Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Landtag und Landesausschuß gegründeten und subventionierten bäuerlichen Genossenschaften; nichts anderes tun jetzt die galizischen Banken, welche den jüdischen Kaufleuten und Kreditgenossenschaften den Kredit plötzlich entzogen haben und auf diese Weise den jüdischen Kaufmannsstand vor einen vollständigen Zusammenbruch stellten. Der „Selbsthilfen-Verein, welcher mit Hilfe der Kapitalien der großen ausländischen jüdisch-philanthropischen Geisellschaften die galizischen Juden in ihrem so schweren Kampfe ums Dasein unterstützen sollte, wäre ein Strich durch die Rechnung der antisemitischen polnischen Machthaber. Inde ira! Nun greifen die polnischen Zeitungen diesen Verein und seine Gründer auf das heftigste an, und die „Selbsthilfe" wird geradezu als ipolenfeindlich, als gegen die Polen gerichtet, dargestellt. Schließlich war diese Stellungnahme der polnischen antisemitischen Presse vorauszusehen und die provokatorischen Angriffe dieser Zeitungen würden doch nicht imstande sein, ein Werk zu zerstören, wonach sich die hartbedrängten galizischen Juden seit vielen Jahren sehr sehnen. Die Herren Assimilanten sind aber bereits erschrocken vor den Angriffen der polnischen Presse ausgekniffen. Abg. Löwenstein läßt schnell in seinem Organe erklären, er gehöre nicht mehr zur „Selbsthilfe", und bedauere es sehr, daß die Zionisten, die in der Leitung der „Selbsthilfe" vertreten sind, diesen Verein ins Leben rufen wollen. Der sozialistische Abg. Diamand, der ja auch ein glühender polnischer Patriot ist, zieht sich auch von der Leitung der „Selbsthilfe" zurück, weil er nicht mit seiner polnischen Gesinnung in der Arbeit um die Hebung der traurigen Lage der galizischen Juden in Konflikt kommen will. Nichtsdestoweniger ist die „Selbsthilfe" eine dringende Notwendigkeit, und die jüdischen philanthropischen Gesellschaften sollten es als ihre erste Pflicht betrachten, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln den Verein ins Leben zu rufen und seine geplante Tätigkeit auf das kräftigste zu unterstützen. Löwenstein und Diamand sind noch lange nicht für das galizische Judentum maßgebend. Die galizischen Juden aber wenden sich immer mehr dem Gedanken der Selbsthilfe zu. Ein tschechischer Politiker über die Judenfrage (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Der bedeutendste Publizist der Realistenpartei, der Partei Masaryks, Dr. Jan Herben, äußerte sich in Prager Blättern zur Frage des Verhältnisses zwischen Juden und Tschechen. Er bezeichnet die Juden als Nation, deren Geschichte und Schicksale viel Gemeinsames mit der Entwicklung des tschechischen Volkes habe. Diese Aehnlichkeit des Schicksals sollte eigentlich seiner Meinung nach gegenseitige Sympathien zur Folge haben. Diese Sympathien, wenn sie gegenseitig und dauernd sein sollen, müssen aber auf gegenseitigem Verständnis der Eigenart des anderen Teiles aufgebaut sein. Aber auch Dr. Herben fehlt es an dem vollkommenen Verständnis für die jüdische Eigenart. Er läßt sich, bloß auf die Kenntnis der äußeren Schicksale hin, zu Analogieschlüssen verleiten, die in der Logik bekanntlich nicht allzu hoch eingeschätzt werden. Er meint, weil die Juden zerstreut sind, könne ihre Wiedergeburt keine neue nationale Renaissance bewirken, da diese auch bei den Tschechen an einem von vornherein geschlossenen Volkskörper vor sich gegangen sei. Man sieht, daß selbst „realistische" Denker, wenn es sich um die Judenfrage handelt, nicht soweit realistisch sein können, die jüdische Art in ihrer Besonderheit, mit allen ihren ausgebildeten Kräften und Stärken zu werten. Mit Analogieschlüssen läßt sich die Judenfrage allerdings nicht erledigen. Zur Auflösung der jungtürkischen Kammer (Von unserem Berichterstatter.) Konstantin opel, 9. August. Der erste Akt der militärischen Gegenrevolution in der Türkei ist zu Ende. Das jungtürkische Parlament, der „Klub oder das Theater von Fundukli", wie es der bekannte Drohbrief der Liga-Offiziere so beißend genannt hat, ist geschlossen. Kein Sträuben hat genützt und kein Protestieren. Die klugen Führer des Komitees befanden sich noch klügeren Routiniers der Staatsmaschine gegenüber; alle Manöver und Kniffe, die ausgedacht wurden, um den Lebensfaden der todgeweihten Kammer zu verlängern, wurden an dem kühlen Wollen und Rechnen der Regierung zuschanden. Das Komitee „Union et Progres", hatte sehr unrecht daran getan, aus Gründen parteitaktischer Selbsterhaltung aus der Verfassung ein Spielzeug und eine Waffe zu machen, indem es anläßlich der Kammerwahlen brutale Macht walten ließ. Es hat damit allen denen, die Macht zu erobern und zu handhaben verstehen, den Weg und die Methode gezeigt, sie zu mißbrauchen. Es hatte, ohne zwingenden Grund, die Kammer, als sie ihm nicht mehr gefiel, nach Hause geschickt und sich mit wahllosen Mitteln eine genehmere, gefügigere, getreuere Versammlung geschaffen, von der es geglaubt hatte, daß sie nun seine Herrschaft auf die Dauer, zum mindesten aber auf vier Parlamentsjahre begründen würde. Was geschieht nun, nachdem -kaum drei armselige Monate ins Land gegangen sind? Andere wenden genau die gleiche Waffe gegen das Komitee und seine Kammer selber. Es wird, genau wie sie es selber lehrten, die Verfassung zum Werkzeuge erniedrigt: sie wird gebogen und geändert, bis sie sich den Machtbedürfnissen anpaßt. Mit großer Meisterschaft kopieren die Männer von heute auch die übrigen 'Regierungsmethoden der Unionisten. Es ist zur Stunde klar, daß die anfängliche Milde und das freiheitliche Gehaben der neuen Regierung nur geschickte taktische Manöver waren, die verworfen werden in dem Momente, da sie sich stark genug fühlt, ihrer zu entraten. Die Aufhebung des Belagerungszustandes und die Befreiung der Presse waren nur Sand in die Augen der Leichtgläubigen gewesen. Belagerungszustand und Knebelung der Presse drücken heute wieder genau so und schlimmer als unter dem jungtürkischen Ministerium. Nur mit dem einzigen Unterschiede, daß damals das Komitee die Machtschraube anzog und die Ententisten als Opposition darunter lagen, während heute die Entente freunde die Oberhand haben und die Unionisten die Knute der Verfolgung zu spüren bekommen. Vor Wenig Wochen noch schloß man eine „oppositionelle" Zeitung nach der anderen. Fast waren keine ententistischen Blätter mehr übrig geblieben. Heute sind nach und nach alle ententistischen Blätter aus ihren kriegsgerichtlichen Gräbern aufgestanden, sie schießen auf wie die Pilze und blähen sich, sie spielen heute Regierung, und mit giftigem Hohne lachen sie nun herab auf die wenigen Reste der unionistischen Presseherrlichkeit, die wohl bald gänzlich die Sprache verlieren werden und deren renommieis