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Die Welt · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
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96ü — =D1E] Am Sabbatnachmittag sammelte nämlich der Rabbi seine Schüler; wir lasen dann im Winter „Borchi Nafschi", im Sommer die Sprüche der Väter. An den Wintersabbaten versammelte uns der Rabbi nicht in sein Haus, sondern in das alte Beth-Hamidrasch, das sich nebst allem anderen auch dadurch vor den übrigen Gebetshäusern auszeichnete, daß sein Schammes unverheiratet war und deshalb nichts von dem „Holze des Heiligtums" für sich behielt. Darum war es dort wärmer als in allen anderen Gebetsstätten. Den besonderen Zauber, der unseren Rabbi aus seinem Hause ins Beth-Hamidrasch lockte, bildete das Sopha neben dem Ofen. Aber nicht immer wurden wir dieses erlesenen Platzes gewürdigt: meist kam uns der Schammes zuvor, der sich über das Sopha hinstreckte wie ein Herr über sein Besitztum und den Sabbatschlaf hielt. Die Aelteren unter uns behaupteten, an der Art seines Schnarchens zu erkennen, ob er bei einem Reichen oder bei einem Armen mittags zu Gaste gewesen. Im ersten Falle war das Schnarchen grob, ungeschlacht und den ganzen Raum erfüllend, im anderen Falle fein und leise wie ein Seufzer, als wollt' er dir etwas aus dem Leben der Armen erzählen. Bisweilen aber kam das Sopha in unsere Gewalt. Dann saß der Rabbi mit uns in einer Reihe. Denn unser Rabbi liebte den warmen Ofen sehr, an dem du, so oft du ihn berührst, neues Behagen und einen neuen Zauber empfindest. Und wir lesen: „Preise meine Seele — er breitet das Licht wie ein Kleid — es steigen die Berge, es sinken die Täler — er sendet Quellen in die Bäche über ihnen wohnen die Vögel des Himmels, zwischen dem Gezweige zwitschern sie — die Zedern des Libanon, die er gepflanzt — darin nisten die Vöglein." Draußen aber heult grausam der Wind; die Lichtdecke oben ist voll von Trübe und Flecken — die Fenster mit Reif und Eis bedeckt; darauf sind wohl Bäume und kleine Zedern gezeichnet, aber Himmelsvögel wohnen nicht darin — hie und da blitzt die Sonne augenblicks_ durch die Fenster, als bäte sie selbst um Einlaß ins warme Beth-Hamidrasch. Der Ofen strahlt Wärme aus und gießt eine wohlige Schläfrigkeit über uns. Die Knaben gähnen, der Rabbi läßt immer wieder das Gesicht niedersinken und ruft wie aus dem Schlafe: „Sagt! Sagt! Einer nach dem andern!" Ich schwebe zwischen Wachen und Schlaf. Ich sehe mich zwischen hohen Bergen — darauf gewaltige Zedern, die mir mit ihren Häuptern zuwinken — und zwitschernde Vöglein, die zwischen den Blättern spielen. Zwischen den Bergen springt ein silberheller Bach hervor, der übermütig auf der grünen Ebene nach rechts und links sich schlängelt — an seinem Ufer springe.n allerhand Tiere, kleine und große — und ich mit ihnen — reite auf einem großen Tier, ziehe ein anderes am Ohr oder am Schweif — und nichts geschieht mir. Können sie mir etwas Schlimmes tun, wenn der große, erhabene Gott über ihnen ist, „die Hand öffnet und allen Wohlgefallen bringt?" Und der Himmel — wie rein! Das ist kein Himmel, sondern ein Kleid, ein Kleid aus Licht. Und der Boden unten kein Boden, sondern ein grüner Teppich! Und die Wolken im Himmel geflügelte Pferde, an einen Wagen geschirrt und in den Lüften schwimmend. Die Stimme des Rabbi weckt mich aus dem Schlummer. Wie ich erwache, höre ich die Stimme eines der Knaben: „Er läßt Gras für die Tiere wachsen", und ich blicke zu den Fenstern und sehe nur Reif und Eis. jgELT —= Nr. 32 „Ach!" seufze ich, in Sehnsucht nach grünen Feldern, nach Himmelsvögeln, nach reiner Bläue, nach Silberbächen, „ach, wann nimmt dieser Winter ein Ende?" Endlich ist der Winter vergangen, die liebliche Frühlingssonne gekommen. Die freien Schwalben kehren zu ihren Nestern zurück — und wir, die kleinen Gottesdiener, ins „Cheder". Und jeden Sabbatnachmittag versammelt uns der Rabbi in sein Haus, um „Perek" zu lesen. Das Haus des Rabbi gleicht dann wirklich nicht einem „Cheder". Die Wände getüncht, der Boden gescheuert, über den langen Tisch eine Decke gebreitet; alles sauber, blank. Ein Duft von Zwiebeln, „Kugel" und allerlei Sabbatspeisen voll behaglicher Wärme ergießt eine Art Trägheit über uns. Auch der Rabbi ist heute nicht ganz „Rabbi": die Stirne glänzt, die Wangen leuchten, die Augen sind wie ausgetrocknet — er scheint sogar zu lächeln. Nein, dieses Haus ist heute kein „Cheder" — aber „Feld und Wald" ist es auch nicht. „Betrachte drei Dinge", so liest uns der Rabbi vor, und wir sprechen ihm nach, „und du gerätst nicht in die Gewalt der Sünde: Wisse, was über dir ist . . ." Und ich weiß, daß über mir ein hoher Himmel ist, eine gerechte Sonne, fröhliche Sterne, ein reiner Mond. . . Und unten! Ach, dort im Tale, wie lieblich! Wie angenehm auf dem Rücken zu liegen neben dem Bache — zu blicken in den Himmel unten, tief im Bache . . . Doch der „Perek" sagt es anders. Oben ist „ein sehendes Auge, ein hörendes Ohr, und alle deine Taten werden in ein Buch geschrieben". Aber habe ich denn etwas Unrechtes getan? Oder was möchte ich tun? Fürwahr bloß neben dem Bache auf dem Rücken liegen . . . Der Rabbi beendet den „Perek" und läßt uns frei. Und ich verberge mich vor meinem Vater und laufe verstohlen in das Tal. Ich fühle unter den Füßen zartes Grün — und beginne zu springen und zu tanzen wie ein Böckchen, ohne mich auch nur im geringsten vor mir selbst zu schämen, vor mir — einem dreizehnjährigen Jüngling, einem „Kopf, der schon Tephillinschmuck trägt", den man zum Minjan zählt wie einen Mann, wie ein vollberechtigtes Glied seines Volkes. Am Rande des Baches werfe ich mich nieder und blicke hinein. Die Frösche unterbrechen ihr Gespräch, heben die Köpfe hoch und blicken mich an. Wie es scheint, erkennen sie, daß ich Geheimnisse wahren kann und sie vor mir sprechen können, was sie gelüstet. — So schwätzen und quaken sie denn untereinander — der Bach hört es und staunt und faltet ergriffen sein Antlitz. „Kur — Kur" —, aber ich verstehe nicht im geringsten, was sie erzählen. Alles hätte ich damals hingegeben, lehrte mich jemand ihr Gespräch verstehen. Doch stille! Jenseits des Baches, mitten im Walde, den er begrenzt, schmettert ein Vogel eine „Tekiah" *) gen Himmel. Ein anderer antwortet mit Schewarim *) und „Teruah*) ... Einer fragt, der andere antwortet — alles schweigt — alles hört und lauscht — und einen Augenblick nachher geraten die Zweige der Bäume in Bewegung . . die Heuschrecken führen Tänze auf und die Wellen des Baches beginnen zu lachen — und auch ich will lachen, springen, singen — doch ich scheue mich, den Mund zu öffnen — hier zwischen diesen Sängern. *) Die verschiedenen Töne des Schofarblasens am Neujahrsfeste.

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