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Die Welt · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Kein einziges vertritt den Standpunkt der „großen liberalen Presse" — deren jüdische Redakteure die ganze „Kunstwart"-Debatte unterschlagen, weil es nach ihrer Ansicht keine Judenfrage geben darf. Neben den Ausführungen eines Antisemiten, der allerlei Schauergeschichten über jüdische Geheimorganisationen erzählt, und denen eines etwas unklaren Vertreters der Assimilation, der von den Juden verlangt, sie sollten sich dessen besser bewußt werden, was eigentlich bei Deutschen als deutsch empfunden wird, finden wir mehrfach die Meinung ausgesprochen, die Juden sollten sich auf sich selbst besinnen, ihr Judentum stolz betonen, sich ehrlich zu ihm bekennen. Von der zionistischen Bewegung sprechen diese christlichen Urteile mit Achtung und Sympathie. Scharfe Worte aber finden sie für die Ableugnungstheorien der Assimilationsjuden, mit denen keine offene Aussprache und daher auch keine Verständigung möglich ist. Avenarius, der Herausgeber des „Kunstwart", formuliert seine Wünsche und Meinungen in einem Aufsatz, dessen maßvolles und kluges Urteil besondere Beachtung verdient*), Diese „Kunstwart"-Debatte, die in der nicht von Juden geleiteten Tagespresse lebhaftes Interesse findet, bietet uns Zionisten sachlich nichts Neues, ist aber ein wertvolles Dokument zur jüdischen Geschichte der Gegenwart. Unsere Auffassung von dem Wesen der Judenfrage, unsere *) Vgl. den folgenden Artikel von Dr. Hugo Herrmann. Theorien über den voraussichtlichen Verlauf der jüdischen Entwicklung finden sich hier sozusagen an einem praktischen Beispiel bestätigt. Ein Zionist sagt seine Meinung, Juden und Christen antworten — und siehe da: Die Linien des historischen Geschehens, wie wrir es vorausgesagt haben, treten in diesen Antworten deutlich hervor. Doch wir freuen uns nicht nur, daß wir Recht haben — wir haben auch ein Recht uns zu freuen. Wir freuen uns über die Beiträge von Zionisten, die unsere Sache wirksam verfochten haben, und wir freuen uns über die verständnisvolle Achtung, mit der deutsche Christen uns begegnen. Wer diese Debatte verfolgt hat, muß einsehen, daß das Heil der deutschen Juden nicht in schmählichem Verbergen, sondern in offenem Bekennen liegt. Der Antisemitismus wird nicht über Nacht verschwinden. Aber ehrliche Aussprache, deutliche Formulierung unseres nationalen Wollens ist die beste, die einzige Methode, den Gegensätzen ihren Stachel zu nehmen, den wilden Haß zu bannen. Unsere Sache muß von viel Wohlwollen umgeben sein, um zu gelingen — so hat Herzl uns gelehrt. Wir sehen, daß dieses Wohlwollen zu erlangen ist. Die geistigen Führer eines großen Kulturvolkes müssen dem heroischen Willen der jüdischen Nation Achtung zollen, die sich durch eigene Kraft ein menschenwürdiges Dasein, ein Leben in geistiger Freiheit zu erringen strebt R. L. Offene Aussprache Im zweiten Augustheft des ,,K unstwar t" gibt nun der Herausgeber sein Wort zu der Diskussion, die sich an jenen Aufsatz „Deutsch-Jüdischer Parnaß" von Moritz G o 1 d s t e i n knüpfte, für dessen Veröffentlichung der ,,Kunstwart" unseren Dank verdient. Ferdinand Avenarius ist eine so ausgeprägte Persönlichkeit, ist als einer der Führer im geistigen Deutschland so fraglos anerkannt, daß das, was er sagt, von vornherein Aussicht hat, gehört zu werden. Und wir unsererseits dürfen wohl annehmen, daß seine Stellung die eines großen Teiles der aufrichtigen, ehrlichen Deutschen ist, die hier einmal — endlich! - einen klaren Ausdruck findet. Er selbst bezeichnet seine Bemühungen als das Streben, eine offene Aussprache herbeizuführen: nun, wir haben uns nach' der offenen Aussprache gesehnt, haben »sie •erwünscht, erbeten, gefordert, und nun ist der Anfang da. Er, Avenarius, denkt daran, eine Verständigung zunächst zwischen den Führern vorzubereiten; die Juden, die bisher im „Kunstwart" zur Sprache kamen, sind mehr oder weniger keine Führer, aber Avenarius ist einer, und das nützt schon viel. Ich will ihm vor allem andern für den guten Willen danken und für den Mut — denn es gehört einer dazu! Goldsteins Aufsatz gipfelt in dem Satze: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht." Er selbst nennt es ungeheuerlich, aber eine Tatsache, daß der jüdische Einfluß im deutschen Geistesleben nicht nur in Theater und Konzert, sondern in Kunst und Wissenschaft überhaupt, durch die „Stimme der öffentlichen Meinung", die Presse, im gesamten deutschen Kulturleben geradezu der herrschende ist. Und Avenarius kann nicht umhin, dieser Behauptung recht zu geben. Wenn aber die Juden meinen, wir Deutschen s fährt Avenarius fort — hätten keinen Grund, mit der As der Ausübung ihrer Kulturverwaltung unzufrieden z sein, so müssen wir widersprechen. Zwar: „In Handr und Industrie, bei der wissenschaftlichen Tatsachenvei mittlung und praktischen Tatsachenbenützung (z. B. durc Arzt, Chemiker, Ingenieur) sowie auf weiten Felder des praktischen Lebens können sie und wir niel nur neben-, sondern auch miteinander in Frieden un Nutzen arbeiten und einander helfen." Aber die Gebiet» wo Unwägbarkeiten der Phantasie und des Gefühls mi wirken, die sich je nach der Volksart nicht nur verschiedt färben, sondern gestalten, werden von jenen unterschät/ die hier fundamentale Unterschiede im Wesen der beid*. Völker überhaupt bestreiten. Die Verschiedenheiten z< gen sich in allen Künsten und in aller Kritik der Jud\ i für feinfühlige Nichtjuden als Fremdheiten. „Ist es uns a dem zu verdenken", fragt Avenarius, „wenn wir hier v; der „Verwaltung" unseres „geistigen Besitzes" diu jüdischen Geist ein Eindringen fremden und also Ii unsere Kulturpflege unechten Volksfühlens befürch ten? Wir tun das manchmal sogar da, wo die betreffender jüdischen Verwalter der besten Absicht und des bester Glaubens sein mögen, gerade dem nationalen Fühlen ihres Wirtsvolkes zu dienen. Denn es wird nicht allzu häufig sein, daß sie das können. Beruht doch der außerordentliche Wert des Judentums in der Kultur gerad auf ihrem Anregen durch Fremdes, auf ihrem Wirken al „Sauerteig". Gott bewahre uns davor, auf den Kultin- Sauerteig verzichten zu wollen. Aber mehr Sauertei; als Brotteig, das geht nicht. Nicht nur neben, sonden vor dem Fremden muß das uns Heimische, das uns Volksmäßige, das in u n s e r n Tiefen Ursprüngliche stark

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