Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 32 DIEl^ELT 953 gut ignorieren konnte, so entschloß man sich, wenn auch ungern, dazu, eine erneute Untersuchung des Knabenmordes anzuordnen, gleichzeitig schwor 'man aber dem unbequemen Wahrheitsjäger bittere Rache. Und so wurde denn plötzlich gegen den gewesenen Kriminalbeamten das Verfahren wegen eines angeblich vor Jahren begangenen Dienstverbrechens eingeleitet. Auf diese Weise sollte die Zuverlässigkeit seiner Enthüllungen in Zweifel gezogen werden. Dieser Tage wurde nun Krassowsky verhaftet. In der Muße der Einzelhaft wird er Betrachtungen über die Aufgaben und Pflichten eines russischen Kriminalbeamten anstellen können. Uebrigems scheint es um die patriotische Sache recht schlimm bestellt zu sein. Voraussichtlich wird alle Liebesmühe vergebens sein, und schließlich wird man sich doch dazu verstehen müssen, B e i 1 i s auf freien Fuß zu setzen. Es hat sogar den Anschein, daß das Organ des russischen Volks Verbandes, die „Rußkoje Snamja", sich bemüßigt fühlt, seine Leser auf diese blamable Eventualität vorzubereiten. So erklärte denn unerwartet das famose Patriotenblatt dieser Tage, daß es zwar feststehe, daß an Juschtsdiinsky ein Ritualmord begangen worden sei, daß aber die Anklage gegen Beilis sehr schwach begründet sei, und deshalb sei das Blatt stets gegen die Beilis-Hetze eingetreten (!). Massenausweisungen Wir stehen zurzeit in einer Aera großzügiger Ausweisungen, die alles in den Schatten stellt, was seit den großen Moskauer Ausweisungen von 1S91 ein bis zum Delirium gesteigerter Judenhaß auf diesem Gebiete geleistet hat. Neben den Ausweisungen aus dem Kreise T e 1 s c h i, aus den Gouvernements Grodno und Jekaterinoslaw, haben uns diese Tage eine neue Ueberraschung gebracht, die auch in der Aera der jüngsten großrussischen „nationalen" Politik ihresgleichen sucht. Die patriotische Siegespalme errang sich diesmal der Chersoner Gouverneur, Herr von Orevenitz. Dieser findige Herr verfiel auf ein treffliches Mittel, um die Juden bei den bevorstehenden Dumawahlen unschädlich zu machen und gleichzeitig eine großzügige Säuberungsaktion ins Werk zu setzen. Er annullierte einfach aus eigener Machtvollkommenheit das bekannte Stolypinsche Wohnrechtszirkular, und verfügte über mehr als 10000 Juden, die kraft dieses Zirkulars auf dem Lande leben, die kurzfristige Ausweisung. Daß die Vollstreckung dieser harten Maßregel den völligen wirtschaftlichen Ruin für die Betreffenden, die von dem in dieser Kornkammer Rußlands sehr ausgedehnten Getreidehandel leben, bedeuten würde, braucht nicht erst gesagt zu werden. Man sollte aber glauben, daß die Rücksicht auf die Interessen der Landwirtschaft, der mit der freien Konkurrenz eines lebhaften Vermittlerdienstes die günstigen Absatzbedingungen abgeschnitten werden, unsere weisen Satrapen von dieser unsinnigen Aktion abhalten würde. Allein, unsere idealistisch gesinnten Vaterlandsretter kennen bekanntlich keine schnöden merkantilen Interessen, wenn die Ehre und der Ruhm des Vaterlandes auf dem Spiele stehen. Ein Bild aus der Judenausweisungspraxis Petersburg, Massenhaft werden jetzt die Juden aus den Dörfern mehrerer russischer Gouvernements verjagt. Am schlimmsten geht es jedoch augenblicklich im Gouvernement Cherson zu, wo laut einem Zirkular des rücksichtslosen lokalen Gouverneurs Tausende von diesem Schicksal getroffen werden sollen. Wie es dabei zugeht, erzählt recht eindringlich der Korrespondent der Odeßkija Nowosti, der den Spuren des Zirkulars" folgt. Im Dorfe Bolgarka — berichtet er u. a. -- haben der Urjadnik und die Polizisten in der letzten Zeit zu den Juden von der bevorstehenden Ausweisung gesprochen. Dem und jenem bestimmten sie sogar „die äußersten Termine4*. Sonnabend, den 20. Juli, begannen dann die Polizisten um S Uhr morgens an die Fenster und Türen der „Gewarnten44 zu klopfen; dann zitierten sie alle zur Polizei. Nun setzte eine sehr begreifliche Panik ein. Die Juden, die an ihrem Feiertag eben aufgestanden waren, befanden sich gerade in Sabbatstimmung, und da wurden sie plötzlich nach dem Polizeirevier gejagt, wo man ihnen in aller Eile den Ausweisungsbefehl mitteilte und mit Hinauswurf ihrer Habseligkeiten auf die Straße, ja mit gewaltsamer Entfernung aus dem Dorfe drohte, falls sie nicht sofort den Ort verließen. Augenzeugen schildern, welch tieftraurige und abstoßende Szenen sich an dem Tage abgespielt haben. Den Juden Golubow, der bereits seit einigen Wochen an Typhus schwer krank darniederlag, zerrten die Polizisten auf die Straße, aber er konnte nicht stehen und fiel hin. Da mußte man auf seinen vorläufigen Transport verzichten. . . Was in Bolgarka passierte, ist typisch. In allen Dörfern des Ansiedlungsrayons herrscht jetzt unter den Juden große Sorge. Niemand ist mehr des morgigen Tages sicher. Sind doch nicht einmal die strengen Gesetzesvorschriften maßgebend und allein die Willkür ist Trumpf. Beilegung des aschkenasischen Konfliktes in Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) K o n s t a n t i n o p c 1. Die Bildung des neutralen Medschliss dschismani hat dieser Tage eine schöne Frucht gezeitigt, den endlichen Abschluß einer Konvention zwischen der Konstantinopeler Aschkenasimgemeinde und dem Großrabbinate, die allen bisherigen Konflikten ein Ende setzt. Diese Konvention hat die Form eines offiziellen Briefaustausches und enthält im Wesentlichen dieselben Bestimmungen wie die vorige, die als ungesetzlich vom Großrabbiner angefochten worden und Anlaß zu seinem Rücktrittsgesuche gewesen war. Nur ein oder zwei Punkte ganz unwesentlicher, formaler Natur haben eine Abänderung erfahren. Damit ist denn die von den Aschkcnasim gewünschte innere Autonomie ihrer Gemeinde gewährleistet und zugleich die volle Autorität des Großrabbinates über sie, die nach Maßgabe der Landesgesetze notwendig und für ein fruchtbares Zusammenwirken der beiden jüdischen Riten im Lande nützlich war, festgelegt worden. Am Zustandekommen der Lösung trägt neben dem Entgegenkommen beider Parteien die vermittelnde Mitarbeit der hiesigen Loge „Bene Berith" den Hauptanteil. Die im Vorjahre durch Herrn Siegmund Bergel aus Berlin erfolgte Gründung dieser Loge hat sich also als der denkbar größte Segen für die hiesige Gemeinde erwiesen. Besonderes Verdienst an dem Zustandekommen der Vermittlungsaktion ist dem Präsidenten der Loge, Herrn J. Niego, zuzuschreiben. Die neue Abmachung hat in einem wichtigen Punkte sofort ihre Realisierung gefunden. Der seit vielen Jahren hier amtierende Rabbiner der Aschkenasim-Gemeinde, unser Gesinnungsgenosse Dr. D. F. Markus, ist durch offizielle neue Wahl seitens seiner Gemeinde und der beiden Konsistorien des Großrabbinates zürn Oberrabbiner (Marc de A t r a) der Aschkcnasim erwählt und bestätigt worden. Damit