Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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996 DIE3SKLT: Nr. 33 Juden sich mit uns einig finden werden, wird dieser Bund jede Verschleierung, Vertuschung und Verhüllung unmöglich machen. Ein großer Schritt ist getan. In seiner offenen, mannhaften Weise hat Avenarius seinen Sprechplatz für dieses Werk der Reinigung dargeboten. Es wird möglich sein, den Weg der Wahrheit zu gehen. Avenarius schließt seine unvergleichlich taktvollen Ausführungen mit folgenden Worten: „Eine sachliche Erörterung, die das Entnebeln und Entwirren ruhig, besonnen, unfeindschaftlich, womöglich freundschaftlich versuchte, jenes Entnebeln und Entwirren, das seinerseits erst darüber aufklären würde, wie denn hinter den rosigroten oder dunkelgrauen Schleiern die Dinge eigentlich stehen. Dann erst könnten die Fragen: „Was ist weiter zu tun?" und: „Läßt sich ein Dauerfrieden erreichen oder nicht?" einigermaßen unakademisch drankommen. Daß die anderen Deutschen ihren Geistesbesitz immer weiter von einer so kleinen Minderheit verwalten ließen, das mutet ihnen doch wohl audi kein Jude zu. Anderseits aber denken wir Nichtjuden durchaus nicht daran, auf dem Wege zum freien Europäertum, das sich mit gutem Deutschtum sehr wohl verträgt, die jüdische Mitarbeit abzuweisen. Wir wollten uns ihrer so gern, und sie könnte sich unserer freuen. Wir wollen uns auch gegenseitig anregen, nur: wir wollen einander nicht fälschen." Dr. Hugo Herrmann. /?= □□□□□ D^o WELTCHRONIK □ □□□□□ II —& Ein Protest des New Yorker Judentums (Von unserem Berichterstatter.) New York. In einer unter dem Vorsitz von Dr. J. L. Magnes in Nr. 356 zweite Ave. abgehaltenen Sitzung des Exekutiv- Komitees des New Yorker Judentums wurden die folgenden Beschlüsse einstimmig angenommen: „Da kürzlich gewisse Skandale ans Licht gekommen sind, in welche Individuen verwickelt sind, die Juden sein sollen, und da diese Skandale einen entsetzlichen Grad von moralischem und politischem Niedergange in dieser Stadt enthüllt haben, so wird beschlossen, daß wir, als Bürger der Stadt und als Juden, mit tiefster Entrüstung die Profanierung des jüdischen Namens betrachten, die durch diese Ereignisse veranlaßt worden ist, und dadurch, daß Juden in Praktiken und Laster verwickelt sind, die bis vor wenigen Jahren unter unseren Leuten absolut unbekannt waren; es wird ferner beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Schritte ergreife, um ein Vigilanz-Komitee zu bilden, welches sich bemühen soll, das Gewissen der Bürgerschaft aufzurütteln, so daß es zur Erkenntnis der moralischen und politischen Korruption kommt, für die der Fall Rosenthal nur ein Symptom ist; es wird ferner beschlossen, daß die jüdische Gemeinde mit allen Kräften aufrichtige öffentliche und private Bemühungen, die Verzweigungen des zur Untersuchung stehenden Lasters aufzudecken, unterstütze; es wird endlich beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Schritte ergreife, ein Bureau für Information und Untersuchung ins Leben zu rufen, in dessen Räumen, Nr. 356 zweite Ave., Mitteilungen über korrupte Zustände entgegengenommen werden/4 Dieser Protest und die Beschlüsse sind ein ernstes Dokument. Sie zeigen die schwere Sorge, die die Führer des amerikanischen Judentums angesichts der Zustände in New York erfüllt. Es ist nur zu sehr begreiflich, daß die Zusammenpferchung so großer jüdischer Massen in New York bedenkliche Erscheinungen hervorgerufen hat. Der Antisemitismus scheint in ständigem Wachsen begriffen zu sein, und so sehen sich die führenden Kreise der New Yorker Juden genötigt, die aus Anlaß der Mordaffäre Rosenthal gegen die gesamte Judenheit geschleuderten Angriffe abzuwehren, gleichzeitig aber auch über Abhilfsmaßregeln nachzudenken. Galizischer Antisemitismus (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Der Einfluß der „Schwarzen Hunderte" in unserem Nachbarreiche und der Wiener Christlichsozialen macht sich bei uns immer mehr bemerkbar. In zwei stark verbreiteten polnischen Volkszeitungen, in der „Gazeta ojezysta" und „Gazeta ludowaa, sind letztens judenfeindliche Artikel erschienen, wie sie gehässiger nicht sein könnten. In beiden Zeitungen, die für die polnischen Bauern in Westgalizien bestimmt sind, werden die Juden als Volksaussauger, Betrüger und Schwindler dargestellt, bei welchen die armen Bauern als Sklaven zum Frondienst verkauft sind. Das ganze Land steht — laut Behauptung dieser Blätter — unter der Herrschaft der Juden, und diesem Zustande muß ein Ende gemacht werden. In demselben Sinne schreibt auch das offizielle Organ des galizischen Landesausschusses, welches vom Abg. Stefczyk, einem einflußreichen polnischen Politiker, redigiert wird. Auch in diesem offiziellen Organe, das für die bäuerlichen Raiffeisenkassen bestimmt ist, wird auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen, sich von der jüdischen „Herrschaft" zu befreien. Das meist gelesene galizische Blatt, „SIowo polskie", cias Organ der Allpolen, läßt keinen Tag vergehen, ohne die Juden anzugreifen und gegen sie die polnische Bevölkerung aufzureizen. Bedenkt man, daß „Slowo polskie" hierzulande die führende Zeitung ist und auf die materielle Unterstützung der jüdischen Leser angewiesen ist, wird man leicht eine Vorstellung davon haben, in welch gehässiger judenfeindlicher Weise die anderen ausgesprochen antisemitischen Zeitungen die Juden fortwährend beschimpfen und bekämpfen. Selbsthilfe Der Verein „Selbsthilfe" wurde auf Anregung der Ica von den leitenden galizischen Persönlichkeiten aller jüdischen Parteien zu dem Zwecke gegründet, die materielle und kulturelle Lage der galizischen Juden nach Möglichkeit zu heben. Dieser Zweck ist den polnischen Machthabern ein Dorn im Auge. Ist doch ihr ganzes Streben darauf gerichtet, die galizischen Juden materiell zugrunde zu richten, sie zu verelenden und so vom Lande zu vertreiben. Nichts anderes bezweckte der jetzige galizische Statthalter, als er 10 000 jüdische Schänker brotlos machte; nichts anderes wollen die vom galizischen