Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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908 DIEÄELT: Nr. 33 teste Helden jetzt dieselben Kerkerzellen sich auftun sehen, die sie früher hinter ihren Gegnern geschlossen hatten. Talaat und Dschawid fliehen heute (denn nicht viel anderes als- Flucht ist's) unstät aus der Hauptstadt, wie früher einmal I s m ai'l K e m a l oder Ali K e m a 1 sich geflüchtet haben, und der Belagerungszustand verfolgt sie in Saloniki, wohin sie sich begeben, und wird sie weiter verfolgen, wohin sie sich auch begeben werden. Die Koniiteeklubs sind heute überwacht und werden geschlossen, wie dazumal die der „Liberalen". Das Spiel der Jungtürken scheint gründlich (wir sagen nicht, auf immer!) verloren, das der Liga auf der ganzen Linie gewonnen. Es sieht nicht danach aus, als ob eine neue „Umkehr" schnell möglich wäre. Wenn ein Moment zum Widerstande gegeben war, so ist er scheinbar verpaßt worden; es wird viel Mühe kosten, einen neuen wieder herbeizuführen. Und die Aussichten der Türkei? Sicherlich ist, vom Standpunkte der Selbsterhaltung der Türkei nach außen betrachtet, die jetzige Lage als verhältnismäßig günstig anzusehen. Solange eine Partei übermächtig ist, sind innere Kämpfe und die aus ihnen folgende Selbst- Vernichtung der Armee nicht zu befürchten; so lange existiert doch noch wenigstens ein Kommando und stehen schlagbereit die Heere auf ihren gewohnten Posten als wirksame Warnung gegen die äußeren Feinde. Wie lange aber diese, man muß doch gestehen, ganz abnorme Situation anhalten wird, ist eine andere Frage. Albanien wird auf sie die Antwort geben. Wird die Parlarnentsauflösung dort Ruhe schaffen, die Rebellen zur Heimkehr bewegen, dann gut. Dann steht die Regierung fest, denn sie hat etwas Wirkliches vollbracht, und man wird ihr viel darum verzeihen. Bewirkt aber die Kammerauflösung das nicht, gewinnen in Albanien die Strömungen, die nach Autonomie, nach Unabhängigkeit selbst streben, die große Masse und werden allgewaltig, so steht es schlimm. Es geht einfach Albanien verloren, oder es gibt neuen Krieg zwischen der Türkei und den weißen Bergen, der viel entsetzlicher werden muß, als alle bisher gewesenen, und der unabwendbar die Einmischung Europas herbeiführen wird. Vielleicht auch, daß ein albanesisch-militärisches Rebellionsmonstrum daraus wird, das zu reaktionären Ausgängen hinübertreiben könnte. Nichts ist vorauszusehen. Die augenblickliche Ruhe darf jedenfalls über die großen Gefahren, die der türkische Staat noch läuft, n i cli t h i n w egtä u s ch e n. Werden auch die neuen, bereits ausgeschriebenen Kammerwahlen noch diese Gefahren vermehren? Die Jahreskonvention der Amerikanischen Zionisten Am 30. Juni wurde die fünfzehnte Jahreskonvention der Föderation of American Zionists in dem Gesangvereinsgebäude, welches sich an den Bnei Jeshurun Tempel anschließt, eröffnet. Zum zweiten Male bereits konnte Cleveland die Föderation in seinen Mauern begrüßen, denn vor acht Jahren fand auch die siebente Konvention daselbst statt. Das Komitee hatte alles getan, um dem jüdischen Viertel ein festliches Aussehen zu verleihen, und nicht nur die Häuser und öffentlichen Gebäude waren in den amerikanischen und zionistischen Farben dekoriert, sondern auch die Straßenpfeiler trugen Wilikommensbanner, die mit den beiderlei Farben geschmückt waren. Am Vorabend eröffneten mit Sonnenuntergang Gottesdienste in den verschiedenen Synagogen das Programm der Konvention. Die eigentliche Konventionspredigt hielt Rabbiner Max Heller aus New Orleans in dem Bnei Jeshurun Tempel, und seinen schönen, gefühlvollen Worten lauschte eine zahlreich anwesende Zuhörerschaft. Am Morgen schon hatten verschiedene auswärtige Rabbiner gepredigt, und am Nachmittag fand in der Anshe Emeth Congregation die Graduierung der Cleveland Talmud Torah statt. Die Schulkinder waren anwesend und sangen nationale Lieder, und die neun graduierenden Studenten hielten kurze hebräische Reden. Am Abend versammelten sich die Delegierten zu einem Empfang in dem Gesangvereinsgebäude, wo musikalische Unterhaltungen mit kurzen Ansprachen abwechselten. Am Sonntagmorgen begann die Konvention, die durch Mr. Louis L i p s k y, den Vorsitzenden der Federation, eröffnet wurde. Der Bürgermeister, Dr. H. R. C o o 1 e y , begrüßte die Delegierten und hieß sie im Namen der Stadt willkommen. Er sprach von den Zielen und den Bestrebungen der Zionisten und erzählte im Laufe seiner Ausführungen von zwei Reisen, die er nach Palästina gemacht habe, die eine als Knabe und die andere vor einigen Jahren. Er sprach die Hoffnung aus, daß es der Bewegung gelingen werde, in Palästina einen Mittelpunkt zu gründen, von welchem eine große Literatur und neues Leben ausgehe. Sowohl für die Juden wie für die ganze Welt würde es große Bedeutung haben, wenn von Zion das Streben ausginge, den Materialismus, der unsere Ideale zu verdrängen droht, aus unserem Leben zu vertreiben. Dr. Cooleys Worte wurden mit lebhaftem Dank aufgenommen. Dann sprach Dr. Harry Friede n w a 1 d, der Ehrenpräsident der Federation, über die Ergebnisse seiner kürzlichen Reise nach Palästina. „Ich habe wahrgenommen, daß die Kolonien gedeihen. Hei der Begegnung mit den Kolonisten entdeckte ich bei ihnen einen hochstrebenden Idealismus, verbunden mit der Bereitwilligkeit, Entbehrungen und Ungemach zu ertragen, in dem Bewußtsein, daß sie einen großen Zweck verfolgen, der bestimmt ist, unserem ganzen Volk zu dienen und unseren Namen in der ganzen Welt zu höherem Ansehen zu bringen. Ihre Ansiedelungen sind Gärten, ihre Felder, ihre Wein- und Obstgärten sind Oasen in einem Land, welches durch Unkenntnis und Nachlässigkeit verwüstet war. Ihre Heime, ihre Schulen, ihre Synagogen und ihre Rathäuser sind primitiv, aber in ihrer Einfachheit schön. Und ihre lokale Selbstverwaltung und Schiedsgerichte sind ein Beweis für ihre große Befähigung in administrativer Beziehung, denn diese Institutionen genießen nicht nur das volle Vertrauen der Kolonisten, sondern auch dasjenige ihrer Nachbarn, der Araber. Aber auch außerhalb der Kolonien findet man Beweise von neu pulsierendem Leben, von einem frischen und gesunden jüdischen Leben. In dem Vorort Tel Awiw in Jaffa, einer neuen Gartenstadt mit modernen Villen und breiten Straßen, mit dem schönen Gymnasium in seiner Mitte, findet man ein jüdisches Leben, das sehr verschieden ist von dem Leben jüdischer Gemeinden überall wo anders in der Welt, und zwar durch die Vereinigung von modernem und durchaus jüdischem Wesen. Demselben neuen Geiste begegnet man in vielen Schulen in den Städten, in dem Bezalel in Jerusalem, in dem landwirtschaftlichen Institut bei Haifa usw." „Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Die großen Judengemeinden der Heiligen Städte, außer denjenigen,