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Die Welt · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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930 DIEWELT Nr. 31 Dampfer verläßt? Und wenn der Begriff nicht diesen engen, topischen Sinn hat, darf man dann andererseits immer wieder „Gallith!" schreien, wenn etwas, das jüdische Menschen, also doch Menschen geschaffen haben, unvollkommen, beschränkt und endlich ist? Ist nicht das vielmehr Galuth, daß man vor dem Mißerfolg zittert, den Kampf aufgibt, weil er nicht gleich zum Siege führt, und bei jedem Schritt vorwärts die spitze Frage aufwirft: „Na, wenn schon! Was bedeutet das?!" Gewiß verlangt Brenner mit Recht, daß wir nicht schönfärben. Aber wir dürfen ebenso wenig meinen, es gehe irgend etwas in der Welt ohne Mißerfolg und Enttäuschung ab. So begreiflich es ist, daß die Begegnung mit dem Galuth in Palästina am schmerzlichsten wirkt — diese Begegnung ist gerade dort nicht zu vermeiden, wo das Galuth — so hoffen wir — überwunden werden soll. Noch sei ein kurzes Wort über das Resultat gesagt, zu weichein Brenner gelangt: Er will nicht zugeben, daß Palästina in irgendwelcher Beziehung ein Zentrum der Jiidcriheit ist oder sein kann. Es sei ein Stück jüdischen Exils wie Rußland oder Amerika. Und es bleibe nichts anderes übrig, als daß jeder Jude dort seine Pflicht tut, wohin ihn das Schicksal verschlagen hat oder wo er sich seinen Platz gewählt hat. Und in einer Art überterritorialen Judentums mag sich ihre Arbeit vereinen. Diese Antwort, die sieh Brenner zurechtgelegt hat, enthält auch für den einen richtigen Kern, der die Gleichsetzung Palästinas mit dem Galuth nicht billigen kann. Ich möchte den Brennersehen Satz: „Ueberall ist das Galuth" so wenden: „Ueberall kann das Galuth überwunden werden". Ja, überall m u ß es überwunden werden, wenn uns Palästina und das neue Judentum etwas bedeuten soll. Denn schon heute können wir es an der Wirkung, die Palästina auf das Judentum hat, sehen, daß es eine Revolutionierung des Galuth von außen nicht gibt. Unsere „guten Juden" sehen und hören mit einem gewissen Wohlbehagen all das an, was Erfreuliches von dort herüberkommt, — aber es rauscht an ihnen wirkungslos vorüber. Wir müssen uns davor hüten, zu glauben, es könne uns irgendeine neue Art des Seins von Palästina aus geschenkt werden. Nichts wäre gefährlicher, als sich die Wirkung des „Zentrums" auf die Peripherie so automatisch vorzustellen. Geschenkt wird nichts; dieses große Gesetz des Daseins muß auch für uns wahr sein und also auch für das Verhältnis des Galuth zu Palästina. So muß denn das Galuth aus eigener Kraft Palästina entg e g e n wr a chs e n. Wir wollen hoffen, daß die hebräischen Leser Kritik genug haben, um sich nicht durch Brenners Pessimismus beirren zu lassen. Dann erst können sie aus seinem Buche eine schmerzliche, aber fruchtbare Lehre ziehen: die Erkenntnis des Ernstes unserer Lage und der Größt unserer Verantwortung. Bilder aus Saloniki Von Cheskel Zwi Klötzel III. Der zukunftsreichste nationale Faktor hier ist und bleibt die Schule. Sie wird es besonders durch die große Rückwirkung, die der Schulbesuch der Kinder auf das Elternhaus ausübt. In gewissem Sinne kann man sagen, daß die sephardischen Eltern die Schüler ihrer Kinder werden. Der allgemeine jüdische Bildungsdrang verleugnet sich eben auch hier nicht, Lind das Interesse der Erwachsenen für die Schule hat, so störend es in der Praxis für Lehrer und Schulleiter auch sein mag, doch etwas erfrischend Ursprüngliches an sich. Wer ein Beispiel für die Assimilation der hiesigen Bevölkerung an die hiesigen Schuiinstitute wünscht, der beachte die Geschichte der hiesigen Unternehmungen des „Hilfsvereins der deutschen Juden". Dieser begann sein hiesiges Schul werk mit dem Versuch der Gründung eines h e b r ä i s c h e n Kindergartens. Das war für die guten Juden von Saloniki zu neu, um ihnen einwandfrei zu erscheinen. In die ungewohnten Erziehungsmethoden fügten sie sich mit der Ruhe derer, die einer Sache verständnislos gegenüberstehen. Aber — hebräisch sprechen? Ein wahrer Sturm ernob sich! „Wollen wir denn unsere Kinder zu ,Chachamim', zu Rabbinern und Gelehrten machen?" Die Sache erschien ihnen zu unpraktisch. Die vom Hilfsverein beauftragte Dame, Frl. Chanowitch, ließ sich aber durch diese Unpopularität a priori keineswegs abschrecken; trotzdem die ersten Monate für sie recht dornenvoll waren, da sich auch Schwierigkeiten mit der Regierung ergaben, blieb sie mit bewundernswerter Standhaftigkeit lange als die „bestgehaßte" Person in Saloniki und ließ sich durch die anfängliche gänzliche Unfruchtbarkeit ihres Wirkens ebensowenig beirren, wie durch Verdächtigungen und Hetzereien gewisser hiesiger Blätter, die in dem hebräischen Kindergarten mit Rech eine Stütze des nationalen Judentums sahen. Um so erfreulicher ist es, berichten zu können, da der hebräische Kindergarten heute der Stolz der Gemeint! Saloniki ist und lange nicht all die Kinder aufzunehme vermag, deren Eltern nichts sehnlicher wünschen, als ihr Kinder diesem Institut zuführen zu können. Frl. Che nowitch — so heißt sie bei den Kindern und Elter noch heute, trotz ihrer Verheiratung — ist jetzt eine äußer: populäre Persönlichkeit, die sich durch die schönen E folge des Kindergartens und der angeschlossenen Volk^ schule reichlich entschädig' weiß für all ihre aufopferung volle Mühe und Arbeit. Neben diesen Instituten des Hilfsvereins ist es v< allem die „Talmud Tora Hagadol", die die festeste Säu. des nationalen Judentums in Saloniki bildet. Diese groß mehr als 1000 Schüler zählende Armenschule steht unh der Leitung des bekannten, in jeder Beziehung nervo ragenden Pädagogen Dr. Isak Epstein, dessen Persöi lichkeit der Mittelpunkt ist, um den sich alle sammel; die in nationaler Arbeit hier tätig sind. Mit Ausnahm einiger weniger Disziplinen, die in türkischer Spracl unterrichtet werden, wird der gesamte Unterricht in h bräischer Sprache erteilt, und Dr. Epstein ist unermü lieh an der Arbeit, für seine Schüler brauchbare hebräisci Lehrbücher zu verfassen. Hoffen wir, daß das national Schulwerk in Saloniki weiter wachsen und gedeihen mög Neben den nationalen Schulen gibt es hier den „Cerc Maccabi", den großen nationalen Turnverein, ckauch hier zum Verbreiter der jungjüdischen Ideale unt r der Jugend geworden ist. In ihm wird jüdische Geistekultur ebensowohl gepflegt wie die Kultur des Körpers,

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