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Die Welt · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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952 DIEEaEELT: Nr. 32 Von allen polnischen politischen Gruppen und Sekten blieb nur eine, die ein gewisses Schamgefühl in der jüdischen Frage bew ahrte, nämlich die sogenannte Gruppe der „Realisten", von den Nationalen „Kompromißler" (im Verhältnis zu der russischen Regierung) genannt. Die Realisten bestehen darauf, daß die jüdische Bevölkerung gleichberechtigt werde. Zwei Gründe sind dafür maßgebend. Der erste ist die noch lebendige historische Erinnerung an die Haltung des Markgrafen Wielopolski zur Judenfrage. Die Realisten, welche die schwere Erbschaft des Wielopolskischen Kampfes gegen die Politik des bewaffneten Aufstandes und nationalen Radikalismus übernommen haben, huldigen außer diesem negativen Programm auch dem positiven, konservativ-liberaj.cn Programm des verstorbenen unglücklichen aber klugen polnischen Staatsmanns. Das zweite Motiv ist sozusagen psychologisch-politischer Natur. Eigentlich haben die Realisten starke antisemitische Neigungen; von Hause aus haben sie gelernt, gegen die „jüdische Flut" im Denken und Trachten anzukämpfen. Ihre Weltanschauung ist eine naiv agrarische; wenn auch die reichen und unternehmungslustigen Träger dieser Weltanschauung sich heilte an spekulativen Geschäften aller Art beteiligen, so sehen sie doch in dem für Polen neuen städtischen Leben mit seiner eigenen Kultur nicht den Hort befruchtenden und schaffenden Lebens, sondern nur das goldene Residuum des kapitalistischen Schachers. Aber sie ahnen die Gefahr einer antisemitischen Agitation als einer radikal-nationalen und antikapitalistischen Demagogie, die im Lande schädliche Unruhen hervorrufen könnte. Sei dem, wie es wolle: Die hemmende Haltung der Realisten in der antisemitischen Hetze könnte sowohl für das Land, wie auch für die jüdische Bevölkerung von großem Nutzen sein, wenn diese politische Gruppe wirklieben Einfluß auf den landbesitzenden Adel hätte. In der Theorie sollten eben die Realisten, als konservative Partei, den Landbesitz repräsentieren, in der Wirklichkeit aber kann der polnische Adlige kein „realistischer" Politiker sein. Er hat zu wenig mit dem Staat zu tun, und daher ist er im Verhältnis zum Staat kein Realist. Er neigt zu nationalistischen Ausschweifungen, — er ist polnischer Nationaldemokrat. Und so gibt die polnische Nationaldemokratie den Ton in der antisemitischen Bewegung an. Andere fortschrittliche und demokratische Gruppen wiederholen nur mit ihren eig .:i Worten die Ideologie der nationalen Demokraten, Si-j stehen sogar in der Frage des Antisemitismus riiehr auf „prinzipiellem" Standpunkt, als ihre Lehrmeister. Die judLii haben sieh nie die Mühe gegeben, den Ursprung de; polnischen Fortschritts näher zu erforschen. Sie haben sich mit dem Klang der Worte begnügt. Jetzt kommt naturgemäß die Enttäuschung. Leider ist ihr Urteil zu wenig objektiv; die Enttäuschung wird noch zu schmerzlich empfunden, um belehrend zu wirken. Daher viele Inkonsequenzen und eine totale politische Unselbständigkeit, wie auch ein bedenkliches Zögern in der Wahl der Taktik, die die jüdische Bevölkerung Russisch-Polens für die bevorstehende Wahlkampagne anwenden soll. Observer. o fr -- O I (□□□□□O o o vs WELTCHRONIK =5*\ □ □□□□□Ii 6 o Zur Beilis-Affaire (Von unserem Berichterstatter.) O d e s s a. I hitcrsuchungsrichter M a s c h k e w i t s c h , der mit der erneuien Untersuchung in Sachen der Ermordung J lischtschinskys beauftragt wurde, hat bereits seine Tätigkeit aufgenommen. Vor einigen Tagen begab er sich in Begleitung des Staatsanwalts der Kiewer Gerich.tska.mm er Ts Chaplin sky, des Staatsanwalts des Kreisgerichts Saziepin und von Vertretern der Polizei nach Sagorows c h t s c h i n a , wo er -die Fundstätte der Leiche Juschtschinskys, wie auch die Ziegelfabrik S a i z e w s (wo Bei Iis bekanntlich als Angestellter diente) und die Umgegend genau besichtigte. Sehr befremdend wirkte die Tatsache, daß der berüchtigte Hooliganenhäuptling, Student Golubiew, der sich durch wüstes Rowdytum und schrankenlose Pogromag^ tation einen ersten Platz unter den unerschrockensten Pogromhelden des Reiches erworben hat, an der Besichtigung tätigen, ja sogar führenden Anteil genommen hat. Dieser schneidige junge Mensch machte den sachkundigen Führer und gab der Behörde die nötigen Aufklärungen und Auskünfte. Am folgenden Tage w urde Wjera T s c h e b e r i a k , die bekanntlich von B r a s u 1 - B r u s c h k o w s k v und dem gew esenen Chef der Geheimpolizei Krassowsky als die Anstifterin und Plauptmitschuldige des Mordes bezeichnet wurde, vom Untersuchungsrichter Y\\ a s c h k e w i t s c h vernompnen. Als die Tscheberiak am folgenden Tage verhaftet wurde, war es nur natürlich, daß man allgemein diese Verhaftung mit den Enthüllungen Brasuls und der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter Maschk e w i t s c h in Zusammenhang brachte. Es stellte sich aber bald heraus, daß die Verhaftung mit der Juschtschinsky-Affäre nichts zu tun hatte, daß die Tscheberiak vielmehr bloß eine kleine Haftstrafe wegen Beleidigung eines Polizeibeamten abzubüßen hatte. Untersuchungsrichter Maschke witsch, der die Tscheberiak noch wiederholt vernehmen wollte, stellte seinerseits den Antrag auf einstweilige Haftentlassung derselben, und diesem Antrag wurde auch prompt willfahren. Frau Tscheberiak will sich übrigens in die Rolle einer Angeklagten durchaus nicht schicken. Und so hat sie denn dieser Tage gegen Krassowsky einen Prozeß wegen Verleumdung angestrengt. Die Sympathien unserer Justizbehörden scheinen durchaus auf Seiten der „verleumdeten" Frau zu sein. Nicht ohne Grund prahlt die Hehlerin mit dem wohlwollenden Interesse des Herrn Staatsanwalts Ts Chaplin sky und des einflußreichen Mitarbeiters der „Nowoje Wremja", des Herrn S a w e n k o. Und es scheint, daß Herrn K r a s s o w s k y seine schlecht angebrachte Wahrheitsliebe teuer zu stehen kommen wird. Bekanntlich war Herr Krassowsky ursprünglich mit der Leitung der Untersuchung in der Juschtschinsky-Angelegenheit betraut worden. Da er aber eine für einen russischen Kriminalbeamten „taktlose'' Geradlinigkeit bekundet hatte, so wurde er später, als in maßgebenden Kreisen die Parole des Ritualmordes ausgegeben wurde, einfach beseitigt. Er setzte aber seine iRecherchen privatim fort, bis er schließlich gemeinsam mit Brasul-Bruschkowsky den wahren Tätern auf die Spur kam. Da man seine frappanten Indizien nicht

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