Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 32 DIE^ „Auf steigt die Sonne und senkt sich, was welken muß, welkt, dann zieht der Winter vorüber, es kommt wieder der Frühling, ein neues Blühen — Eitelkeit der Eitelkeiten!" Gadiel belud seinen Wagen und ließ mich zwischen den Bündeln sitzen, die dem ganzen Weg ein geheimnisvolles Bewegen und Flüstern hören ließein. Es schien mir als flüsterten sie mir ins Ohr: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel." An jenen Festtagen wurde es meinem Vater nicht schwer, mich zum Gebete in der „Klaus" zu halten. Verhaßt war mir die Welt draußen geworden, ich mochte nicht mehr den schmutziggrauen Himmel und den modrigen Erboden, worüber Gadiel, der fromme Greis, zu Gericht gesessen war und das Urteil gesprochen hatte: „Alles ist eitel!" Und am Sabbat Bereschith, der in jenem Jahre unmittelbar auf die Festtage folgte, blieb der Vater nach der Mahlzeit zu Hause sitzen und gesellte sich nicht zu jenen Gruppen, welche ein „Nachfest" feierten — wegen des heftigen Regens. Die Sukkoh stand verwaist, ein wenig schon verbogen, und blickte durch das Fenster zu mir her. Die Zipfel des Laubes troffen von Tränen. Diese Arme weiß, daß sie morgen abgebrochen werden «oder — was noch schlimmer — auf eine Stufe mit dem Stallgerät herabsinken wird. Wenn du es genau nimmst — bedarf denn diese Sukkoh noch eines förmlichen Abbruchs? Wenn ihre Zeit gekommen ist, gelten ohnedies die halachischen Bestimmungen für sie nicht mehr; ist doch die „Türe" selbst nur noch ein Durchbruch, und das Stückchen Wand nichts als ein paar am Boden befestigte Bretterstücke, und ihre Breschen sind mehr als .vas noch von ihr steht. So bestand sie bis jezt nur auf Grund der „Halachah des Mose vom Sinai" (d. h. auf Grund der Regeln der ,mündlichen Ueberlieferung" konnte die Sukkoh während des Festes trotz ihres halbzerstörten Zustandes noch notdürftig als solche gelten), von jetzt an ist sie schon im voraus als zerstört zu betrachten. Der Vater saß neben dem Fenster und blickte von Zeit zu Zeit zur leeren Holzkammer hin. Sichtlich begann ihn die Sorge um Holz für den Winter zu quälen. Die Mutter saß gebeugt ihm gegenüber und sah nach dem Ofen im zweiten Zimmer. Sie wußte, daß alles, was dort war, bereits aufgezehrt ist; die Festbrote sind zu Ende die Geflügelsteige leer, die Schüsseln umgedreht ■- offenbar braucht man jetzt nichts zu kochen — alle sind noch gesättigt von den Festesfreuden — aber morgen . . . Die Mutter seufzte, der Vater gähnte— da erblickte er mich plötzlich, beklagte meinen Müßiggang und setzte sich hin, um mit mir „Koheleth" zu lernen. „Eitelkeit der Eitelkeiten, spricht Koheleth, alles ist eitel!" Ich mußte der Meinung des Weisen beipflichten. Ist es nicht „Eitelkeit der Eitelkeiten", wenn der herrliche Wald, der Wald von Lag Baomer, so sehr verhäßlich t wird? Alles ist eitel — nach meiner Meinung ist aber auch alles unrecht. Gibt es denn ein Unrecht, größer ßls dieses? Ein solcher Himmel? Diese Sukkoh? Schmutz, Morast, Finsternis? Koheleth und Gadiel wollen mir die Welt verhaßt machen. „Und auf geht die Sonne und sie geht unter — und alle Bäche fließen zum Meere . . ." [ELT 965 Ach, die Bäche, sie brennen mir im Herzen! Ist denn auch das Aufsteigen der Sonne Eitelkeit? Und ihr Untergang? Der Sonnenuntergang in einem weiten Purpurmeere? Sind denn die Bäche, die dem Meere zufließen, Eitelkeiten — die munteren Bäche? Und wie, wenn sie wiederkehren? Und kehrten sie doch bald wieder — zusammen mit den Vögeln! Je mehr ich im Koheleth lernte, desto mehr übermannte mich die Sehnsucht mach der „Eitelkeit der Eitelkeiten". Ja, durch die Kraft dieser Sehnsucht tröstete ich mich die ganze Winterszeit hindurch und wartete, bis die „Eitelkeit" die Oberfläche der Erde erneuern und ich die guten Vöglein empfangen würde. Und noch jetzt, wenn manchmal ein Geist der Traurigkeit über mich kommt, des „Lebensüberdrusses" oder, wie sie es nennen, des „Pessismismus", so beginne ich in das Buch Koheleth midi zu vertiefen, und die Fröhlichkeit kehrt mir wieder. Auch jetzt iioch stimme ich dem Weisen zu, daß „alles eitel" und „daß es eine böse Plage ist". Höre ich aber: „Auf geht die Sonne und sie geht unter", und daß alle „Bäche, die zum Meere wandern", zu uns wiederkehren, dann muß ich stehen bleiben und gerade im Gegensatz sagen: „Das ist doch schön so und erfreulich!" Und ich weiß, daß jener pessimistische Weise von Natur ein reiner Optimist war, daß seine Weisheit die Stimme des Herzens in ihm zum Schweigen zu bringen bemüht war und es doch nicht vermochte. „Und die Mahlzähne stehen einst stille und dunkel werden die Oeffnungen der Dachluke — und die Türen auf dem Markte geschlossen." — „Das ist wirklich ein böses Ding, das Gott den Menschen gegeben, sich damit zu befassen." Solange aber die Mahlzähne noch Zähne sind und die Oeffnungen noch Augen, die den Auf- und Untergang der Sonne sehen und die Herrlichkeit der Schöpfung, ist es fürwahr ein Schönes und Erquickendes, das Gott seinen Kindern gab, sich damit zu befassen. Alle Beweise, die jener Pessimist bringt, entstammen dem Optimismus. „Eitelkeit der Eitelkeiten" behauptet Ko'heleth, der Weise. „Auf geht die Sonne und sie geht unter", so protestieren seine Empfindungen. Und Mahlzähne, Augen und Füße — — „Dem Menschen, der ihm gefällt, hat Gott gegeben" „Eitelkeit und nichtiger Gedanke" „Freue dich, Jüngling, deines Teils!" Die Weisen wollten das Buch Koheleth für apokryph erklären, weil seine Worte einander widersprechen; doch fanden sie einen Segen darin und ließen es im Kanon. Und „Worte, die vom Herzen kommen, gehen zu Herzen". Deshalb dringt mir der freudige Protest des Koheleth mehr zu Herzen als seine grimme Weisheit und sein hartes Urteil. * Und ich bin ein Knabe von dreizehn Jahren, der frühmorgens ins „Cheder" geht, noch spät am Abend dort sitzt, in Gottes Thora lernt und nur zu Mittag und zur Nacht heimkehrt. Nur ein flüchtiger Gast bin ich an den Wochentagen im Elternhause, dauernd bin ich nur von Freitag mittag an zu Hause. Dann ergeht an uns der Ruf: „Ihr kleinen Gottesdiener, frei seid ihr bis morgen Nachmittag."