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Die Welt · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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gehalten werden, sonst kommt heraus, was in Japan herauskommt, wenn man nicht bloß all das Europäische in die Zivilisation herüberholt, sondern auch die Kultur, die Kunst europäisieren will. Wie kann der eine fremden Stammes und fremder Geschichte für die hundert anderen zum Pfleger ihrer Eigenwerte berufen sein?" Die durch Juden geübte Kulturpflege „gibt sich durchaus, als wäre sie die a 11 g e m e i n e deutsche aller fortschrittlich Gesinnten. "Wir dagegen finden einen großen Teil ihrer Urteile, ihrer Bestrebungen uns rremd, wir finden sie sehr oft wurzellocker, nouveautesüchtig, ohne Sinn für Werte, die uns wesentlicher §ind als die Lieblingswerte dieser anderen Kultlirverwalter — und sehen nun doch s i e auf unsere Kunst, auf unser Volk an tausend Enden wirken. Und dabei sind wir davon überzeugt, daß nicht etwa bessere künstlerische oder wissenschaftliche Befähigungen den Juden diese Vormachtstellung verschafft haben. Sondern sehr großen Teils die Einrichtungen des Kapitalismus, sowie Reichtum, Betriebsamkeit, gegenseitige Förderung, und andere, größtenteils durchaus achtbare, aber doch für diese eigentliche Kulturarbeit „außersachliche" Eigenschaften. Sollen wir etwa damit zufrieden sein?" Avenarius sieht in dem gesellschaftlichen Antisemitismus einen verschleierten Akt nationaler Notwehr. Aber dieser ist und bleibt häßlich und falsch, schon weil die Taufe an jüdischem Wesen nicht nur nichts ändert, sondern, vorteilshalber genommen, eine ungünstige Auslese besorgt, eine „Prämiierung der Charakterlosigkeit", jedenfalls der Schwäche. Das Resultat ist ein System der Verschleierung, eine grauenerregende Pflege von Würdetosigkeit auf beiden Seiten. Die Aufgabe nun sieht Avenarius nicht dort, wo die Antisemiten. Sondern er formuliert sein Endziel so: die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen. Im Judentum selbst bilden sich zwei Hauptgruppen, Nationalisten und Assimilanten. Ratschläge nach der einen oder der anderen Seite zu äußern, wäre für uns Nichtjuden, meint Avenarius — dessen persönliche Stellung von einer hinreißenden Feinheit und Delikatesse ist - ebenso anmaßend wie zwecklos. Schon deshalb zwecklos, weil es ja gar nicht Frage des Willens ist, ob einer sein Volkstum ablegen kann. Den Wert eines rassigen, seiner selbst bewußten Judentums gering zu schätzen, scheint Avenarius nach all den Werten, die es gebildet hat, eine nahezu erstaunliche Dummheit. „Wir achten den Zionismus durchaus, sind aber fern davon, den Juden, die ihr Volkstum pflegen wollen, deshalb ihr Wohnrecht in Deutschland oder ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volke im politischen Begriff abzustreiten. Die Bereicherungen der Gesamtkultur durch jüdisches Wesen können nur um so besser wirken, je rassiger, je „urtümlicher" sie sind. Und gerade die Juden, die selbst ihre Volksverschiedenheit von den Nichtjuden energisch betonen, werden um so mehr begreifen, daß wir keine Verschleierung, daß wir im Gegenteil einen betonenden Ausdruck dieser Rasseverschiedenheit auch bei all (enen jüdischen Betätigungen wünschen, bei denen völkische Imponderabilien sind. ... Es ist ja so häufig gerade das Gemischte, Halbe, das Nichtgewagte, das Versteckte, das „Deutschelnde", was uns im jüdischen Schrifttum abstößt. . . . Die aus den Tiefen des Judentums erwachsene und allein ans Judentum sich wendende neue Semitenkultur, deren Anfänge ja da sind, wird auch uns mit der Zeit willkommene Werte offenbaren. . . . Ihre Produktion dürfte viel wertvoller werden, als das meiste der gegenwärtigen pseudogermanischen, die ja gar nicht aus tiefen Wurzeln treibt. . . . Der Gedanke, man wolle unser Volk jüdisch „verwalten", fiele bei solcher Literatur made in Israel ganz weg, und so würde sie von vielen auch unbefangener gewürdigt." Diejenigen Juden aber, die ihr Volkstum auflösen wollen, können auf weniger allgemeine Sympathie rechnen. Man sieht vielfach die Notwendigkeit nicht ein; man glaubt auch in sehr weiten Kreisen nicht an die Möglichkeit. „Wie dem sei: es kann doch wohl dem Juden und dem Halbjuden nicht vorgeschrieben werden, zu welchem Volke sein Wille geht. Geht er zu uns, so ist's doch wohl seine Sache, zu versuchen, wie weit er's im Sichanpassen und Sicheinfügen bringt. Nur wolle der Jude seinerseits unsere Meinung darüber, was man als das Stärkere in ihm empfindet, ob das Deutsche oder das Jüdische, uns Nichtjuden überlassen. Sonst erscheint er aufdringlich. Wer sich Samuel Lublinski oder Jakob Löwenberg oder Abraham Kohn nennt, ist uns Denkenden nun einmal sympathischer, als wer seinen Namen „mausert". Vorläufig wenigstens vielleicht fühlt eine Zukunft anders, die unter Verschleierungen weniger zu leiden hat." „Verschleierungen - wir mögen an die Judenfrage herankommen, von welcher Seite wir wollen, was wir immer wieder als die unerläßliche Vorbedingung einer irgendwie dauerhaften Verständigung mit dem Judentum treffen, das ist die Herstellung klarer Zustände. Der Kampf gegen das Verschleiern auf beiden Seiten ist •es, zu dem sich nach unserer Meinung die Weitsichtigen unter den Führern hüben und drüben zu allererst vereinigen sollten. Vorläufig fehlt sogar die Vorbedingung für diese Vorbedingung: die Möglichkeit, offen, sachlich und ruhig an weit hörbarer Stelle auch mit dem Gegner zu sprechen. Sie fehlt so gänzlich, daß wir glauben: praktisch wichtiger als alle Theorie ist zunächst das energische Oeffnen solcher Sprechplätze." Niemand hat bitterer die Abwesenheit dieser Vorbedingung, dieser Möglichkeit offener Aussprache beklagt als wir Zionisten. Ich möchte Avenarius geradezu sagen: was er fordert, die Oeffnung der Sprechplätze, ist nicht bloß die Vorbedingung: ist schon die Erfüllung. Denn was anders hindert uns am offenen Wort als das System der Verschleierung, der Würdelosigkeit, das uns bedrückt? Und Schuld daran haben die Verwalter der öffentlichen Sprechplätze, hat jener Teil der Juden vor allem, die das Urteil darüber, ob sie mehr Juden oder mehr Deutsche sind, niemand anderem überlassen wollen, die nicht Abraham Kohn heißen wollen, sondern „Einer unserer Redakteure", „Ein geschätzter Mitarbeiter". Es ist klar, daß jene Juden, die das Gemischte, Halbe, das Nichtgewagte, das Versteckte, das Deutschelnde von Berufs wegen täglich produzieren, an der von allen Ehrlichdenkenden ersehnten offenen Aussprache kein Interesse haben. Und da sie, leider Gottes, fast alle „Sprechplätze" in ihren Händen haben, so machen sie die Aussprache bisher unmöglich. Aber die Wahrheit läßt sich nicht unmöglich machen; wenn alle rein denkenden Deutschten sich mit Avenarius, wenn alle rein denkenden

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