschiedet sich von mir, den er schon manchmal beut hat, mit einem freundlichen „Schalom U-Bcchah". Ein schriller Pfiff, und die Ankerwinde beginnt ihre täubende Arbeit, ein paar Augenblicke geht's an den hiffen und Zollgebäuden vorbei, dann schwimmt die Calypso" in der breiten, freien Bucht von Saloniki, td immer breiter wird der Streifen grünblauen Wassers, ■r zwischen uns und der Stadt sich dehnt. Inmitten türkischer, griechischer, spaniolischer und banesischer Reisegesellschaft hat sich eine kleine •utsche Gruppe auf dem griechischen Dampfer zusamengefunden, zwei Lehrerinnen und ein Lizentiat aus ikarest, zwei Lehrer aus Philippopel und meine Wenigit. Wir hatten schnell Bekanntschaft gemacht, und i erfuhr so mit Interesse, daß mein geistlicher Reise- ■nosse ein auch in jüdischen Kreisen nicht Unbekannter r. Herr Lizentiat Bennewitz, Pfarrer der deutschuigelischen Gemeinde in Bukarest, hat vor nicht allzu iger Zeit ein Buch herausgegeben: „Die Sünde im ten Israel", das, wie er selbst mit einigem Stolz er- 'ärte, auch in der jüdischen Presse eine sehr freundiie Aufnahme gefunden hätte. Er hat sich viel mit dem ibräischen beschäftigt, und es machte uns Vergnügen, isere beiderseits recht geringe Sprachgeläufigkeit annander zu messen. Eür einen wirklichen Kenner der bräischen Sprache wäre unser Gespräch sicherlich eine uelle größter Heiterkeit gewesen. Wir waren übrigens hnell bei dem Thema „Juden und Judentum" angengt, und während ich dem Herrn Pfarrer von dem Migen jüdischen Leben in Palästina erzählte, berichtete mir von den unsäglich traurigen jüdischen Verhaltenen in Bukarest. Ich habe nicht ohne Scham hören uissen, wie viele hundert jüdischer Kinder in Bukarest ie — englischen Missionsschulen besuchen, in denen itürlich der christliche Religionsunterricht obligatorischer iaupturiterrichtsgegenstand ist. Erfreulicherweise fand deutsche Pfarrer die gebührenden Worte für das 1 elenfängerische Treibten iseiner christlichen Herren Amts- »liegen; aber nicht weniger scharf und treffend waren seine Worte gegen „die Reichen in Israel", die einen solchen Schandfleck dulden, trotzdem die Stiftung einer guten jüdischen Schule der ganzen Misere ein schnelles Ende bereiten würde. Uebrigens wußten die Herren aus Philippopel Aehnliches von dort zu berichten. Die dortige Schule des Hilfsvereins wird wohl noch nicht stark genug sein können, um mit der vorzüglichen, gut fundierten deutschen Schule konkurrieren zu können. Tieftraurig aber ist, daß auch an dieser Schule, an der es seelenfängerischen Gewissenszwang nicht gibt, doch /ahlreiche jüdische Kinder am christlichen Religionsunterricht freiwillig teilnehmen. Seien wir Optimisten und ■lehmen wir an, daß es nur bodenloser Unverstand ist, der diesen Skandal ermöglicht, obgleich zweifellos auch hier oft der hirnverbrannte Gedanke, „seinen Kindern den Weg öffnen zu wollen", seine Rolle spielen wird. Wie dem auch sei, das jüdische Aufklärungswerk im nationalen wie im religiösen Sinne, findet auf dem gottgepriesenen Balkan noch seine Aufgaben! Das alles erfuhr ich, während der Dampfer unaufhaltsam der Küste des alten Hellas zusteuerte und dem schönen Abend allmählich die sternenklare Nacht folgte. Alle Herren fuhren „standesgemäß" dritter Klasse, und die Aussicht auf das harte Lager auf den blanken Schiffsplanken ließ uns Stunde um Stunde verplaudern, bis die Natur so gebieterisch ihr Recht forderte, daß sie uns gegen die Unbequemlichkeiten des ungewohnten Lagers immun machte. Der frühe Morgen leuchtete uns schon in griechischen Gewässern. Hier ist schon die Welt des klassischen Altertums. Durch diese Wogen hat das gute Schiff der Argonauten seinen Weg zum Lande des goldenen Vließes gefurcht, dort, auf jenem Berge lag Jolkos, des Jason Heimat, und dieses ist die Bucht von Volo, dessen freundliche weiße Häuser vom Strand herüberwinken. Noch eine halbe Stunde, dann schaukeln wir mit gestoppten Maschinen auf der geschützten Reede; von allen Seiten rudern die griechischen Hafenhaie, die Barkenführer heran, um an Ketten und Tauen wie Piraten an Bord zu entern, ehe noch die Anker auf den Grund gerasselt sind. Eine halbe Drachme ist hier der Lohn für den Fergen, und der Freund des klassischen Altertums mag sich freuen, zum erstenmal wortwörtlich seinen ,,Obulus" zu entrichten. (Obulus Dekara 10 Lepta =-- 1!n Drachme.) Dann kommt der erste griechische Kaffee, dazu gänzlich ungewaschene Tassen, die aber ,,auf Wunsch" gereinigt werden. Nach dem Frühstück brechen meine Reisegenossen nach Lechonia auf; ich bleibe in Volo. Mich drängt es, zu erfahren, was es im jungen Hellas an jüdischem Leben gibt. Es ist noch viel zu früh, um Besuche machen zu können, also schlendere ich durch das morgenstille, freundliche und saubere Volo, dem kein Auge anzusehen vermag, daß die Zeit noch gar nicht so lange her ist, wo es ein türkisches Dorf war. Volo scheint den ganzen Tag über in einem Dornröschenschlaf zu liegen. Ich schlendere durch freundliche kleine, menschenleere Gassen und wandle hier zum erstenmal unter Palmen. Da treibt in einem offenen Hausflur ein Weber sein Handwerk an einem Webstuhl, der aussieht, als hätte an einem ganz gleichen Penelope ihr „freierabwehrendes" Gewebe mit ihren Tränen benetzt. Eine Zeit lang sehe ich ihm stumm zu, dann frage ich: „Ibri?" — Er versteht mich nicht. — „Gidin." (Span.) — Er schüttelt mit dem Kopf. — „Bar Israel?" — Da streckt er mir mit freudigem „Schalom" die Hand entgegen. Aber viel ist mit meinem Freunde nicht anzufangen. Verständigen können wir uns nicht, aber er ruft sein Töchterchen, sagt ihm ein paar Worte, es nimmt mich bei der Hand und deutet so an: „Komm' mit."' In wenigen Minuten stehe ich einem jungen Mann gegenüber, in dem ich Herrn Donato Fraggi, den Präsidenten der „Syllogue Sioniste de Volo" kennen

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