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Die Welt · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. Berlin, 16. August 1912 umki!? rann 'x hhx o Nr. 33. EIN DOKUMENT Seit einiger Zeit wird in der deutschen Halbmonatsohrift „Kunstwart" eine Judendebatte geführt. Ihren Uisgangspunkt bildete ein Artikel von Moritz Goldtein, betitelt „Deutsch-Jüdischer Parnaß", der das iilturproblem der westeuropäischen Juden aufrollte und dem Satze gipfelte: „Wir Juden verwalten den geistigen esitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die ihigkeit dazu abspricht." Der Aufsatz schildert den Einriß der Juden in der Kunst, Literatur und Presse, den antimitischen Haß, der sich hiergegen richtet, und postuliert;ne Trennung der Kulturkreise von Juden und Nichtiden. Da diese Trennung, so wünschenswert sie wäre, üicht leicht durchzuführen, der gegenwärtige Zustand edoch unerträglich ist, so soll im Interesse einer ehrlichen Ausspräche wenigstens das Problem gezeigt und offen iskutiert werden. An diese Ausführungen knüpfte sich eine Diskussion, der sechs Juden und fünf Christen, darunter der Hersgeber des „Kunstwart", zu Wort kommen. Also ederum eine „Enquete" über die „Zukunft der Juden" aber erfreulich unterschieden von jenen Rundfragen, i denen die Ungeschicklichkeit der Fragesteller mit der nvissenheit der Befragten wetteifert. Hier spricht — einem deutschen Organ, das deutsches Wesen in unst und Literatur bewußt zu pflegen strebt — ein natio- ' 1 empfindender Jude seine Meinung aus, und ihm antorten jüdische und christliche Leser, die das aufgerollte roblem als ihr eigenes empfinden. Gedanken von besonderer Originalität konnte diese Debatte naturgemäß nicht bringen, aber daß sie geführt urde und wie sie geführt wurde, ist unserer Pachtung wert. Der Herausgeber teilt mit, daß r von jüdischer Seite mehr als achtzig Zuchriften erhalten habe und daß es bei der Auswahl ler zu veröffentlichenden Beiträge sein Bestreben gewesen sei, alle Meinungen zur Geltung kommen zu assen und keinen wesentlichen Gesichtspunkt zu unterer ücken. Nun denn: Von den sechs veröffentlichten Zuschriften >on jüdischer Seite vertritt keine einzige den Standpunkt, der heute in allen jüdischen Gemeinden als offizielle Ansicht der sogenannten „maßgebenden" jüdischen Kreise >ekannt ist: Den Standpunkt des „Religionsjudentums", der das nationale Element im Judentum leugnet, das Vorhandensein nationaler und kultureller Gegensätze zwischen den Juden und ihren Wirtsvölkern abstreitet und sich mit dem Begriff des „Staatsbürgers jüdischer Konfession" aus der Affäre zu ziehen sucht. Es ist nicht schwer, diese Tatsache zu deuten. Der „Kunstwart" ist 'ein durchaus modernes, von lebhaftem Kulturstreben erfülltes Organ. Eine dunkle Ahnung mag unseren Gemeindegrößen und ihren „Predigern" gesagt haben, daß sie sich auf einer solchen Tribüne, die dem kritischen Auge gebildeter Christen ausgesetzt ist, mit ihrer deutsch-nationalen „Religionsgemeinschaft" nur lächerlich gemacht hätten. Denn der gebildete deutsche Christ empfindet die Zwiespältigkeit im Leben des modernen Juden, er weiß, daß die Judenfrage eine nationale Frage ist. So blieb denn das offizielle Judentum in dieser Debatte unvertreten und die von jüdischer Seite stammenden Zuschriften repräsentieren mit größter Deutlichkeit jene beiden Richtungen, die nach zionistischer Auffassung die Zukunft unseres Volkes entscheiden werden: Nationaljudentum und Assimilationsjudentum. Die Vertreter des Assimilationsgedankens suchen Goldsteins Ausführungen abzuschwächen, sie trösten sich mit der natürlichen Entwicklung, die alle etwa noch vorhandenen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden beseitigen werde. Der eine empfiehlt die Taufe, die nur als rein äußerlicher Akt zu bewerten sei, und erklärt gleichzeitig in einer Fußnote, daß seine eigene Stellung zur Taufe dadurch „nicht berührt" werde. Ein anderer redet einiges von jüdischer Treue und sieht in der Assimilation die Lösung. Natürlich fehlt nicht jenes ethisch-ästhetische Gewäsche, mit dem sich der degenerierende nationale Wille zu umkleiden pflegt: „Es kommt nicht darauf an, daß Juden sind, sondern daß hohe Menschen sind" — sagt ein Herr Paul Cohn. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter des nationalen Zukunftsgedankens, die Verfechter des Zionismus, dessen Leitgedanken, soweit sie das behandelte Problem berühren, würdig dargestellt werden. Und nun die Urteile von christlicher Seite! Kein einziges bestreitet das Vorhandensein des national-kulturellen Konflikts!

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