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Die Welt · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 9. August 1912 uni^ V'Dnn 'N VO ^hll Nr. 32. Die Juden in Polen und die Dumawahlen Soll man an den Wahlen für die vierte Reichsduma teilnehmen oder nicht das ist die Frage, die sich jeder jüdische Wähler im russischen Reiche stellt und stellen muH. Im eigentlichen Rußland wird diese Frage leichter entschieden werden. Der jüdische Wähler, entmutigt durch die Verfolgungen und Hemmungen in der Entwicklung der freiheitlichen Institutionen Rußlands, blieb doch bei seinen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und will nicht an der Wahlurne das „lasciate ogni speranza" aussprechen. Auch ist der eigentliche „russische" Jude immer kampfeslustig und empfindet zugleich aufs lebhafteste die Solidarität der jüdischen Interesse. Naionalisten, Zionisten, Territorialisten, wie auch russisch mpfindende Juden, Liberale oder Konservative — alle, uit wenigen Ausnahmen, haben Verständnis für den Kampf ums Recht der jüdischen Gemeinschaft. Die Frage, ob eine jüdische Kandidatur in einem gegebenen Wahlkreis Siegesaussichten hat, ist nicht entscheidend tnr die Frage der Teilnahme an den Wahlen: der jüdische Wähler kann doch immer seine Stimme einem mehr oder weniger energischen Verfechter des Rechtsstaates geben. Wenn auch besiegt in der Person des Kandidaten, hat er doch seine Pflicht im Kampfe für die rechtlich-politische Emanzipation des Judentums erfüllt. Anders ist es im Königreich Polen. In erster Linie ist hier das Solidaritätsgefühl der jüdischen Gemeinschaft viel schwächer, als im eigentlichen Rußland. Die jüdische Masse empfindet zwar, wenn auch nur intuitiv, die Notwendigkeit des Kampfes für die Gleichberechtigung der Juden. Anders verhält es sich aber mit der sogenannten jüdischen Intelligenz in Polen. Sie ist atomisiert in Gruppen und Richtungen. Alle sind terrorisiert durch die national-polnisch-jüdischen Assiinilantcn. Viele identifizieren das Gefühl für allgemein-menschliche Ideale der Freiheit und Gerechtigkeit mit den engsten Formeln eines ethnisch-polnischen Separatismus und sogar Chauvinismus. Daher eine Anarchie der politischen Anschauungen, ein Getümmel von politischen Wortklebereien und eine Oede in dem Gemeinschaftsempfinden mit der verwaisten jüdischen Masse. Und trotzdem diese jüdische Intelligenz nur eine Minderheit ist3 bleibt sie doch bei einer politischen Aktion, wie es die Wahlen sind, wo nicht nur Aspirationen, Prinzipien, Lösungen, sondern auch politisch-technische Schulung in Betracht kommt, die Führerin der Massen. Wenn wir jetzt von dem psychischen Zustande der jüdischen Wählerschaft zu der Arena der Wahlbezirke übergehen, so finden wir, daß die Juden in keinem der zehn Bezirke Aussicht haben, ihre eigenen Kandidaten durchzubringen. In Warschau sogar können sie im besten Falle ein Drittel der Wahlmänner für sich haben, in Lodz droht ihnen die Niederlage von Seite des deutschpolnischen Bündnisses. Es bliebe also nur die Konzentration der jüdischen Kräfte zur LJntcrstützung jener polnischen Parteien, die für Recht und Gerechtigkeit in der Judenfrage ins Feld ziehen. Diese Taktik wurde bei den früheren Wahlkampagnen befolgt, soweit nicht das Gefühl der Müdigkeit, wie z. B. bei den Wahlen zur dritten Duma, eine faktische Abstinenz der Wähler hervorrief. Die Mehrzahl, wenn nicht die Allgemeinheit der jüdischen Wähler, ging Hand in Hand mit den sogenannten fortschrittlichen Kandidaten. Aber mit dem polnischen Fortschritt hat es seine besondere Bewandtnis. Es genügt, zu sagen, daß fast alle sogenannten fortschrittlichen Gruppen, die übrigens ihr Kontingent zum großen Teil aus polnischen Juden rekrutieren, während des letzten Jahres allen Liberalismus abstreiften und sich als „starke Männer" unumwunden zum Antisemitismus bekannten. Nationaldemokraten, progressive Demokraten, vereinigte Demokraten, verschiedene adjektiv- und wesenlose Demokraten bis zu den revolutionären Gruppen verschiedenen Grades, haben den Juden als „Fremden" den Handschuh zugeworfen. So wurde, wie bekannt, die Minderberechtigung der Juden in der Selbstverwaltung als nationales" Programm aufgestellt. Es wurde beschlossen, eine graduelle aber systematische Beseitigung der Juden aus dem Handel und der Industrie als „nationales" Gebot durchzuführen. Es wurde allen Besitzern immobilen Eigentums — in den Städten, wie auf dem flachen Lande — die „nationale" Pflicht auferlegt, keinen Fuß breit Boden und kein Haus einem Juden zu verkaufen.

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