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Die Welt · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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964 D1E3 ihm verlangte, und wir Kinder diese Aufsicht eines Menschen über uns erst recht nicht als nötig empfanden; nur weil seine Aufsicht nicht so drückend war, wie die von Eltern und Lehrern, war sie uns angenehm. Dieser alte Junggeselle war zänkisch bis zu einem Grade, daß er allen Leuten verhaßt war. Die meisten Beter jener „Klaus" taten ihm Ehre an — aus Furcht: er war nämlich imstande, die geachtetsten Männer öffentlich zu beschämen, ihnen die peinlichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. — Den Rabbi, der gegen Osten seinen Platz hat, duzte er. Nur Kinder mochte er gerne leiden, und die Kinder liebten auch ihn. Zwar redete er auch mit den Kindern nur wie aus offenbarem Aerger. Dabei blickte aber aus seinen Augen etwas Aufmunterndes und Anziehendes, Liebendes und Liebe Weckendes. Aus freiem Willen beugte man sich und hörte ihm zu. Und wenn er uns am Lag Baomer begleitete, ergoß er mit der ihm eigenen Aergerlichkeit Ermahnungen und Befehle über uns. „Eh, wilde Böcke! Springen wollt ihr? ,Eitelkeit der Eitelkeiten/ Gebt acht, daß ihr nicht strauchelt!" So schalt er uns, wenn er sah, wie wir über die Grasdecke schritten, ruhig und schweigsam wie nur „Chederkinder". Und diese Ermahnung ermunterte uns erst, wirklich Uebermut zu treiben und wie Böcke zu springen. „Wenn ihr auf diesen Baum klettern werdet, dann gebt nur acht, daß ihr nicht auf jenen morschen Zweig den Fuß setzt! Er würde sonst brechen und ihr zu Boden fallen! Auch das wird ,Torheit und Verdruß' sein." "Wir aber brauchten nur diese Ermahnung zu hören, so sah man schon zwischen den Aesten Kindergesichter, leuchtend vor Siegesfreude — so, als ob sie da gewachsen wären. Und die Vögel des Waldes kannte er bei Namen und lehrte uns, sie an ihrer Stimme zu erkennen. Und wenn die Nachtigall plötzlich über uns ihre Zaubertöne hören ließ und wir vor Staunen verstummten — da schwieg auch er mit uns, und verlor sich in Gedanken. Zuletzt ermannte er sich seufzend und rief: „Eitelkeit der Eitelkeiten." Auch Geschichten erzählte er uns; jede von ihnen begann mit „Eitelkeit der Eitelkeiten" und endete damit. Dazwischen aber gab es Vögel, Blumen, fröhliche Kinder, Helden — sehr hübsch waren die Geschichten. Und einmal geschah es am Ende des Sommers. Ich saß gebeugt vor dem Rabbi (Lehrer), der mich mit dem Liede „Haasinu" quälte; der Tonfall des Rabbi, getaucht in Schmerz und Kummer, erregte anfangs mein Erstaunen: Weil „meine Lehre wie der Regen träufelt", deshalb muß man weinen? Da wir aber schon daran gewöhnt waren, begann der Tonfall sanft-einschläfernd zu wirken. Die Elulsonne sandte durch das Fenster Lichtstrahlen in verschwenderischem Ueberfluß. Diese fingen sich an des Rabbi Brille und malten ein schönes Bild vor mich hin, wie eine kleine funkelnde Garbe. Mein Herz zog es nach dem Anblick, und mit halbgeöffnetem Augen begann ich in Schlaf zu sinken und sah das Meer, den Jordan, den Sohn Amrams, die Berge Nebo und Abarim — alles in süßem Durcheinander. Wie aber der Rabbi akzentuierte: „Er breitet seine Flügel, nimmt und trägt ihn auf seinen Schwingen" — da fuhr ich auf und wurde an Schwalbenflügel und an das Gefieder des Storches erinnert. — Da betete ich im Stillen: „Möchte doch ein Wunder geschehen und der Rabbi morgen nach seiner Heimat fahren, damit [ELT Nr. 32 ich in den Wald gehen und den Zug der Vögel sehen kann, wenn sie ihre Nester verlassen." Und mein Gebet wurde erhörtr Der Rabbi verließ uns sofort nach Rosch Haschanah. Lind als Gadiel der Schammes, in den Wald fuhr, um Laubstreu zum Jom-Kippur für die „Klaus" zu holen — da versprach ich ihm hoch und teuer, keine Jom-Kippurkerzen zu stehlen, wenn er mich nur dafür in den Wald mitnähme. Grausam, böse, ein Feind war dieser Alte! Er und mich mitnehmen! Aber nach Jom-Kippur, als Gadiel ausfuhr, um Weiden vom Bache neben dem Walde für Sukkoth zu holen, da drängte ich nochmals in ihn, mich 'mitzunehmen und versprach ihm, am nächsten Purimfeste beim Verlesen der Megilla den Haman nicht zu viel zu schlagen und den Zuhörern nicht den Kopf zu verwirren — und darauf gab Gadiel ebenso wie alle Schammossim streng acht. Diesmal ließ er sich erweichen und nahm mich mit. Ein feiner Mensch, voll Güte, der nicht seinesgleichen hatte, war Gadiel! Schade, daß er schon gestorben ist! * Bis dahin hatte ich geglaubt, daß im Walde das ganze Jahr hindurch Lag Baomer ist. Ich hätte nicht geglaubt, daß Blätter, die so grün, Blüten und Blumen, die so heiter sind — hinwelken und verwesen können und zur Erde geworfen werden wie wertloser Plunder. Ich hätte nicht geglaubt, daß aus dem Walde ein so feucht-modriger Geruch aufsteigen könne, als wäre er bis jetzt in einem Keller oder im Cheder des Melammed verborgen geblieben. Ich hätte nicht geglaubt, daß der Bach, jener Bach von Lag Baomer, der fröhliche, übermütige, plötzlich ein anderer werden und so aussehen würde wie ein Greis, der murmelnd „Schemoreh Essreh" betet. Mitten im Gebet ist er eingeschlummert — und seufzt nur manchmal wie aus schwerem Traume. Ueberflüssig scheint jetzt fast die Sonne mit ihren Strahlen, die sie offenbar zwecklos vergeudet! „Wo sind die Vögel, Reb Gadiel?" Gadiel schüttelte die verwelkten Blätter, spie vor Ergriffenheit aus, bewegte die Hand und sprach: „Ein früher Winter dieses Jahr! Siehst du denn nicht? Der Himmel voll Farben! — Alles eitel! Deshalb sind ja auch die Vögel fortgezogen!" „Nein — behauptete ich hartnäckig — weil die Vögel fortgezogen sind, deshalb sind die Blüten und Blätter verwelkt und zeigt der Bach solche Falten!" „Narr! Alles ist eitel! Auch diese Weide wird welken, nur jetzt muß sie uns noch Hoschanos geben. Erkennst du nicht ihre Traurigkeit? Und dieses Blätterdach — viel Freude findest du etwa an den Bewegungen dieser gebeugt Stehenden!" — Dabei beugte er sie hin und her. — „Schließlich ist dies nur ein Todeskampf." Gadiel schnitt Zweige ab und warf sie in Häufchen, schnitt und band Garben zusammen, dabei flüsterte er vor sich hin: „Am Lag Baomer sind diese offenbar schön — so aber — Eitelkeit der Eitelkeiten! Schön sind sie auch im Sommer! Ihr Duft ist offenbar erquickend; wenn die Vögel darüber zwitschern, erscheinen sie dir noch schöner! Aber im Grunde der Sache ist doch alles eitel!" Gadiel schnitt und band Garben und unterbrach von Zeit zu Zeit sein Schweigen.

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