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Die Welt · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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956 deshalb dem politischen Zionismus zuruft, daß der Jude nie ein richtiger Landmann sein wird (worüber indes der deutsche Landwirt Auhagen anderer Ansicht ist), so vergißt er völlig, daß in der politisch-zionistischen Organisation kein Mensch jemals darüber im Zweifel war, daß in dieser Beziehung die Resultate der fehlerhaften Chowewe-Zion-Kolonisation keine allzu günstigen seien, nur zogen die Leiter der Bewegung daraus nicht den Schluß, daß der Jude kein Bauer werden könne, sondern, daß es sich darum handeln müsse, eine dem jüdischen Wesen angepaßte Form der Kolonisation zu finden. Diese sucht die Organisation vor allem in den Landarbeiter-Produktivgenossenschaften, und wie es scheint, mit gutem Erfolg. Gelingt diese Art von Kolonisation, die erst seit vier Jahren erprobt wrird, während jene der Chowewe-Zion schon 30 Jahre alt ist, dann werden zwar keine jüdischen Bauern im europäischen Sinne geschaffen, dafür aber wird eine neue sozial höhere Form der Landbebauung gefunden worden sein, wie sie dem speziellen Charakter des jüdischen Volkes angepaßt sein dürfte. Insoweit also Achad Haam dem politischen Zionismus unrecht tut, muß seinen Kritikern recht gegeben werden. Worin diese aber weit übers Ziel schießen, ist, daß sie die Ausführungen Achad Haams, die so viel des wichtigen enthalten, in Bausch und Bogen verwerfen und seine Theorien als irreführend bezeichnen. Was zunächst die Theorien betrifft, so hat inzwischen schon in der „Welt", ein genauer Kenner der Schriften Achad Haams durch Zitate aus diesen erschöpfend nachgewiesen, daß dessen „Kulturzionismus" durchaus in keinem feindlichen Gegensatz zum politischen Zionismus steht. Es erübrigt nur noch, darauf hinzuweisen, daß aus verschiedenen Stellen der Schriften Achad Haams hervorzugehen scheint, daß auch ihm die Schaffung des „Kulturzentrums" mit der „natürlichen Erlösung des Landes" und „Befreiung des Volkes" verbunden ist. Er meint nur, daß die heutige Judenheit, die zerstreut und zerrissen ist, die durch kein inneres Band mehr zusammengehalten wird, nicht imstande sei, diese große Tat zu vollbringen. Er glaubt daher, daß erst ein Kulturzentrum in Palästina, welches das Judentum wieder als ein geistigsittliches Sein in Erscheinung bringen wird, durch seine Ausstrahlungen auf die Diaspora die Judenheit innerlich läutern und wieder jüdisch machen wird. Ist einmal diese innere Umwandlung vollzogen, „dann wird auch der Tag kommen, an dem unsere Hände Erfolgreiches leisten", wie es schon in seinem berühmten ersten Artikel „Nicht dies ist der Weg", der 1889 veröffentlicht wurde, heißt. Aehnliches klingt in dem Schluß des in Rede stehenden Artikels an. Ja, es scheint sogar, daß Achad Haam von dem geläuterten Judentum noch viel mehr erwartet, als bloß die eigene Befreiung. „Wir können heute gar nicht wissen, was ein regeneriertes Judentum alles leisten kann" — einen solchen Unterton scheinen all seine spärlichen Andeutungen über zukünftige Möglichkeiten zu enthalten. Eine derartige Auffassung ist jedenfalls groß und tief, und sie ist wahrlich keine solche, welche der politische Zionismus deshalb zu bekämpfen hätte, weil sie Resignation predige. In dreißigjähriger Erfahrung hat sich gezeigt, daß der Achad-Haamismus nicht nur keinen Zionisten in seiner Tatkraft gelähmt hat, sondern daß Nr. 32 er im Gegenteil die stärksten zionistischen Energien ausgelöst, die Idee vertieft und gerade jene Pioniere befeuert hat, welche in Palästina das kolonisatorische und kulturelle Zentrum aufbauen. Nicht als zerstörende, als belebend e Kraft hat sich der so kritische Denker Achad Haam immer erwiesen, weil jeder fühlende Leser seiner Schriften im tiefsten empfindet, welch ungeheure Liebe es ist, die ihn zwingt, strengste Kritik zu üben. Hat man in den erwähnten Polemiken Achad Haam als Denker und Theoretiker unrecht getan, so wurde, wie schon bemerkt, auch der scharfsinnige Beobachter, der als Fanatiker der Wahrheitssuche unerbittlich, ohne Schonung für irgendwelche Sentiments, auch nicht für die eigenen, die Dinge so zeichnet, wie sie sind, sehr unrichtig behandelt. Es genügt nicht, einem Autor seines Ranges ein paar Ungerechtigkeiten nachzuweisen, um das, was er sagt, als unbeträchtlich bezeichnen zu dürfen. Achad Haams Worte wollen gehört und respektiert sein. Die Erfahrung mit ihnen sollte doch schon genutzt haben. Als er vor Jahrzehnten das Werk der Chowewe-Zion aufs schärfste kritisierte, wurde er gleichfalls heftig angegriffen und als Störenfried empfunden. Aber die Zeit lehrte, daß er in allem recht behielt. Wir müssen daher auch diesmal seine Worte genau beachten, ob wir in der Grundauffassung der Dinge mit ihm völlig übereinstimmen oder nicht. Und wenn wir dies tun werden, so wird sich zeigen, daß auch diesmal gegen seine tatsächlichen Konstatierungen wenig eingewendet werden kann. Achad Haam ist bezüglich des Tempos, der Ausdehnungsmöglichkeit der nationalen Kolonisation skeptisch? Ja, geben ihm' die Tatsachen so unrecht? Wenn auch in den letzten Jahren einige neue Punkte im Lande erworben und durch Juden kolonisiert wurden, ist ihre Zahl besonders groß? Bei aller Freude über die neuen Ansiedlungen, dürfen wir nicht vergessen, daß quantitativ doch nur ein verhältnismäßig langsames Fortschreiten der Kolonisation möglich sein dürfte. Und wenn auch viele politische Zionisten hoffen, daß das Tempo ein immer rascheres werden wird, so ist das eben nur eine Hoffnung. Die Tatsachen, und nur an diese hält sich der so genaue Wirklichkeitssucher Achad Haam, geben ihm nicht unrecht. Wenn er ferner glaubt, daß auf kulturellem Gebiete ein viel rascheres Fortschreiten möglich ist, als auf kolonisatorischem, so wird dies gleichfalls durch die Erfahrung bestätigt. Und wenn schließlich Achad Haam so vieles von den Ausstrahlungen der kulturellen Schöpfungen in Palästina auf die Judenheit der Diaspora erwartet, so hat die bisherige Entwicklung gezeigt, daß nicht nur bei indifferenten Juden, sondern selbst bei Zionisten, diese Ausstrahlungen die besten Fluida für die Vertiefung der Palästinaliebe sind. Die hauptsächlichste Bedeutung des Berichtes Achad Haams liegt übrigens gar nicht in den darin enthaltenen Wertungen der palästinensischen Möglichkeiten, bei welchen sich der Autor wahrscheinlich allzusehr von seinem prinzipiellen Standpunkt beeinflussen läßt, sondern das Wichtigste und zugleich Erfreulichste an dem Berichte ist, daß ein so unerbittlich strenger Kritiker, der an Menschen und Dinge mit sehr hohen Forderungen herantritt, diesmal so viel des Guten und Zufriedenstellenden in Palästina konstatieren konnte, während er bekanntlich bei seinen früheren Reisen fast nur zu tadeln hatte. Wenn Achad Haam von großen Fortschritten spricht, die seither gemacht wurden, so können wir sicher sein, daß keinerlei Selbsttäuschung vorliegt. Insbesondere gilt dies von seiner Beurteilung der kulturellen Entwicklung, be-

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