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Die Welt · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 31 DIE WELT 937 es besonders dankenswert, daß er seinem Aufsatz ein Verzeichnis der Termini beifügt, die er zur Bezeichnung seelischer Tatsachen benützt. Der bekannte Kritiker Baal Machasch a w o t h (Dr. Eljascheff) schreibt über Oskar Wilde, David Frischmann über zwei jüdische Künstler: L. Pilichowsky und Abr. Eisenberg. Auch Isidora Duncan findet sich unter den Mitarbeitern. Ein Essay von ihr über den „Tanz der Zukunft" hat man für den Almanach aus dem Englischen übersetzt. Zu den besten Beiträgen des Buches rechne ich D. Schaschars Monographie über den Lyriker Jakob Steinberg. Gerade weil der Kritiker mit dem begabten jungen Dichter so scharf ins Gericht geht, empfängt der Leser sowohl den Eindruck der Solidität der Kritik wie den des Wachstums unserer hebräischen Literatur, die reich genug ist, ihre Talente nicht verhätscheln zu müssen. — Die belletristischen Beiträge des Almanachs stammen von S c h n e i e r , P e r e z , Abraham ben Jizchak, Barasch, Ariel, Barsilai, Jizchak Schern i. — Der „Haibri Hechadaseh" soll von nun ab regelmäßig erscheinen. Prag. Dr. H u e; o B e r g m a n n. I?r. Martin Salomonski: Gemüsebau und -Gewächse in Palästina zur Zeit der Mischnah,, Berlin 1911, M. Poppelauer. — Dr. M. Winter: Die Koch- und Tafelgeräte in Palästina zur Zeit der Mischnah. Berlin 1910, M. Poppelauer. Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß sich unsere Philologen immer mehr der Erforschung der realen, insbesondere wirtschaftlichen Verhältnisse des alten Palästinas zuwenden. Auch Salomonski ist in erster Reihe Philologe, und hat sich wahrscheinlich infolge des Reizes, den Palästina auf ihn übt, in das Gebiet der Botanik verirrt. Diese Liebe für das Land der Väter wollen wir ihm zugute halten und mit ihm nicht so scharf ins Gericht gehen, wie es der Altmeister Immanuel Low im letzten Hefte der Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums vom Jahre 1911 tut. Trotz vielfacher Irrtümer, die das Buch aufweist, wird es uns, bis fachkundigere Hand dieses Thema neuerlich behandelt, immerhin als Nachschlagebuch dienen kennen, insbesondere, wenn wir die Löwschen Ausstellungen berücksichtigen. Die Einteilung des Werkes ist folgende: Die Gemüse in der Bibel als Einleitung, der Bau der Gemüse, die Verwertung der Gemüse, die Gemüsegewächse. Als Anhang: Fenachbarte Pflanzen, Tafeln zu den Gemüsegewächsen, Wörterverzeichnis der vorkommenden hebräischen und aramäischen Pflanzennamen. Winters Arbeit ist insofern dankbarer, als die Archäologie immerhin: dem Philologen näher liegt, als die Botanik. Doch ist seine Arbeit, die von Fleiß und Liebe zur Sache zeugt, an vielen Stellen mit philologischen Beigaben versehen, die r.hne der Sache zu schaden, ganz gut hätten wegbleiben können. Es sind alle jene Stellen gemeint, wo der Hinweis auf Stammbildung usw. uns nicht zur Aufklärung eines sachlichen Zweifels dient, oder diese sprachlichen Bemerkungen dem nur halbwegs philologisch geschulten Leser nichts^ Neues bieten. Im einzelnen hätten wir folgendes zu bemerken: Seite 33, Anmerkung 1: Der Verfasser hätte sich deutlicher aussprechen müssen, warum er sich für die Ansicht Raschis entscheidet, und die Erklärung des R. Chananel zurückweist, da doch letzterer zeitlich und räumlich den Verhältnissen nähersteht. Seite 34: Das Fesen dieser Stelle wäre allen denen zu empfehlen, die noch immer die Behauptung aufstellen, daß die alten Juden das Handwerk mißachteten. Das Töpferhandwerk, das seine Leute sicher nicht schnell reich macht, war unter den palästinensischen Juden weit verbreitet. Ebenso lesen wir auf Seite 57 ff., daß eine Reihe von Jahrhunderten hindurch Juden Glasarbeiter waren. Der Verfasser hat emsig alles gesammelt, was über Koch- "nd Tafelgeräte in Palästina zur Zeit der Mischnah zu sagen ist, und seine Arbeit zeichnet sich auch dadurch aus, daß das Material sehr systematisch und übersichtlich geordnet ist. Nicht uninteressant ist es, zu erfahren, daß nach Ansicht des Verfassers die Gabel bei den Juden erst in späterer Zeit als Tischgerät zur Geltung jkam. Hoffentlich werden auch weiterhin unsere jungen semitischen Philologen sich der wissenschaftlichen Erforschung der „Realien*' des alten Palästinas widmen, selbst auf die Gefahr hin, hier und da dem speziellen Fachmanne es nicht recht zu machen. Als Materialsammlungen behalten derartige Arbeiten immer ihren Wert. Wien. Dr. G. F. Salomon Maimons Lebensgeschichte. Herausgegeben von Dr. Jakob Fromer. Verlag von Georg Müller, München 1912. Unser ,,europäisches Kulturjudentum" hat beinahe vergessen, woher es kam, erinnert sich nicht mehr seines zufälligen „Woher", seines zielunsicheren „Wohin". Es ist zu sehr selbstverständliche Mode geworden. Und doch verlohnt es sich, bis zu den Wurzeln zu tasten, dorthin, wo der eine oder andere Ableger vom Stamme des Urjudentums begann, sich in das europäische Geistesleben hinüberzuranken. Jene Anfänge der Lösung stehen dann vor uns auf, die Menschen und die Schicksale, an die sie gekettet sind, jene Vorboten des Zustandes. der unser heutiges Judentum schuf — und eigentlich noch stetig weiterschafft. Sie zeigen uns in stark individuellen Erscheinungen um so deutlicher die Tragik des „Ueberganges", das Problematische des Phänomens, welches heute in seiner Masse weit weniger Wirkung hat. Merkwürdige Menschen und sonderbare Ideen birgt je.ie Frühzeit; Schicksale, welche .dichterischer Gestaltung wert wären, ich denke etwa an den Epigrammdichter Kuh, dessen Abenteurerschicksal dem Dichter Berthold Auerbach in seinem großen Roman die leider nur zu schwache Feder führte. Und unter den vielen taucht jetzt einer wieder vor mir auf, „der Tollste unter den Tollen", wie er selbst sich nannte. Einer, der mitten aus dem WunderreicTi des polnischen Ghettos in die geradlinig-starren Räume der deutschen Philosophie versetzt wurde. Den Weg zur Kenntnis der Philosophie aber bahnte ihm — die Seitennummerierung einer Gemara, bei welcher zur Zählung der Seiten auch das deutsche Alph ibet angewendet wurde, da das hebräische nicht ausreichte. Das war Salomon Maimons erste Kenntnis der deutschen Sprache. Auf ihr baute sich sein „Wissen" auf, und wenige J dire später sagte Kant von ihm: „Das Manuskript . . . läßt mich erkennen, daß nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die Hauptfragen so wohl verstanden, sondern daß auch nur wenige zu den gleichen tiefen Untersuchungen soviel Scharfsinn besitzen möchten, als Herr Maimon . . ." Und Kuno Fischers grundlegende „Geschichte der Philosophie" beschäftigt sich eingehend mit dem Kantianer Salomon Maimon. Maimons Selbstbiographie ist nun neu herausgegeben worden. Ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite in Atem hält. Denn die Lebensschicksale Maimons sind weit wertvoller als seine kasuistischen Kant-Analysen. Die 4C) Lebensjahre Maimons (1754 1SÜ0) sind ein Durcheinander unzähliger Wanderungen und Wandlungen, vielfältigen Beginnens und nie endender Haltlosigkeit. Die Grundpsychologie des jüdischen „Ueberganges". Vom Ghetto heraus wird er durch einige Dutzend Städte getrieben. Mit elf Jahren beginnt sein „Weg nach Europa", zu einer Zeit, wo er bereits fähig ist, Rabbi zu sein, und auch eine Selbstverständlichkeit des Ghettos eine Frau hat. Und mit dreißig Jahren besucht er das Gymnasium, studiert dann Medizin, doch ohne bleibenden Erfolg! Sein letzter Aufenthalt ist im Hause des Grafen Kalkreuth, eine zufällige Ruhepause dieser ewigen haltlosen Unstetheit, die ihn durch Länder und Sitten aller Art, vom clvissidischen Hotstaat bis zum ästhetischen Salon Berlins geführt hat. Und auf dem Gute des Grafen endete der Tod Maimons Irrleben. Ein ehrliches Begräbnis wurde ihm verweigert. Alles sind Zufälligkeiten, ein Tasten nach Neuem in diesem Leben. Maimons Autsätze, die selbst im „tonangebenden Weimar" Aufsehen erregten, sind das Produkt des Zufalls, seine Ideen Intuitionen eines blutererbten analytischen Geistes. Ein wirres Hin und Her und Aul und Nieder. Der Geist des guten Ritters de la Mancha wird hier lebendig-. Es liegt auch eine Art Adelsgröße in dem Sinn dieses Menschenlebens, in der manchmal grandiosen Unbekümmertheit des Weges von Salomon Maimon. Daß er doch ein Zielloser war und infolge der Verschiedenheit seines Wesens von dem der Welt ringsum auch bleiben mußte, daß er nie bauen konnte, •das wußte er und bekannt e es. Darin liegt das Wesen des Juden Maimon offen zutage. Weit mehr Ehrlichkeit liegt in ihm, als in den Scharen, die später seinen Weg gingen und ihre zutallsgeborene Ziellosigkeit stets zu verdecken suchten, oft durch Verfälschungen alter guter Ideen. Diese Offenheit aber ist die Kraft dieses Lebens, das am Anfang einer Zeit aufragte, die später winzig und brüchig wurde. Das ist der starke Wert der Lebensgeschichte Maimons. Sie wurde jetzt gerade von Dr. Jakob Fromer neu herausgegeben. Sonderbar. Ob wohl Salomon Maimons Leben, das die freie, offene Individualität des Uebergangs-Judentums im Gegensatz zu dem der späteren Generationen ist, die rechte Illustrationsprobe zu dem gut gefundenen Worte

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